
THE KILLER
(DIP HUET SEUNG HUNG, Hongkong, 1989, Regie: John Woo)
Ah Jong, ein Auftragskiller der Triaden, möchte seinen Job an den Nagel hängen. Doch bei seinem letzten Auftrag verletzt er die Sängerin Jenny am Auge. Zwar erledigt er den Auftrag, doch sein schlechtes Gewissen gegenüber Jenny ermutigt ihn, einen weiteren Auftrag anzunehmen, um mit dem Lohn eine Operation für Jenny zu bezahlen, die sonst droht zu vollständig zu erblinden. Inspektor Lee Ying ist Ah Jong auf der Spur, um weitere Morde zu verhindern. Doch nicht nur das Gesetz ist ihm auf den Fersen, sondern auch sein Boss selbst.
Mit THE KILLER hat John Woo nach CITY WOLF (1986) und CITY WOLF II (1987) nachgeladen und Chow Yun-fat ins nächste Abenteuer geschossen, in dem er in die Rolle des Auftragskillers Ah Jong schlüpft und ein weiteres Mal unter Beweis stellt, was für ein wunderbarer Schauspieler er ist. Sein Charisma durchstrahlt den gesamten Film, und Fat darf wieder sämtliche Facetten zeigen, die THE KILLER zu einem Meisterstück werden lassen. Freundschaft, Vertrauen und Ehre stehen auf dem Plan, und in Woo-typischer Art werden diese Themen zwischen Kugelhagel und Blutfontänen abgehandelt. Immer wieder kommt es zu heftigen Schießereien, wilden Verfolgungsjagden mit Autos oder anderen brachialen Auseinandersetzungen, die manchmal sogar Witz mit reinbringen, z.B. wenn Jenny mal wieder zwischen Ah Jong und Inspektor Lee Ying steht und glaubt, beide seien Freunde.
Gerade die Verbindung aus kompromissloser Härte, beinahe opernhafter Theatralik und großen Themen macht dieses Kino so unglaublich faszinierend, und THE KILLER ist voll davon, ohne jemals überladen zu wirken. Woo inszeniert die Geschichte mit einer unglaublichen visuellen Brillanz. In groben Schießereien, die zweifellos zum Besten gehören, was das Actionkino der 80er-Jahre hervorgebracht hat, werden Körper von Kugeln durchsiebt, Blut spritzt literweise durch die Gegend, und die zahlreichen Zeitlupenaufnahmen verleihen den Gewaltexzessen eine beinahe tänzerische Eleganz. Die Shootouts erreichen eine Intensität, die immer wieder fasziniert. Auch der Score von Lowell Lo wird perfekt eingesetzt und heizt die Spannung immerzu an.
Woo reduziert sich in seiner Hongkong-Phase nie nur auf bloße Aneinanderreihungen spektakulärer Gewalttaten. Hinter all der Härte verbirgt sich eine erstaunliche emotionale Sensibilität, die dem Geschehen eine zusätzliche Dimension verleiht. Neben Chow Yun-fat sind hier vor allem Danny Lee als Inspektor Lee Ying und Kong Chu als Sydney, der Freund von Ah Jong zu erwähnen, die allesamt herausstechen und wunderbare Dialoge bekommen. Und doch sind es oft nur Close-ups der Gesichter, die kurzen Blicke, das schweigsame Gegenüberstehen oder das beiläufige Anzünden einer Zigarette, die manchmal mehr erzählen als ganze Dialogpassagen.
In THE KILLER geht es nicht ausschließlich darum, möglichst viele Gegner blutig auszuschalten, vielmehr stehen menschliche Beziehungen, moralische Konflikte und persönliche Opfer im Mittelpunkt, und Woo besitzt ein außergewöhnliches Gespür dafür, solche Augenblicke einzufangen und ihnen eine Bedeutung zu verleihen, die weit über das herkömmliche Actionkino hinausgehen.
THE KILLER ist ein Meisterwerk des Hongkong-Kinos.
(Bjoern Candidus)