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The Tenant, 1976 – ★★★★★

DER MIETER
(LE LOCATAIRE, Frankreich, 1976, Regie: Roman Polanski)

Trelkovsky hat das Glück, eine Wohnung in Paris zu beziehen, da sich die Vormieterin aus dem Fenster gestürzt hat. Doch das Glück hält nicht lange an, denn der Vermieter und die anderen Mieter im Haus sind nicht gerade die Mitmenschen, die man sich wünscht. Abweichendes Verhalten, Lärm und andere Störungen werden kritisch beäugt und schnell kommt es zur ersten Diskussionen. Als Trelkovsky die Freundin der Vermieterin kennenlernt, bahnt sich eine Beziehung an. Stella macht Trelkovsky mit ihren Freunden bekannt, doch der fühlt sich zunehmend unwohl in seiner Haut. Der Druck, den der Vermieter und die anderen Mieter im Haus auf ihn ausüben, wird stärker und kratzt an seiner Persönlichkeit, die sich immer mehr zu verändern scheint. 

Als ich DER MIETER das erste Mal sah, hatte ich, wenn ich aus dem Fenster schaute, fast den gleichen Ausblick wie Trelkovsky. Eine runzelige, alte Fassade mit vielen Fenstern und ein dreckiger Innenhof schauten mich an. Der Schauplatz dürfte für die Meisten nachvollziehbar sein, und genau diese Nachvollziehbarkeit ist eine der Stärken in Polanskis Psycho-Thriller. Die Meisten werden das Gefühl kennen, neu in einem Mietshaus zu sein, sich den Gepflogenheiten anzupassen und möglichst nicht für Konflikte zu sorgen oder sich in die der Anderen einzumischen. Die Nachtruhe einzuhalten ist eine weitere Empfehlung, die hier mehr als einmal nachdrücklich ausgesprochen wird. „Die Vormieterin hat ab 22 Uhr Hausschuhe getragen…“, erwähnt der Vermieter fast wie ein Befehl. 

Auf äußerst eindringliche Art lässt Polanski Trelkovsky, den er selbst verkörpert, in eine Abwärtsspirale gleiten, in der er sich selbst immer mehr verliert und was von seiner Nachbarschaft offensichtlich befeuert wird, zumindest aus seiner Wahrnehmung heraus. Bissige Dialoge, erstklassige Darsteller und eine permanente Atmosphäre der Angst und Bedrohung machen aus DER MIETER einen äußerst spannenden Film, der durchaus Material zur Auseinandersetzung bietet und in einigen Momenten wunderbar unklar bleibt. Polanski ist als Trelkovsky wirklich zauberhaft und sorgt für viele unglaublich starke Szenen, die ihn mal hilflos, irritiert oder zutiefst verstört zeigen. An Polanskis Seite ist die zauberhafte Isabell Adjani, deren Gesicht als Stella fast hinter einer riesigen Brille verloren geht. Im Mietshaus selbst wohnt der Vermieter mit Frau, was immer eine verdammt schlechte Idee ist. Melvyn Douglas verkörpert Monsieur Zy, den sich wohl niemand als Vermieter wünschen würde. Die kratzbürstige Concierge des Hauses, die über alles und jeden glaubt, Bescheid zu wissen, wird von der tollen Shelley Winters gespielt. Sie und viele weitere Schauspieler sorgen in ihren Rollen für Szenen für die Ewigkeit. 

Trotz der Paranoia und der zunehmenden Wesensveränderung, die Trelkovsky durchmacht und auch beim Zuschauer für immer mehr Unwohlsein und Irritationen sorgt, liefert Polanski auch herrlich schräge, humorvolle Momente, wenn z.B. die von den anderen Mietern gehasste Madame Gaderian (Lila Kedrova) vor ihre Wohnungstüren kackt. „Nur vor Ihre Türe habe ich nichts gelegt“, sagt sie. Danach schmiert sich Trelkovsky selbst ein bisschen Kot von der Madame vor seine Wohnungstür, damit niemand glaubt, er hätte die Haufen gelegt. Doch die Auflockerung hält nicht lange, denn mit fortschreitender Spielzeit verdichtet sich DER MIETER und es kommt zu höchst beängstigenden Alptraumbildern. Es hat einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, wenn die anderen Mieter einfach nur im WC stehen und rüber in Trelkovskys Wohnung starren oder er einfach nur einen Zahn der Vormieterin in einem Loch in der Wand findet. Es sind viele Details, die den Film zusätzlich interessant gestalten, wie z.B. die ägyptische Symbolik.

Kamera-Legende Sven Nykvist liefert ein Meer an unglaublich atmosphärischen Bildern, die Trelkovskys Abstieg in einem alptraumhaften Paris zeigen. Das meiste spielt sich allerdings im Studio ab, in dem z.B. der komplette Hinterhof mit Hausfassade errichtet wurde. Aber es ist nicht nur die Architektur, die hier meisterlich eingefangen wurde, sondern auch die Darsteller, die einem manchmal förmlich ins Gesicht springen. Wie eine Spinne langsam ihre Beute eingewebt, ist es hier Philippe Sarde, der einen mit seinem Score zusätzlich packt und in die düstere Welt von Trelkovsky begleitet. 

DER MIETER ist in jeglicher Hinsicht ein Meisterstück und ein ausgesprochen gutes Beispiel für eine Romanadaption. Polanski und sein Drehbuchautor Gérard Brach
folgen Roland Topors Roman so genau, wie ich es selten erlebt habe. Wenn man sich etwas mit dem Werk von Topor beschäftigt, wird man gerade in seinen bizarren, überspitzen Zeichnungen ein stückweit die düstere Welt von Trelkovsky erkennen. 

DER MIETER ist ein beängstigender Psycho-Thriller über den Verlust der eigenen Identität, in dem Polanski als Regisseur jedes Rädchen komplett unter Kontrolle zu haben scheint, während er sie als Trelkovsky immer mehr verliert. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme und mein Lieblingsfilm von Roman Polanski. 

(Bjoern Candidus)

←The Return of the Texas Chainsaw Massacre, 1995 – ★½
Mad Dog Morgan, 1976 – ★★★★→

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