DOLORES
(DOLORES CLAIBORNE, USA, 1995, Regie: Taylor Hackford)
Dolores Claiborne wird vorgeworfen, ihre Arbeitgeberin Vera Donovan die Treppe heruntergestoßen zu haben, um sie zu töten. Detective John Mackey untersucht den Fall und ist sich sicher, dass es kein Unfall war, wie es Dolores behauptet, denn schließlich ist schon ihr Ehemann auf ominöse Art ums Leben gekommen. Damals konnte er ihr nichts nachweisen, doch diesmal ist er fest entschlossen, Dolores hinter Gitter zu bringen. Dann taucht Dolores Tochter Selena auf der Insel auf, die sie vor 20 Jahren verlassen hat.
Bei Stephen King muss man nicht lange suchen, um auf starke weibliche Figuren zu stoßen, die nicht selten von Problemen geprägt sind oder aber selbst Probleme bereiten. Annie Wilkes hat in „Misery“ (1987) den Schriftsteller Paul Sheldon in ihrem Haus gefangen gehalten, um ihn zu zwingen, ein weiteres Buch aus ihrer Lieblingsreihe zu schreiben. Dolores Claiborne schuftet hingegen für die Millionärin Vera Donovan und wird ansonsten von ihrem Ehemann beleidigt oder verprügelt. Wie in Rob Reiners Adaption MISERY (1990) ist auch in DOLORES die wunderbare Kathy Bates die tragende Figur. In beiden Fällen ist sie Gold. Und während man sie in MISERY schnell hassen lernt, leidet man hier mit ihr und kann ihr Handeln nachvollziehen.
Regisseur Taylor Hackford (IM AUFTRAG DES TEUFELS, 1997) hat es hervorragend verstanden, gleichzeitig zu einer dichten Story eine ebenso dichte Atmosphäre zu erzeugen, die mich (erneut) gut 130 Minuten gepackt hat. Der Inselschauplatz (gedreht wurde in Nova Scotia, Kanada) liefert viele schöne Impressionen. Der Atlantik prallt auf die Küste und Wolkenspiele zeichnen sich am Himmel ab. Und auch eine Sonnenfinsternis ist ein wichtiges Ereignis im Film. Für King-Fans ist diese Sonnenfinsternis etwas besonderes, da sie die Bücher „Dolores“ und „Das Spiel“ miteinander verbinden. In der Verfilmung wird diese Verbindung natürlich nicht aufgebaut und wurde, im Gegensatz zu der Vorlage, in die 70er-Jahren verlagert.
DOLORES springt auf mehreren Zeitebenen hin und her und liefert Häppchenweise immer mehr Wissen über Dolores Vergangenheit, ihren brutalen Ehemann Joe, ihrer vom Leid geprägten Tochter Selena und der drahtbürstigen Vera Donovan, die in ihrem Reichtum immer mehr zum Pflegefall wird. Vera wird von Judy Parfitt gespielt, der zwar verhältnismäßig wenig Spielzeit eingeräumt wird, aber diese hervorragend ausfüllt. Sie hat das perfekte Lächeln eines Miststücks, und deshalb sei sie hier zitiert: „Manchmal muss man als Frau ein Miststück sein, um in dieser Welt zu überleben.“
Ganz wunderbar und mit überzeugender Ekelhaftigkeit spielt David Strathairn Dolores Ehemann Joe, dem man mit Leichtigkeit volle Verachtung entgegenbringen kann und der sein Schicksal mehr als verdient hat. Während die junge Selena von Ellen Muth verkörpert wird, kommt mit der erwachsenen Selena Jennifer Jason Leigh ins Spiel, die ein weiteres Argument für DOLORES ist und gegen Ende richtig hochfährt. Aber noch nicht genug. Mehr am Rande ist John C. Reilly als Constable Frank Stamshaw und Eric Bogosian als Peter zu sehen. Wesentlich mehr Spielzeit bekommt Christopher Plummer als Detective John Mackey, der alles dran setzt, um Dolores verurteilen zu können. Ich liebe die Kälte, die der Mann ausstrahlen kann.
Inhaltlich bekommt man viele schwere Themen geboten, die bei King nichts Neues sind, sich aber selten ohne phantastische Elemente abspielen. Unterdrückung, Aufopferung, Alkoholismus, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt und Mordverdacht prallen hier aufeinander und werden durch Hackfords Inszenierung zusammengehalten. Die Fotografie von Gabriel Beristain ist zauberhaft, und die kräftigen Farben und Kontraste bewegen sich von warm zu eiskalt. Die packende Atmosphäre, die während der Sonnenfinsternis fast surreale Züge annimmt, wird unterstützt von Danny Elfmans Score.
Trotz einer anderen Erzählstruktur und einigen Abweichungen ist DOLORES ein Paradebeispiel für eine Stephen King-Adaption und ein glänzendes Beispiele für einen 90er-Jahre-Film.
(Bjoern Candidus)