BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN
(NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO, 1973, Regie: Vittorio Salerno)
An einem See beobachtet Fabio einen älteren Mann, der eine Frau mit einer Eisenstange erschlägt. Statt einzugreifen, bleibt er geschockt vor dem Täter stehen und flüchtet dann mit seinem Auto. Aus Angst, man könnte ihn selbst für den Täter halten, beschließt Fabio, nicht zur Polizei zu gehen. Ein folgenschwerer Fehler, denn der eigentliche Täter, Professor Eduardo Ranieri, geht selbst zur Polizei und behauptet, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Er gibt eine genaue Täterbeschreibung ab, die Fabio am anderen Tag in der Zeitung liest. Für Fabio beginnt eine Zeit der Angst, in der er sich optisch verändert und versucht, den Täter zu finden und ihn dazu zu bringen, bei der Polizei die Wahrheit zu sagen.
Vittorio Salerno hat hier ein packendes Krimi-Drama gewerkelt, was mich von der ersten bis zur letzten Minute fest im Griff hatte. Als Zuschauer kennt man von Anfang an die Wahrheit, um die der Protagonist Fabio kämpfen muss. Der Täter macht den Zeugen zum Täter und die Polizei glaubt ihm. Das macht BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN zu einem hoch spannenden Film, der bei mir immer wieder Wut ausgelöst hat. Was für eine Ungerechtigkeit!
Aber es sind vor allem auch die sehr starken Darsteller, die Salernos Film nach ganz oben befördern. Der Familienvater und Flughafenmitarbeiter Fabio wird von Enzo Cerusico dargestellt, dem man das Leid förmlich ansieht. Da Fabio größtenteils auf sich allein gestellt ist und einen Großteil der Inszenierung ausmacht, wird sein Charakter durch das Hören seiner Gedanken vertieft.
Die Wut kocht hingegen auf, wenn sich Riccardo Cucciolla als Professor Eduardo Ranieri zeigt und sich als unschuldiges Männlein gibt, was sich über seines guten Rufes bewusst ist. Cerusico und Cucciolla reichen schon aus, um großartig unterhalten zu werden, doch Salerno baut noch seinen Bruder, den wundervollen Enrico Maria Salerno als Journalisten mit ein, um ein perfektes Trio zu bilden. Enrico Maria Salerno läuft auch hier wieder zum Hochgenuss auf und füllt den Raum mit seinem Charme und seinem Zigarrennebel.
BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN ist nicht nur inhaltlich und darstellerisch stark, sondern ist auch hervorragend fotografiert. Besonders toll ist das plötzliche Auftauchen von Polizeiautos, von denen man immer nur das Dach und das Blaulicht sieht, während man dazu einen Herzschlag hört, vermutlich den von Fabio. Es kommt auch zu kleineren Autoverfolgungsjagden, die der Inszenierung zusätzlichen Schwung verpassen, vielleicht, um so auch etwas dem gängigen Prinzip ähnlich gelagerter Produktionen gerecht zu werden. Zu all dem gesellt sich ein schöner Score von Riz Ortolani.
BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN ist ein hervorragend inszeniertes Krimi-Drama, was in alle Belangen funktioniert und einem ein weiteres Mal die Machtlosigkeit Unschuldiger vor Augen führt.
Hinweis: Unbedingt den Director‘s Cut schauen, um sich das aufgezwungene Ende zu sparen.
(Bjoern Candidus)