DRACULA
(DRACULA, GB, 1958, Regie: Terence Fisher)
Nachdem großen Erfolg, den die Hammer-Studios mit FRANKENSTEINS FLUCH (1957) hatten, sollte schnell eine weitere Horror-Ikone das Geld in die Kasse spülen. Und so beauftragte man erneut Terence Fisher, der sich diesmal um Dracula kümmern sollte.
Das Hauptproblem von DRACULA war, wie schon bei Brownings Adaption von 1931, das schmale Budget, was zur Verfügung stand. Das führte zu zahlreichen Veränderungen gegenüber Stokers Roman, und in diesem Punkt ist Fishers Adaption die, die vielleicht von allen am meisten abweicht. Die Handlung spielt nur in Transsilvanien und reduziert sich im Grunde auf nur zwei unterschiedliche Orte. Das hat die Schifffahrt gespart, die sich das Studio nicht leisten konnte. Figuren wie Renfield und Quincey Morris wurden entfernt, andere Figuren hingegen vertauscht. Jonathan Harker (John Van Eyssen) ist hier der Verlobte von Lucy (Carol Marsh), die wiederum die Schwester von Arthur Holmwood (Michael Gough) ist, der mit Mina (Melissa Stribling) verheiratet ist. An Dr. Seward (Charles Lloyd Pack) wurde gedacht, aber der bekommt aber nur wenig Spielraum. Draculas Bräute wurden auf eine Braut reduziert, ebenso fällt eine Verwandlung in eine Fledermaus oder in einen Wolf weg. Aber all die Abweichungen haben dennoch dazu geführt, dass Jimmy Sangster ein gelungenes Drehbuch geschrieben hat, was zu einer alternativen, aber sehr stimmigen Dracula-Adaption wurde.
Jonathan Harker, der sich als Bibliothekar bei Dracula vorstellt, ist hier eigentlich ein Vampirjäger, der gemeinsame Sachen mit Van Helsing macht. Und das führt mich endlich zu Peter Cushing, der als Vampirjäger eine ganz hervorragende Figur abgibt. Er bringt Schwung und Feuer in die Inszenierung und hat den besten Gegenspieler, den man sich für Cushing wünschen kann: Christopher Lee. Auch wenn Lee hier, im Gegensatz zu seiner Darstellung als Dracula bei Jess Franco, optisch deutlich von der Vorlage abweicht, ist sein aristokratisches, kaltes Auftreten Ehrfurcht erregend. Sein Gesicht, seine Stimme, seine Größe, sein Cape… Und wenn ihm der Zorn in die Augen fährt, er seine Zähne fletscht und zum aggressiven Einschreiten übergeht, ist er ganz nah am Roman. Lee ist und bleibt für mich der überzeugendste Dracula (die Nosferatus ausgelassen). Da dieser Film der erste Horrorfilm war, den ich in meiner Kindheit Ende der 80er-Jahre gesehen habe, gehören Lee und Cushing ohnehin zum Fundament meiner Film-Sozialisierung. Dieser Film erweckte die tiefe Liebe für den Horrorfilm in mir.
Aber zurück zur Inszenierung, die nicht nur sehr kurzweilig ist und oft rasant zur Sache geht, sondern auch prächtig aussieht. Bereits die Titelsequenz, in der man Draculas Schloss bewundern darf, lädt zum gruseln ein und zeigt die hohe Kunst der Matte Paintings und Studiokulissen, die zum Zauber der Hammer-Filme gehören. Mit fortschreitender Spielzeit wird DRACULA immer atmosphärischer, spannender und unheimlicher bis zum temporeichen Finale. Aber auch in Sachen Gewalt und Erotik schenkt Fisher aus, was vorab schon zu Problemen mit der britischen Zensurbehörde führte. Gerade in Bezug auf die erotische Darstellung war dieser Film wegweisend für das britische Kino. Abgerundet wird der Film von einem sehr energiegeladenen Score von James Bernard, dessen Dracula-Thema bis ins Mark dringt.
Trotz vieler Veränderungen gegenüber der Vorlage hat Fisher mit DRACULA eine ganz zauberhafte Adaption geschaffen, die für die Hammer-Studios ein riesigen Erfolg bedeutete und eine ganze Film-Reihe um Lee als Dracula auslöste.
(Bjoern Candidus)
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