
GEISSEL DES FLEISCHES
(Österreich, 1965, Regie: Eddy Saller)
Mit GEISSEL DES FLEISCHES hat Regisseur Eddy Saller einen packenden, realistischen Gerichts-Krimi inszeniert, in dem der Pianisten Alexander Jablonsky wegen einer Serie brutaler Frauenmorde vor Gericht gestellt wird.
Bereits die einleitende Texttafel, die vor einer drastischen Zunahme von Gewalt- und Sexualdelikten warnt, wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich vertraut und verleiht dem Film eine zeitlose Dimension. Es folgt eine drastische Szene, bei der eine noch unbekannte Person eine junge Frau unter der Dusche erwürgt. Nach diesem harten Einstieg entfaltet sich die Geschichte rückblickend über eine Gerichtsverhandlung, wo auch ein psychiatrisches Gutachten verlesen wird, um den Täter zu verstehen. In zahlreichen Rückblenden werden Verbrechen rekonstruiert, wobei deutlich wird, dass dem Angeklagten nicht jede Tat eindeutig zugeordnet werden kann. Dadurch entsteht eine interessante Spannung zwischen dem, was die Behörden vermuten und dem, was der Zuschauer bereits weiß.
GEISSEL DES FLEISCHES ist sehr dokumentarische inszeniert und bedient sich einem modernen Stil, und besonders die Kameraarbeit sei zu loben. Neben der Gerichtsverhandlung steht die Polizeiarbeit im Mittelpunkt, doch gerade die Szenen, in denen der Täter seine späteren Opfer beobachtet und sich ihnen nähert, sind von einer beklemmenden Intensität und haben mich an das Terrorkino der 70er-Jahre erinnert.
Mit Herbert Fux hat man natürlich genau den richtigen für einen Triebmörder gecastet. Fux trägt den Film mit einer eindrucksvollen, wortkargen Präsenz, die sehr unheimlich ist. Dass seine Figur zugleich als talentierter Musiker und Zeichner gezeigt wird, verstärkt die irritierende Ambivalenz. Stellenweise musste ich hier an MANIAC (1980/2012) denken. Sallers Inszenierung ist beängstigend realistisch und kompromisslos für eine österreichische Produktion von 1965. Das Zeigen der sexuellen Übergriffe spart man sich hier glücklicherweise, aber die Attacken gegen die weiblichen Opfer sind schon unangenehm genug.
GEISSEL DES FLEISCHES ist ein hochspannender, außergewöhnlich realistischer Thriller, der seiner Zeit visuell und inszenatorisch deutlich voraus ist.
(Bjoern Candidus)