DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG
(MIRACLE MILE, USA, 1988, Regie: Steve De Jarnatt)
DAS LETZTE UFER (1959) und THE DAY AFTER (1983) sind zwei Filmbeispiele über den nuklearen Schrecken, der bis heute Filmemacher fasziniert. Mit DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG bekommt man eine stylische, sehr lebhafte spät-80er-Jahre Verarbeitung des Themas, bei der Steve De Jarnatt (CHERRY 2000, 1987) Regie geführt hat. Glaubt man sich am Anfang noch in einer heiteren Liebeskomödie zu befinden, kippt die Stimmung der Protagonisten schnell, besonders die von Harry Washello (Anthony Edwards). Der nimmt nämlich einen Telefonanruf in einer Telefonzelle vor einem Diner entgegen, in dem er von einem beginnenden Atomkrieg erfährt. Nachdem der Anrufer von Schüssen an der anderen Leitung zum schweigen gebracht wurde und eine weitere Person sagt, dass Harry alles vergessen soll, was man ihm vorher gesagt hat, geht er in den Diner und erzählt, was er gerade erfahren hat. Ab dem Punkt verwandelt sich DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG rapide in ein spannungsgeladenes Action-Drama mit einer bevorstehenden Katastrophe, von der anfangs nur ein paar wenige wissen, bevor die Nachricht über einen Atomkrieg alle erreicht und das Chaos auf den Straßen voll L.A. hereinbricht.
Die Szenen mit dem Anruf und den folgenden Überzeugungsversuchen von Harry den Diner-Gästen gegenüber, erinnert an das Kino von John Carpenter, was durch den starken Score von Tangerine Dream zusätzlich verstärkt wird. Anfangs will niemand Harry glauben, doch dann verdichten sich seine Aussagen, und der Zuschauer kennt die Wahrheit ohnehin. Es bildet sich eine Gruppe von unterschiedlichen Leuten, die nur ein Ziel haben: schnell genug mit einem Flugzeug dorthin zu flüchten, wo keine Atomraketen einschlagen werden. Doch Harry hat noch ein anderes Problem: seine neue Liebe Julie muss von der Arbeit abgeholt werden.
Steve De Jarnatts Inszenierung ist immer rasant und hält sich nie auf, ohne dabei im Sumpf der Hektik zu ertrinken, wie es heute bei solch einer Produktion der Fall wäre.
Neben gut arrangierten Massenpanik-Szenen, die sich wohl Budget bedingt, nur auf einen kleinen Abschnitt von Los Angeles beziehen, konzentriert sich der Film in erster Linie auf seine Figuren und ihre kleinen und großen Dramen, die sich alle in einer Nacht abspielen. Die Besetzung kann sich sehen lassen. Neben Anthony Edwards als Harry sind u.a. Mare Winningham, Denise Crosby, John Agar und Brian Thompson dabei, die alle nicht unterschiedlicher sein können.
Eine gute Entscheidung war es auch, dass man vom politischen Geschehen nichts mitbekommt. Es wird nicht mal davon gesprochen, wer den atomaren Gegenschlag ausführt, denn schließlich haben die USA den Krieg begonnen, wie aus dem Anruf hervorgeht. Doch alles weitere bleibt im Verborgenen.
MIRACLE MILE ist ein spannendes, konsequentes, bittersüßes, sehr stylisches Katastrophen-Drama mit interessanten Figuren, die allesamt auf die Apokalypse zusteuern.
(Bjoern Candidus)