CANNIBAL GIRLS – DER FILM MIT DER WARNGLOCKE
(CANNIBAL GIRLS, Kanada, 1973, Regie: Ivan Reitman)
Clifford und Gloria, ein junges Liebespärchen, haben eine Autopanne in der Nähe eines verschneiten Küstenstädtchens in Kanada. Hilfe kommt sofort. Drei junge Damen kreuzen auf und bieten ihr Haus zur Unterkunft an. Clifford und Gloria nehmen das Angebot dankend an, denn sie ahnen noch nicht, was auf dem Speiseplan der Damen steht.
Ivan Reitmans (GHOSTBUSTERS, 1984) zweiter Langfilm wandelt auf bekannten Pfaden und ist gleichzeitig seiner Zeit voraus. Filme wie BLOOD FEAST (1963) oder 2000 MANIACS (1964) von Herschell Gordon Lewis liegen auf der Hand, aber auch TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), der ein Jahr später das Licht der Welt erblicken sollte, ist hier klar zu spüren und zu sehen, wie auch ein DEAD & BURIED (1981) von Gary Sherman. Was als erstes ins Auge sticht, weil es insgesamt relativ selten ist im Horrorfilm: das Schnee-Setting. Man hat die bekannte Kulisse einer Kleinstadt, wie man sie auch in US-Produktion vorfindet, aber statt einer staubigen, hitzigen oder verregneten Umgebung, liegt Schnee. Sehr schön. Hier kam mir dann auch der wunderbare DERANGED (1974) von Alan Ormsby in den Sinn, einer ebenfalls kanadischen Produktion. Der Score von Doug Riley ist sehr gut und abwechslungsreich. Er reicht von schwer und melancholisch bis unheimlich und heiter. Also eine Mischung, die dieser Film durchaus benötigt. Auch wenn sich die Inszenierung größtenteils düster und bedrohlich anfühlt, schwingt auch immer wieder etwas Humor mit, der aber nur selten in Albernheit verkommt. Andererseits macht diese Mischung den Film auch etwas unklar bis befremdlich. Dass Reitman ein gutes Gespür für Figuren hat, zeigt er nicht erst in GHOSTBUSTERS. Die Figuren die hier auftauchen, und dabei ist es egal, auf welcher Seite sie stehen, sind verschoben, skurril oder geheimnisvoll. Auch wenn die Darsteller nicht unbedingt das Aushängeschild des Films sind, passen sie gut ins Gesamtbild. Mit Eugene Levy ist hier sogar ein Star an Bord, der er allerdings damals noch nicht war. Seine Film-Freundin, Andrea Martin, kennt man im Übrigen aus BLACK CHRISTMAS (1974). Sowohl der Titel als auch der Inhalt könnte auf ein blutigen Film schließen, aber im Grunde ist hier nicht viel zu sehen. Die Mord-Szenen finden meist im Off statt und sind nichts im Vergleich zu dem, was H. G. Lewis 10 Jahre zuvor abgeliefert hat. Umso verwunderlicher ist es, dass man den Film im Kino mit einem William Castle-artigen Feature ausgestattet hat. Vor jeder Mord-Szene ertönte eine Warnglocke, damit man Zeit hatte, sich auf „Schlimmes“ einzustellen. Nach jeder dieser Szenen gab es auch ein Geräusch zur Entwarnung.
Um als großer Klassiker des Genres durchzugehen, ist CANNIBAL GIRLS für mich etwas zu handzahm, zu wankelmütig und zu unbestimmt, aber er macht Spaß und er ist ein wichtiger Film für die damalige kanadische Filmindustrie, und der wohl wichtigste Film für die kanadische Horrorfilm-Industrie, da er dort der erste seiner Art war. Dann kam Clark, Ormsby und dann kam David Cronenberg und revolutionierte das Genre.
(Bjoern Candidus)