THE STENDHAL SYNDROME
(LA SINDROME DI STENDHAL, Italien, 1996, Regie: Dario Argento)
In Florenz treibt sich ein Serienmörder herum, der es auf Frauen abgesehen hat. Die Polizistin Anna Manni, die auf Sexualdelikte spezialisiert ist, kümmert sich um den Fall, obwohl sie psychisch angeschlagen ist. Dies nutzt der Killer aus, überfällt Anna in ihrer Wohnung und misshandelt sie. Bevor er flüchtet, macht er Anna klar, dass er wiederkommen wird. Während die Ermittlungen weiter auf Hochtouren laufen und Anna unter Polizeischutz steht, plant der Killer ihre Entführung.
THE STENDHAL SYNDROME war damals mein dritter Film von Dario Argento, den ich in meiner Jugend zu Gesicht bekam. Das ist jetzt 30 Jahre her, und genauso alt ist dieser Film jetzt. Nachdem ich den Film einige Jahre nicht mehr gesehen habe, konnte ich mir dieser Tage ein neues Bild machen, was ich absolut nicht bereut habe.
Dass Argento ein großer Kunstfreund ist, sollte bekannt sein, und so liefert er bereits in der Titel-Sequenz eine ganze Wagenladung von berühmten Gemälden der Kunstgeschichte, die kurze Zeit später eine enorme Wirkung auf Asia Argento als Anna Manni haben werden. Die ist nämlich am Anfang in einem Museum unterwegs, in dem sie einen Anfall bekommt, da sie unter dem Stendhal-Syndrom leidet, wie ihr später ein Psychiater erklärt.
Hier zeichnet sich bereits die tolle Kameraarbeit von Giuseppe Rotunno ab, die THE STENDHAL SYNDROME auch im weiteren Verkauf veredelt. Anfänglich erinnert die Szene etwas an DRESSED TO KILL (1980), in der Angie Dickinson durch ein Kunstmuseum läuft, doch wenn Asia in Ohnmacht fällt und in einer Vision einen Fisch küsst, weiß man wieder, wo man ist: im Kino von Dario Argento.
Wo man hinguckt, ist Argento zu erkennen, aber es ist vor allem OPERA (1987), der immer wieder durchblickt. Klassische Giallo-Elemente sind ebenso zu auszumachen wie die in den 90er-Jahren sehr beliebte Serienmörder-Thematik. Wer hier der Frauenmörder ist, bleibt dem Zuschauer nicht lange im Verborgenen, und auch Anna Manni lernt ihn schnell kennen. Thomas Kretschmann verkörpert Alfredo Grossi, der Anna Manni vergewaltigt und verstümmelt. Hier liefert Argento die mitunter heftigsten Szenen seiner Karriere ab, die für einige Zuschauer durchaus schwer zu ertragen sein dürften. Ich hatte allerdings mehr ein Problem mit dem Overacting von Kretschmann, doch dem wird Einhalt geboten, da man ihn nicht besonders lange im Film sieht. Besser schneidet da Asia Argento ab, die fast die gesamte Spielzeit zu sehen ist. Ihr Schauspiel ist sicherlich nicht perfekt, aber es macht Spaß, ihr auf dieser finsteren Reise in ihre Psyche zu folgen. Papa Argento hat hier seiner Tochter aber nicht nur schreckliche, sondern auch surreale Szenen geschrieben, die THE STENDHAL SYNDROME sehr spannend machen.
Auch die Rückkehr von Ennio Morricone als Komponist ist wie Balsam für die Ohren. Der Maestro hat hier einen sehr hypnotischen Score geschaffen, der für mich zu seinen besten Arbeiten in den 90er-Jahren gehört. Wie eh und je bei Argento folgt die Musik den Bildern, um einen noch fester zu packen und mitzureißen. Leider wurde ich an ein paar Stellen regelrecht herausgerissen, da es sich Argento nicht nehmen lassen hat, CGI-Effekte einzubauen, die vor allem komplett unnötiger Natur sind absolut nicht zu dem Rest des Films passen. Die Wiedergutmachung kommt dann mit den überschaubaren Gore-Effekten. Viel unangenehmer sind aber die Selbstverletzungen von Anna Manni, unter denen vor allem ihre Finger leiden. THE STENDHAL SYNDROME konzentriert sich aber vielmehr auf mysteriöse Momente, die an vielen unterschiedlichen Schauplätzen stattfinden, die nicht selten wie ein Labyrinth anmuten. Die schmalen Gassen und verwinkelten Hinterhöfe von Rom und ein alter Bunker voller Graffitis unterstreichen die dichte Atmosphäre, in der sich der Film permanent bewegt.
THE STENDHAL SYNDROME ist ein spannender, visuell betörender Psycho-Giallo, in dem Argento ein letztes Mal all seine Stärken seines 70er- und 80er-Jahre-Œuvre heraufbeschwört und neu arrangiert.
(Bjoern Candidus)
Schreibe einen Kommentar