DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN
(ISLAND OF LOST SOULS, USA, 1932, Regie: Erle C. Kenton)
Nachdem die Lady Vain in Seenot geraten ist, wird Edward Parker von einem anderen Schiff in seinem Rettungsboot geborgen. Über Telegramm erhält Parkers Geliebte die Nachricht, dass sie ihn bald wieder in ihre Arme nehmen darf. Das Frachtschiff transportiert wilde Tiere für den mitreisenden Dr. Moreau, der auf einer kleinen Insel experimentiert. Als es zu einem Konflikt zwischen dem Kapitän und Moreaus sonderbaren Mitarbeitern kommt, mischt sich Parker ein und schlägt den Kapitän nieder. Als der wieder zu sich kommt und den Doktor samt seiner Fracht absetzt, weigert er sich, Parker weiter mitzunehmen. Notgedrungen muss er mit Moreau und seinen Mitarbeitern auf die tropische Insel begeben, die von bizarren Gestalten, halb Tier, halb Mensch, bewohnt ist.
Die erste Adaption, die auf H. G. Wells Roman „The Island of Doctor Moreau“ (1896) basiert ist ein erstaunlich finsterer Film geworden, der aufgrund seiner Thematik, seiner Äußerungen und Darstellungen in einigen Ländern erst gar nicht aufgeführt wurde, z.B. auch in Deutschland.
Erle C. Kentons Inszenierung hält sich bis zur Mitte sehr dicht an Wells Vorlage und setzt von Beginn an auf eine bedrohliche Atmosphäre. Schon die Szenen auf dem Schiff, das wilde Tiere transportiert, gibt erste Einblicke in den Schrecken, der einen im weiteren Verlauf des Films erwartet. Der erste Tiermensch, der Begleiter Moreaus und seines Assistenten Montgomery, könnte noch als echter Mensch durchgehen, allerdings mit haarigen Spitzohren, aber mit Betreten der Insel, werden auch die Gestalten bizarrer. Hier haben die Maskenbildner richtig gute Arbeit geleistet. Latexwülste wurden den Darstellern ins Gesicht geklebt, um Schnauzen oder Stirnen zu Formen, zudem sind sie übersät mit angeklebten Haaren. Die Darstellung und das Verhalten der Tiermenschen entspricht sehr den Beschreibungen Wells, auch wenn ihr Spielraum begrenzt ist. Der Verkünder des Gesetztes, was Moreau ins Leben gerufen hat, wird von Bela Lugosi verkörpert, der kaum zu erkennen ist. Das Gesetz besagt, dass der Tiermensch kein Fleisch essen darf, dass er sich nicht auf allen Vieren fortbewegen darf und dass er kein Blut vergießen darf. Andernfalls droht ihm „das Haus der Schmerzen“, in dem der Gesetzesbrecher gefoltert wird.
Aber nicht nur die Tiermenschen sorgen für Stimmung, sondern auch Charles Laughton als Dr. Moreau, der im Rahmen grauenhafter Experimente an Tieren seine Tiermenschen erschaffen hat. Er ist arrogant, überheblich, sadistisch und fühlt sich wie Gott, der neue Lebewesen erschafft. Der Größenwahn steht Laughton perfekt und es macht großen Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Weniger eindringlich ist Richard Arlen als Edward Parker (im Roman: Edward Prendick). Arlen wirkt etwas steif, als wäre er noch im Stummfilm verankert. Ein großer Unterschied zur Vorlage ist das Auftauchen zweier weiblicher Figuren. Zum einen ist da Ruth, die Geliebte von Edward, die man am Anfang kennenlernt und ab der Hälfte des Films mit einem Seemann, die Insel aufsucht. Zum anderen ist da Lota, eine Pantherfrau, die sich durch ihre Krallenhände verrät. Für Hollywood-Romantik wird hier also gesorgt, auch wenn es absolut nicht nötig gewesen wäre. Dadurch weicht auch das Ende des Romans in dieser Adaption unschön ab.
Äußerst gelungen sind die Kulissen des Hauses, was eher einer Tempelanlage gleicht und der dichte Dschungel, der immer wieder von Nebel durchgezogen wird. Die dichten Schwarzweiß-Bilder und der Schattenwurf in den Gesichtern der Figuren betonen die düstere Atmosphäre von DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN. Auch wenn die grausamen Experimente des Dr. Moreau hier in erster Linie nur angedeutet werden, sind eine Szenen für 1932 schon erstaunlich garstig.
Auch wenn DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN machmal etwas zu gehetzt wirkt und die Beweggründe Moreaus auf ein Minimum gepresst wurden, hat Kenton einen kurzweiligen, düsteren Abenteuer-Horrorfilm mit wirkungsvollen Masken geschaffen.
(Bjoern Candidus)