
DAS MESSER AM UFER
(RIVER‘S EDGE, USA, 1986, Regie: Tim Hunter)
Wenn man an Jugendfilme der 80er-Jahre denkt, hat man schnell Highschool-Komödien, Jugendabenteuer in grellen Farben und ein oft positives und naives Lebensgefühl vor Augen. RIVER‘S EDGE von Tim Hunter wirkt dagegen wie eine Antithese dazu. Basieren tut der Stoff lose auf den wahren Kriminalfall um die ermordete 14-jährige Marcy Renee Conrad.
Der Film beginnt bereits mit diesigem Wetter an einem Fluss, wo ein Kind einen Jugendlichen beobachtet, der neben einer weiblichen Leiche am Ufer sitzt. Es ist John, der wenig später seinen Freunden Layne und Matt gesteht, dass er ein Mädchen getötet hat. Ab dem Punkt macht Hunter eine ganze Reihe von Themen auf: Freundschaft, Loyalität, Verrat und Gewissenskonflikte. Das Spannende an RIVER‘S EDGE ist nicht der Mord selbst oder dessen Aufklärung, sondern die Reaktionen darauf. Was macht man, wenn der eigene Freund jemanden umgebracht hat? Verrät man ihn? Hilft man ihm? Und wie lange kann Freundschaft überhaupt noch als Rechtfertigung dienen, wenn man längst weiß, dass etwas vollkommen falsch läuft? Gleichzeitig gewährt Hunter einen ziemlich trostlosen Blick auf ein Amerika, das von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen, zerrütteten Familien und desillusionierten Jugendlichen geprägt ist.
RIVER‘S EDGE zeichnet rundum ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Dennoch hat es Hunter geschafft, mich nicht herunterzuziehen, was vor allem an den spannenden Figuren liegt, die sehr lebensecht gezeichnet wurden und die nötigen Energien aufbringen, sich nicht einfach aufzugeben. Die meiste Energie kommt hier von Crispin Glover als Layne, der zwar manchmal darstellerisch etwas über das Ziel hinausschießt, aber offensichtlich völlig in der Rolle aufgeht. Warum er diese furchtbare Perücke tragen musste, bleibt mir ein Rätsel. Ich hoffe, es war eine Perücke. Sein Kumpel Matt wird von Keanu Reeves verkörpert, der im Vergleich zu Glover sehr zurückhaltend spielt. Ganz unheimlich ist Daniel Roebuck als John, der als Mörder fast teilnahmslos wirkt. Und dann ist da noch der zauberhafte Dennis Hopper als Feck, der vor Jahren ebenfalls eine Frau getötet hat und seit dieser Zeit auf der Flucht vor der Polizei versteckt in einem Haus lebt, zusammen mit seiner Gummipuppe. Hopper ist als Feck mal nicht der aggressive Psychopath, der rumschreit oder auf Menschen einprügelt, sondern zeigt sich entspannt bekloppt und stellt für die Jugendliche eine Art Vertrauensperson dar, was zum Fehlen der üblichen moralischen Instanzen passt.
Visuell ist RIVER‘S EDGE realistisch, und schnörkellos gezeichnet, wirkt nie künstlich aufgesetzt und zeigt sich in einem trüben, verregneten Wetter, was die düstere Atmosphäre zusätzlich verdichtet. Man merkt zu jeder Zeit, dass es sich um eine Independent-Produktion handelt, die sich niemandem anbiedern muss. Interessant ist, wie sehr RIVER‘S EDGE seiner Zeit voraus wirkt. Die Jugendlichen kamen mir teilweise weniger wie Jugendliche der 80er- als vielmehr wie Figuren aus den 90er-Jahren vor. Ihr Auftreten, ihre Orientierungslosigkeit und dieses ganze No-Future-Gefühl erinnern bereits etwas an die spätere Grunge-Generation. Teilweise wirkt der Film tatsächlich so, als wäre er fünf bis zehn Jahre zu früh entstanden. Ebenso musste ich an SUPER DARK TIMES (2017) denken, der tatsächlich in den 90er-Jahren spielt. Abgerundet wird der finstere Blick auf ein trostloses Amerika von Jürgen Kniepers Score, zu dem sich u.a. Songs von Slayer gesellen dürfen.
Obwohl mich RIVER‘S EDGE emotional nicht sonderlich packen konnte, wurde ich hier inhaltlich, darstellerisch und visuell dennoch mitgerissen.
(Bjoern Candidus)
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