…UND VOR LUST ZU STERBEN
(…ET MOURIR DE PLAISIR, Frankreich, Italien, 1960, Roger Vadim)
Leopoldo De Karnstein möchte mit seiner Verlobten Georgia Monteverdi und seiner Cousine Carmilla in seinem ländlichen Anwesen in der Nähe von Rom einen Maskenball mit Feuerwerk veranstalten. Seine Hochzeit mit Georgia steht kurz bevor, was Carmilla nur schwer erträgt, da sie auch in Leopoldo verliebt ist. Auf dem Höhepunkt des Maskenballs wird das Feuerwerk in den Ruinen der Karnsteins gezündet, wodurch es zur Freisetzung des Grabes von Millarca, einer weiteren Karnstein, kommt. Carmilla fühlt sich von dem Grab wie angezogen.
Roger Vadim wandelt hier auf den Spuren von Sheridan Le Fanus Roman „Carmilla“ (1872) jenem vampirischen Frühwerk, was zwischen John Polidoris „Der Vampyr“ (1816) und Bram Stokers „Dracula“ (1897) entstanden ist. Wenn auch nicht ganz so populär (außerhalb der Blase) wie Graf Dracula, ist Carmilla in der Horror-Kultur nicht wegzudenken. Zahlreiche Filme haben das Thema aufgegriffen, und die Hammer-Studios haben den Karnsteins sogar eine ganze Trilogie spendiert. Kaum verwunderlich, denn Le Fanus Geschichte ist eine faszinierende Reise in die Ursuppe der Vampire, wie wir sie kennen und lieben gelernt haben. Bram Storker hatte nun zwei große, wegweisende Geschichten zur Inspiration, um seinen „Dracula“ zu schreiben.
Bei dem Geschick, was Roger Vadim (BARBARELLA, 1968) und sein Kameramann Claude Renoir (TREIBJAGD, 1975) hier an den Tag gelegt haben, ist es etwas bedauerlich, dass man sich hier nicht an einer adäquateren, im 18. Jahrhundert angesiedelten Verfilmung gewagt hat, doch schnell wurde ich getröstet, denn das Anwsen der Karnsteins in der italienischen Pampa in der Nähe von Rom (Österreich bei Le Fanu) mit dem verwitterten Friedhof und der Ruine, gehören zu den Highlights des Films. Die wunderschönen Technicolor-Farben und die Ausstattung sind eine Augenweide und lassen den Film märchenhaft wirken. Hier reagiert man offensichtlich auf Terence Fishers DRACULA (1958) – Adaption für die britischen Hammer-Studios.
Der Film startet im Cockpit eines Flugzeugs, in dem sich ein paar alte, weiße Männer unterhalten. Einer von ihnen erzählt eine mysteriöse Geschichte, deren Verlauf man ab jetzt folgen wird. Es ist sommerlich, alles wirkt friedlich. Vadim lässt es mit dem Horror langsam angehen. Er konzentriert sich auf die Figuren oder lässt einfach nur schön Bilder von Renoir liefern, besonders wenn der Maskenball im Gange ist und das Feuerwerk über der alten Ruine der Karnsteins aufsteigt. Und genau dieses Feuerwerk zündet versehentlich Minen aus dem Zweiten Weltkrieg, durch deren Detonation das Grab von Millarca freigesetzt wird. In LADY DRACULA (1982) von Rollin war es ein Erdbeben und Giftmüll, hier sind es Minen. Wie dem auch sei, die Inszenierung schreitet nun in Richtung Horror-Liebes-Drama, doch immer mit Ruhe und begleitet von den melancholischen Klängen des Scores von Jean Prodromidès, der in den wenigen spannenden Momenten nicht immer passen will.
Wie auch bei Le Fanu wird auch hier die homoerotische Seite von Carmilla, bzw. Millarca angeschnitten, aber eben so schnell wieder unter den Teppich gekehrt. Vertieft wird hier an sich nicht viel, obwohl man sich inhaltlich schon bemüht, einiges an Themen aufzufahren.
…UND VOR LUST ZU STERBEN liefert Bilder wie aus Zucker mit dem metallischen Geschmack von Blut. Besonders das letzte Drittel zeigt sich plötzlich verspielt, experimentell und surreal, bevor es in ein schönes Finale geht, was auch Harry Kümel zu dem Ende von BLUT AN DEN LIPPEN (1971) inspiriert haben könnte. Zudem hat man hier mit Mel Ferrer, Elsa Martinelli und Annette Stroyberg sehr passende Schauspieler dabei, die wunderbar in die Kulissen passen.
…UND VOR LUST ZU STERBEN ist ein ausgesprochen schöner Vampir-Horrorfilm, der das Carmilla-Thema auf gelungene Art und Weise in die Gegenwart der 1960er-Jahre gebracht hat.
(Bjoern Candidus)
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