DER ZEUGE HINTER DER WAND
(NIGHT HAIR CHILD, Deutschland, GB, Italien, Spanien, USA, 1972, Regie: James Kelley & Andrea Bianchi)
Der zwölfjährige Marcus besucht seinen Vater Paul und seine neue Liebe, die gerade mal 22jährige Elise. Seine Mutter ist durch einen Stromschlag in der Badewanne gestorben. Da sein Vater selbst noch nicht zu Hause ist, trifft Marcus allein auf Elise. Schon bei der ersten Begegnung wird klar, dass sich hier vermutlich keine Freundschaft entwickelt. Erst kommt es zu einem kleinen sexuellen Übergriff von Marcus an Elise, dann beginnt dieser mit Lügen und Intrigen gegen sie zu arbeiten, als sein Vater nach Hause kommt. Als sich die Situation weiter zuspitzt, beginnt Elise Nachforschungen über Marcus Verhalten in der Schule herauszubekommen. Als es heißt, er hätte eine Katze gefoltert und getötet, wird ihr immer mehr klar, was für ein Teufel hinter dem Engelsgesicht steckt.
Regie führten hier James Kelley, der vorher den durchaus ansprechenden britischen Horrorfilm DER KELLER (1971) drehte und als Co-Regisseur Schmierspezialist Andrea Bianchi, der uns mit so netten Filmen wie DIE RACHE DES PATEN (1974), NACKT FÜR DEN KILLER (1975), MALABIMBA – KOMM MACHS MIT MIR (1979) oder DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES (1981) beschenkte. Bianchis spezieller Geschmack, Sex mit Gewalt, Unterdrückung oder Tod zu verbinden, scheint hier schon aufzuflackern, schrieb er doch auch mit am Drehbuch von Trevor Preston, was wiederum auf einer Story von Erich Kröhnke basiert.
Der Film startet direkt mit dem tödlichen Unfall einer Frau in einer Badewanne und wird dann sofort mit den wundersamen Klangkleidern von Stelvio Cipriani geschmückt. Sind wir denn hier in Bella Italia? Nein, zumindest nicht was den Drehort angeht, denn wir befinden uns in Spanien (und in England). Das Setting, eine abgelegene Villa in Almería, ist sehr einladend, und die Hitze ist ein guter Partner für den garstigen Inhalt. Visuell stimmt hier alles. Aber auch die Darsteller wissen zu überzeugen. Besonders loben muss man den damals 14jährigen Mark Lester (WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET?, 1972), durch dessen Nackt-Szene (er sitzt nur nackt in der Badewanne) und seine sexuellen Ausflüge, der Film durchaus von einigen geächtet wurde. Er spielt wirklich gut. Auf der Gegenseite steht die schöne Britt Ekland, die man als Willow aus THE WICKER MAN (1973) kennt. Auch sie macht sie einen guten Eindruck. Etwas blass bleibt Hardy Krüger als Schriftsteller Paul, aber der Fokus des Films liegt auch klar auf seinem Sohn Marcus und Elise. Und in einer kleinen, aber feinen Szene darf sich auch die wunderbare Lilli Palmer zeigen.
Der Film ist ein ganz klares Produkt der 1970er-Jahre. Man will provozieren, die Grenzen ausloten und die Konventionen abstreifen oder beschmutzen. Für damalige Verhältnisse dürfte das funktioniert haben. Für mich hat er auch heute funktioniert, vielleicht auch deshalb, weil ein Film wie dieser kaum noch möglich ist.
DER ZEUGE HINTER DER WAND ist ein sexuell aufgeladenes, grimmiges Psycho-Thriller-Drama, dem es zwar etwas an Spannung fehlt, aber durch die Story und die Figuren alles wieder ausgleicht.
(Bjoern Candidus)
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