NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT
(EL CONDE DRÁCULA, Deutschland, GB, Italien, Spanien, 1970, Regie: Jess Franco)
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Jess Franco, eine der werkgetreusten Adaptionen von „Dracula“ gezimmert hat? Mir scheint, die Wenigsten, wo der Mann doch zu Unrecht von vielen geächtet wird. Immerhin wird NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT dann doch gerne als gutes Beispiel erwähnt. Mir würden da noch andere einfallen, aber das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig sei zu erwähnen, dass es sich hier um eine Produktion von Harry Alan Towers handelt, für den Franco bereits Filme wie DER HEISSE TOD (1969) oder DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR (1970) drehte.
Wie bei Fishers DRACULA (1958) startet auch Franco mit Draculas Schloss, nur hier ist es ein echtes und keine Kulisse. Der unheilschwangere Score von Bruno Nicolai unterstreicht den Grusel, der hier bereits in ersten Minuten entfacht wird. Es folgt Jonathan Harkers Zugfahrt nach Bistritz, die abergläubischen Einheimischen (es wird sogar an die St. Georgsnacht gedacht), die Fahrt mit einer Kutsche zum Borgopass, der Umstieg in Draculas Kutsche und Wölfe, die die unheimliche St. Georgsnacht begleiten. Franco hat hier bereits mit wenigen Mitteln (Nebel) ein paar unheimliche Momente geschaffen. Was allerdings auch immer wieder auffällt, vor allem, bei den Außenaufnahmen von Architektur und Grünanlagen, dass man sich in südlicheren Gefilden Europas bewegt. Das meiste Material wurde in Spanien gedreht. Das macht überhaupt nichts und ist im Francoversum ohnehin nichts Ungewöhnliches. Dass man es hier neben Studioaufnahmen auch mit vielen echten Schauplätzen zu tun hat, macht die Inszenierung etwas greifbarer, realistischer, aber auch kälter als im direkten Vergleich zu Fishers Adaption, die wie ein Märchen-Horrorfilm aussieht. Hier ist ein Vergleich sogar angebracht, da Christopher Lee in beiden Filmen Dracula verkörpert. Während sich Lees Kälte und Reserviertheit kaum unterscheidet, sieht es mit seinem Äußeren ganz anders aus. Er hat weißgraue Haare (schwarz, wenn er sich verjüngt) und einen Schnurrbart. auf sein schwarz-rotes Cape verzichtet er. Das mag nach den zahlreichen Auftritten, die Lee als Dracula für die Hammer-Filme hatte, etwas sonderbar wirken, ist aber wesentlich näher an Stokers Vorlage dran. Auch der Dialog zwischen dem Grafen und Jonathan gestaltet sich weitaus intensiver, was vor allem daran liegt, dass hier fast eins zu eins aus dem Roman zitiert wird. Lee hat sich hier hervorragend eingebracht.
Franco hat versucht, möglichst viel zu übertragen, ohne die Inszenierung träge erscheinen zu lassen. Er baut sogar die ihr Baby zurückfordernde Mutter vor Draculas Toren ein und denkt freilich auch an Draculas Bräute, die mit dem Baby abgespeist werden, da Harker schließlich dem Graf gehört.
Wie bei Fishers DRACULA gibt es auch bei NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT Ungereimtheiten beim Handlungsort, der sich durch die jeweiligen Sprachfassungen ergibt. In der deutschen Fassung ist von Transsilvanien und Ungarn, bzw. Budapest die Rede, wo Harker nach seinem Fall in den Fluss angespült wird. In ausländischen Fassungen führt der Weg nach London. In erster Linie hält man sich dann erst mal in der Klinik von Professor Van Helsing und Dr. Seward auf, die letztlich überall sein könnte. Dort lernt man dann auch Renfield kennen, der von Klaus Kinski dargestellt wird. Kinski geht dabei sehr geschickt vor, glaubt man doch, er würde gleich völlig ausrasten, weil man es erwartet. Aber nein, er spielt einen fast schweigenden Renfield, der mal eine Fliege isst und mal sein Essen an die Wand schmiert. Es folgen die bekannten Verläufe. Dracula krallt sich Lucy, Lucy stirbt, Lucy wird zum Vampir, lockt ein kleines Mädchen an, etc.
Die Besetzung ist durch die Bank gelungen und liefert neben Christopher Lee und Klaus Kinski weitere gute Bekannte aus zahlreichen Jess Franco Filmen. Kalt und steif wie immer ist Herbert Lom, der als Van Helsing am Start ist. Etwas mehr Leben kommt mit Paul Muller als Dr. Seward. Die beiden Grazien, Lucy und Mina, werden von Soledad Miranda und Maria Rohm verkörpert, während der smarte Fred Williams Jonathan Harker verkörpert. Auf Arthur Holmwood (aka Lord Godalming) wurde hier verzichtet. Seine Figur fließt in Quincy Morris ein, der mit Jack Taylor besetzt wurde.
Auch Franco bedient sich Alternativen und lässt gewisse Dinge aus, vor allem ab der Hälfte, aber insgesamt ist der Aufbau sehr dicht am Roman. Da man sich die Hinfahrt mit der „Demeter“ gespart hat, gibt es im letzten Drittel den Moment in dem Dracula seine Flucht mit der „Czarina Catharina“ nach Varna antritt, bevor es dann zu einem abweichenden Ende vor seinem Schloss kommt.
NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT ist eine sehr akkurate Adaption. Franco gelingt es gleichermaßen, Form und Inhalt in Einklang zu bringen und serviert obendrauf eine gelungene Besetzung.
(Bjoern Candidus)
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