O FANTASMA
(Portugal, 2000, Regie: João Pedro Rodrigues)
Der 19-jährige Sérgio arbeitet in Lissabon als Müllmann. Doch er sammelt den Müll nicht nur beruflich ein, sondern durchsucht auch den Müll der Anderen, um Brauchbares mitzunehmen. Er findet z.B. ein paar Motorradhandschuhe mit denen er sich genüßlich einen runterholt. Sex ist ihm sowieso sehr wichtig, und er hat eine Affinität zu Hunden entwickelt, die er immer mehr imitiert. Er fokussiert sich auf Männer, die er beobachtet und die zu Objekten seiner Begierde werden.
Er wird immer mehr zu einem Phantom der Nacht, streift sich einen schwarzen Latexanzug über und verliert immer mehr die Kontrolle über sein Handeln.
João Pedro Rodrigues Debütfilm O FANTASMA ist ein klarer Sonderling. In sehr natürlichen Bildern lässt Rodrigues den durchaus attraktiven Sérgio durch das nächtliche Lissabon schleichen, um seine sexuellen Abenteuer zu erleben. Dabei kommt es zu teils bizarren Szenen, wenn er sich z.B. an ein Auto anschleicht, in dem ein gefesselter und geknebelter Polizist auf der Rückbank liegt. Diese scheinbar zufällige Begegnung nutzt Sérgio aus, um sich an dem Polizisten oral zu vergehen. Später wiederholt sich die Szene in etwa, nur hat dort ein Polizist die Überhand. Die sexuellen Handlungen, Anal- und Oralverkehr, finden entweder geschickt kaschiert oder in einer Unschärfe statt, bis auf eine Oralsex-Szene, die einen Penis umso deutlicher zeigt. Aber die sexuellen Handlungen sind nur das Beiwerk in einer Charakterstudie, die sich leider jeglicher Erklärung oder tieferer Auseinandersetzung durch die Figuren selbst verweigert. Dennoch liegen Themen wie sexuelle Begierden, Fetischismus, animalische Triebe, das abstreifen der alten Persönlichkeit zwecks einer neuen, die Auflösung der gesellschaftlichen Zugehörigkeit, Kritik an der Wegwerfgesellschaft vor. Doch O FANTASMA liefert nur wenige Dialoge, und Ricardo Meneses als Sérgio drückt mehr über seinen Körper und über sein Verhalten aus. Er scheint immer grimmig, kalt, bewegt sich kriechend, auf allen Vieren oder gebückt, schläft eingerollt, pisst in fremde Betten, knurrt seine Arbeitskollegin Fatima an, die offensichtlich in ihn verschossen ist, und trinkt gegen Ende aus einer Pfütze Brackwasser. Durch seine sexuellen Übergriffe wird es natürlich schwierig, ein Verständnis für ihn aufzubauen, doch Sérgio ist so grau gezeichnet, dass gerade deshalb eine gewisse Faszination entsteht.
O FANTASMA versprüht eine dichte Atmosphäre und ist insgesamt sehr ruhig inszeniert. Es hat schon was sehr Spezielles, wenn Sérgio ganz in schwarzem Latexs durch die Nacht schleicht, doch manchmal hat Rodrigues etwas die Zeit vergessen. Ein bisschen mehr Inhalt hätte O FANTASMA gut getan, denn im großen Ganzen hat Rodrigues ein sehr ansehnliches Psycho-Drama mit einem überzeugenden Hauptdarsteller geschaffen, zu dem die Meisten allerdings kaum einen Zugang finden werden, mutmaße ich.
(Bjoern Candidus)