DIE SPALTE
(Deutschland, 1971, Regie: Gustav Ehmck)
Die 15-jährige Sophie hat genug vom strengen Leben im Kinderheim und sucht das Weite. Als sie Hotte kennenlernt, glaubt sie eine helfende Hand gefunden zu haben, doch der stellt sich als Zuhälter heraus. Es dauert nicht lange, bis er sie „spielend“ gefügig macht und auf den Strich schickt.
Bevor der Film startet, wird man darüber aufgeklärt, dass sich das Schicksal des Mädchens im Film genau so auch in der Realität zugetragen hat. Weiter heißt es: Dieser Film ist ungeschminkt und deshalb unbequem. Er zeigt die Wirklichkeit.
Gustav Ehmck (DER RÄUBER HOTZENPLOTZ, 1974) dürfte mit diesem Film 1971 einige Zuschauer gespalten haben. Wie die anfängliche Texttafel schon sagt: ungeschminkt und deshalb unbequem – das ist das Programm von DIE SPALTE. Bereits 1970 wurde der deutsche Zuschauer mit Ernst Hofbauers Film SCHULMÄDCHENREPORT ans nackte Fleisch von heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen auf der Kinoleinwand gewöhnt, und das extrem erfolgreich. Und schon ein Jahr später kommt Gustav Ehmck um die Ecke und präsentiert die Schattenseiten der Sexualität. Auf äußerst kalte, fast emotionslose Art bekommt man hier den Leidensweg der 15-jähigen Sophie präsentiert, dargestellt von der damals bereits schon 27-jährigen Gerhild Berktold. Sophies Leben steht unter keinem guten Stern. Erst legt ihre Mutter sie als Baby auf die Gleise, dann stirbt ihrer Großmutter, bei der sie aufwächst, es folgt ein Leben in einem von Nonnen geführtem Kinderheim und von dort landet sie auf dem Kinderstrich. Kein Werdegang, dem man einem wünscht.
DIE SPALTE ist ein durch und durch unangenehmer Film, der vor allem das Bild des Mannes präsentiert, der sich nimmt, was er will, wie er es will und wie oft er es will. Ihm gegenüber steht ein junges, hilfloses Mädchen. Etwas sonderbar erscheint es, dass Ehmck bei den Vergewaltigungs-Szene eher draufhält (nicht im Sinne von Hardcore-Sex, den es hier freilich nicht gibt) und so dem Zuschauer im schlimmsten Fall dazu animieren könnte, sich daran zu laben. Denn eigentlich will dieser Film doch als Warnung verstanden werden und nicht als Sexploitation. Doch das eine muss nicht zwangsläufig das andere ausschließen, und dafür ist dieser Film ein sehr gutes Beispiel. Ehmck muss nicht mal den moralischen Zeigefinger auspacken, weder mit Hilfe eines Off-Kommentars noch durch Dialoge. Alles sollte sich durch Gezeigtes selbst erklären. Insgesamt ist der Film sehr wortkarg und wenn gesprochen wird, geht es selten um Herzlichkeiten. Der Film wirkt authentisch; vergilbte Wohnungen, Zigarettenqualm, Alkohol und Ranz beseelen die Inszenierung. Ich habe mich zu jeder Minute dreckig gefühlt, und nicht nur einmal musste ich ans italienische (S)Exploitation-Kino denken, bevor mir wieder bewusst wurde, in welchem Land ich hier bin.
Ein weiteres Aushängeschild sind die wenigen Darsteller, die sich zwar nicht mit schauspielerischem Geschick, aber dafür mit Authentizität schmücken. Gerhild Berktold sagt als Sophie ohnehin nicht viel, das übernimmt Hotte, ihr Zuhälter, der von Axel Schiessler (DER AMERIKANISCHE FRRUND, 1977) dargestellt wird.
DIE SPALTE ist ein starkes Stück deutsche Kinogeschichte. Ein Film, der bis heute nichts von seiner Wirkung und Wichtigkeit verloren hat, auch wenn über 50 Jahre vergangen sind.
(Bjoern Candidus)
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