BEYOND THE BLACK RAINBOW
(Kanada, 2010, Regie: Panos Cosmatos)
Im Institut des Doktor Arboria hält Doktor Barry Nyle die junge, mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattete Elena gefangen. Er verhört sie, macht Psychotest mit ihr und setzt sie unter Medikamente. Um ihre Kräfte zu schwächen, setzt er eine mysteriöse Pyramide ein. Irgendwann kommt es dazu, dass Elena die Krankenschwester Margo tötet, da die Pyramide nicht aktiviert war. Bei dieser Aktion kann Elena auf den Gang des Institutes flüchten, doch für diesen Fluchtversuch hat Dr. Nyle zwei bizarre Geschöpfe: einen wurmartigen Menschen mit Beulenkopf und einen Sentionauten, der die junge Frau zurückbringen soll.
Panos Cosmatos erster filmischer Liebesbrief an das 70er/80er-Jahre-Scifi-Horror-Fantasy-Kino ist ein bizarrer Trip in psychedelische, esoterische, (Geistes-)Wissenschafts-Welten, ohne diese zu entmystifizieren. Fühlen statt begreifen, und doch scheint jede Sekunde aussagekräftig oder dient einfach nur dazu, einen zu berauschen. BEYOND THE BLACK RAINBOW bietet sich gerade dazu an, mehrfach gesehen zu werden. Es ist nicht so, als würde einen Cosmatos mit Bildern erschlagen oder vor große Rätsel stellen, aber der Denkapparat des Zuschauers sollte automatisch auf Hochtouren laufen. Die Inszenierung ist ruhig und elegant fotografiert von Norm Li. Allein die eindringlichen Momente, wenn Dr. Nyles Gesicht in den Fokus gerät, reichen schon aus, um mich in den Bann zu ziehen. Aber das sind Nebensächlichkeiten im Vergleich zu dem, was hier alles auf den Zuschauer wartet. Wie wandelbar Michael J. Rogers (HELLRAISER: HELLSEEKER, 2002) als Barry Nyle ist, wird man im Laufe der Inszenierung noch erleben. Dr. Nyle ist ein Mad Scientist der besonderen Art. Kaum weniger bizarr und durchgeschwurbelt: Esoterik-Psycho-Heiler Dr. Mercurio Arboria, dargestellt von TV-Serien-Darsteller Scotts Hylands, den man hier vor allem als drogenabhängiges Wrack im Stuhl sitzend erleben darf. Die übersinnlich begabte Elena wird dargestellt von Eva Bourne (CAPRICA, 2010), die allerdings vergleichsweise blass wirkt, aber die ist auch in anderen Sphären unterwegs. Richtig gut ins Bild passt Rondel Reynoldson als fiese Krankenschwester Margo, deren Spielzeit allerdings nur knapp bemessen wurde. Ganz besondere Schwingungen gehen von Dr. Nyles Handlangern aus. Besonders der schlaksige androgyne Sentionaut mit seinem orangefarbenen Space-Fetisch-Outfit ist der totale Blickfang, mit geöffnetem oder geschlossenem Visier. Dass gesamte Design ist zum niederknien, ob es nun die künstlerischen oder mysteriösen Gegenstände im Hintergrund sind oder die 70er-/ 80er-Scifi-Architektur und Ausstattung des im Wald versteckten Instituts. Labyrinthartige Gänge, sonderbare Apparaturen, gleißendes Licht, überhitzte Rot- und Orangetöne bestimmen das Setting, was nicht nur einmal in mir Erinnerungen an 2001-ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) oder PHASE IV (1974) erwecken konnte. Überhaupt liegen die Inspirationsquellen von Cosmatos auf der Hand, bzw. macht er keinen Hehl daraus. BEGOTTEN (1989) von E. Elias Merhige wird in der überstrahlten Schwarzweißrückblick-Sequenz in Dr. Nyles Kindheit ersichtlich. Ebenfalls wurde Cosmatos von Regisseuren wie Michael Mann und John Carpenter inspiriert. Der geneigte Zuschauer wird hier sicherlich sehr viel entdecken, was ihm auf die ein oder andere Art vertraut vorkommt. David Cronenberg, Stephen King, Dario Argento, David Lynch, NWR… Doch trotz der Verweise, Verbindungen oder der bewussten oder unterbewußten Inspirationsquellen, wirkt BEYOND THE BLACK RAINBOW nie aufgesetzt, anmaßend oder wie ein Flickenteppich aus geraubten Ideen, sondern wie ein eigenständiger Film, fast wie eine Droge aus einem eigenen Universum, in dem auch Cosmatos zweiter Film, MANDY (2018), angesiedelt sein könnte, also ähnlich wie bei den beiden Richard Stanley Filmen M.A.R.K. 13 – HARDWARE (1990) und DUST DEVIL (1992). Dabei muss es nicht zwangsläufig zu inhaltlichen Verbindungen kommen, sondern wiederkehrende Symbole, Parallele oder Gefühle reichen aus, um ein großes Ganzes zu schaffen. Eine zusätzliche, fast übersinnliche Stärke gewinnt der Film durch den Score von Jeremy Schmidt (Sinoia Caves), der Cosmatos ebensogut zu verstehen weiß wie Jóhann Jóhannsson (MANDY). Wer mit all den Themen etwas anfangen kann, wird hier mehr als bedient und kann sich regelrecht voller Liebe fressen lassen.
Neben einem selbsttherapeutischen Versuch, über den Tod seiner Eltern, George P. Cosmatos (RAMBO 2) und Brigitta Ljungberg-Cosmatos, besser hinwegzukommen, wollte Cosmatos auch einen Film schaffen, der wie ein vergessener Film aus den 1980er-Jahren aussieht und sich so anfühlt. Genau das ist ihm mit BEYOND THE BLACK RAINBOW meisterlich gelungen.
(Bjoern Candidus)