JULIA’S EYES
(LOS OJOS DE JULIA, Spanien, 2010, Regie: Guillem Morales)
Die beiden Zwillingsschwestern Julia und Sara leiden an einer degenerativen Augenkrankheit, an der sie erblinden werden. Eines Tages beschließt Sara, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Als ihre Schwester Julia und ihr Mann Isaac längere Zeit nichts mehr von Sara hören, fahren sie zu ihrem Haus und finden Sara aufgehängt im Keller vor. Während die Polizei klar von einem Selbstmord ausgeht, glaubt Julia an ein Verbrechen. Als sie herausfindet, dass Sara einen Liebhaber hatte, begibt sie sich selbst in Lebensgefahr.
Seit Mitte der 90er-Jahre hat das spanische Kino den Thriller für sich entdeckt und in unregelmäßigen Abständen durchaus gut inszenierte Produktionen hervorgebracht. Der von Guillermo del Toro produzierte und unter der Regie von Guillem Morales entstandene JULIA’S EYES orientiert sich dabei ein wenig an das italienische Giallo-Kino und erinnert vor allem an die Filme von Dario Argento. Auf die Schauwerte, die der Maestro zu seinen besten Zeiten geliefert hat, muss hier allerdings verzichtet werden. Obwohl der Film ordentlich fotografiert wurde, bedient man sich immer wieder Farbfiltern, die das Bild gräulich erscheinen lässt, um die an sich schon drückende Atmosphäre zu verstärken. Das unnatürliche Bild geht glücklicherweise in den Innenaufnahmen verloren, die wiederum sehr gut ausgeleuchtet wurden. Das heikle Angst-Thema „Blindheit“, was wohl jeden ansprechen dürfte, wird manchmal visuell geschickt genutzt. Immer wieder sieht man Julia mit Personen sprechen, die sie nicht mehr sehen kann und der Zuschauer nur von hinten sieht. Wie Julia lernt auch der Zuschauer sie nur über ihre Stimmen kennen, was durchaus wirkungsvoll ist.
JULIA’S EYES zeichnet sich aber nicht nur durch ein gutes Handwerk aus, sondern bietet auch ordentliche Darsteller. Belén Rueda liefert als Julia / Sara eine solide Performance ab. Lange Zeit ist sie die dominierende Figur und ist fast in jeder Szene zu sehen. Ihr Ehemann Isaac wird von Lluís Homar verkörpert, während ihr Pfleger von Pablo Derqui gespielt wird. Darstellerisch darf man sich nicht beschweren und bekommt, wie oft im spanischen Kino, gute Leute geboten.
Doch JULIA’S EYES hat auch Schattenseiten. Mit fast zwei Stunden Laufzeit ist Morales Film einfach zu lang geraten. Immer wieder dehnt er Szenen unnötig aus oder trifft merkwürdige Entscheidungen, die die Inszenierung ausbremsen. Vor allem ab dem Punkt, wo man die Identität von Julias / Saras Peiniger kennt, geht die Spannung merklich verloren. Auch das Finale ist viel zu lang geraten, schließt den Film aber letztlich konsequente ab.
JULIA’S EYES ist insgesamt ein gut konstruierter Thriller, der durchaus spannende, aber auch zähe Momente liefert. Die guten Darsteller gleichen die digitalen Schönheitsfehler aus, die gar nicht nötig gewesen wären.
(Bjoern Candidus)