
GOOD BOY – WIR WOLLEN NUR DEIN BESTES
(Polen, GB, 2025, Regie: Jan Komasas)
Tommy, ein krimineller Jugendlicher, der seine Zeit mit Pöbeleien, Gewalttaten und Drogenkonsum vertreibt, wird von einer Familie entführt, die den Jungen im Keller gefangen hält. Sie wollen Tommy auf die Bahn der Tugend bringen, was sich anfänglich nicht gerade als einfach herausstellt. Doch nach einigen Lektionen, die auch körperliche Gewalt beinhalten, scheint Tommy langsam eine neue Sicht zu gewinnen und wird immer mehr ins Familienkonstrukt mit einbezogen.
GOOD BOOY vom polnischen Regisseur Jan Komasas besitzt eine durchaus interessante Prämisse, die allerdings nicht gerade neu ist. Filme wie CLOCKWORK ORANGE (1971) oder HAUS DER PEITSCHEN (1974) schwingen mit, auch wenn die Rahmenhandlung eine gänzlich andere ist. Als Zuschauer bekommt man von Tommy zu Beginn an genug zu sehen, um sein Verhalten zu hassen. Ebenso hasst man die Familie, die sich mit einer Entführung strafbar macht und den Weg der Selbstjustiz geht. Das bringt einen in eine moralische Zwickmühle. Dass die Familie, bestehend aus Vater Chris, Mutter Kathryn und Sohn Jonathan, offensichtlich nicht nur eine eigene Auffassung vom Gesetz hat, wird schnell klar. Offensichtlich hat hier jeder ein psychisches Problem, und es sind gerade die Figuren und die guten Schauspieler, die GOOD BOY durchaus unterhaltsam machen.
Anson Boon spielt den Wüterich Tommy, der in erster Linie aufgrund der Situation, in der sich befindet, mit Kraftausdrücken um sich wirft oder auch schon mal seine uringeträngte Hose in das Gesicht von Mutter Kathryn schleudert. Kathryn wird von Andrea Risebrorough gespielt, die mal wieder komplett von einer anderen Welt zu sein scheint. Sie liefert ein paar richtig starke Momente. Aber auch Vater Chris wird überzeugend von Stephen Graham verkörpert, der sich sehr ambivalent verhält. Dass Sohn Jonathan bei solchen Eltern selbst nicht ganz in der Realität verankert ist, erklärt sich wohl von alleine. Das Familienkonstrukt wird erweitert mit einer Haushaltshilfe, die man aufgrund ihres illegalen Aufenthalts in England soweit in der Hand hat, damit sie die Entführung nicht anzeigt. Diese Figur gehört leider zu einer der Fehlentscheidungen von denen es ab der Hälfte der Spielzeit immer mehr gibt. Fühlt sich die erste Hälfte der Inszenierung frisch an, hatte ich ab der zweiten immer mehr das Gefühl, einen Film zu sehen, den ich schon unzählige Male gesehen habe. Zwar ist das Spiel der Schauspieler stets gut, doch inhaltlich verliert sich der Film immer wieder, verlässt seine Themen, um neue aufzumachen oder bedient sich Klischees, die er eigentlich nicht nötig hat.
Rein visuell kann man GOOD BOY nichts vorwerfen. Die Fotografie ist gut, die Atmosphäre insgesamt sehr dicht. Etwas drückend ist der melancholische Score von Abel Korzeniowski, der gleichzeitig sehr generisch klingt.
GOOD BOY ist ein Film mit guten Ansätzen und starken Darstellern, der sich aber in seinen vielen Themen verliert und ein höchst fragwürdiges Ende bereithält.
(Bjoern Candidus)