NOSFERATU – DER UNTOTE
(NOSFERATU, USA, 2024, Regie: Robert Eggers)
Dracula war die erste Figur der Horror-Kultur, die mir in meinem Leben begegnet ist. Damals, mit sieben oder acht, entdeckte ich Terence Fishers DRACULA (1958) im TV und war gebannt, als ich Christopher Lee in der Titelrolle sah. Lee war Dracula, und Lugosis Darstellung sollte ich erst weitaus später kennenlernen. Dazwischen lag Gary Oldman, der Dracula meiner Generation, den Coppola ganz zauberhaft für die 1990er-Jahre aufbereitet hat. Danach schaute ich mir sämtliche Adaptionen von Bram Stokers Stoff an, von Franco, Herzog bis Murnau. Mein Herz war für die Geschichte um Dracula immer geöffnet, und den meisten Adaptionen bin ich wohl gesonnen, egal, ob dicht oder nicht dicht an der Vorlage. Die Geschichte und die Figuren der Vorlage bieten genug Potential, um sich nicht in einem festgefahrenen Konstrukt zu verfangen, was genug Regisseure bewiesen haben, auch Robert Eggers, der sich, wie Werner Herzog 1979 mit NOSFERATU – PHANTOM DER NACHT, an Friedrich Wilhelm Murnau anlehnt. Doch weder Murnau noch Herzog werden in NOSFERATU – DER UNTOTE kopiert, sondern Eggers bedient sich gewissen Elementen oder variiert sie und gibt Neues hinzu und schafft damit seine eigene Vision.
Das Unheil liegt hier bereits zu Beginn an in der Luft und wird unterstützt von den entsättigten Farben, die sich durch die Inszenierung ziehen. Unterschiedliche Farben für unterschiedliche Situationen kommen hier zum Einsatz, wie 1922 bei Murnau. Die Nacht präsentiert sich in kalten Blau- und Grautönen, der Tag ist trist, grau und erscheint nicht minder hoffnungslos wie die Nacht. Und wo Herzog so naturalistisch wie möglich unterwegs war, um die Landschaft von Transsilvanien zu präsentieren, verliert sich Eggers in die romantischen Bilder eines Caspar David Friedrich. Das ist pure Romantik, Gothic-Horror-Romantik. Und wenn Orloks Kutsche in tiefer Nacht vorfährt, glaubt man sich kurz im Märchen zu befinden. Dennoch hält sich Eggers sehr zurück, was die Darstellung von Transsilvanien und dem Schloss von Orlok angeht. Nichts wirkt überzeichnet. Das Schloss ist nur ein Schloss, alt, kalt und ausladend. Wer den süßen, märchenhaften Kitsch von Coppola sucht, wird hier nicht fündig. Stattdessen geht es eiskalt weiter, denn der bereits jetzt schon von Angst gezeichnete Thomas (Nicholas Hoult) wird von Graf Orlok (Bill Skarsgård) empfangen. Ich habe wirklich lange keinen Film mehr gesehen, in dem eine Figur eine so finstere Aura besessen hat, die sofort auf mich gewirkt hat. Graf Orlok, ein gefühlter Riese, der nur schemenhaft zu erkennen ist, seinen Gesicht hinter einem dicken Schnauzbart versteckt und scheinbar langsam vor sich hin fault. Seine Laune ist seinem widerlichen Aussehen angepasst, und der Raum wird durchdrungen von seinen Atemgeräuschen. Ein schwerer, mehrlagiger Mantel bedeckt seinen Körper, und auf seinem Kopf trägt er einen Hut, wie 1922 und 1979. Insgesamt ist er, wenn er zu sehen ist, mehr nicht zu erkennen, und das macht hier sehr viel aus und ist eine Kunst, die sich heutzutage viel zu wenig Regisseure bedienen. Überhaupt hatte ich nur selten das Gefühl, einen Film von heute zu sehen. Nichts wirkt überladen, nichts zu pompös oder überzeichnet. Die Inszenierung ist nie hektisch, auch wenn manches etwas sprunghaft wirkt, was sich möglicherweise mit dem Extended Cut legen wird. Der Horror schleicht, aber er verlässt nie den Raum.
Graf Orlok und die pestkranken Ratten reisen nach Deutschland. In der deutschen Hafenstadt Wisborg gibt es dann sehr schöne Stadtansichten mit alten Häusern und Pflastersteingassen. Dazu fällt Schnee, und Weihnachten steht vor der Tür, was ganz dezent zu erkennen ist. In Wisborg konzentriert sich die Geschichte auf Ellen Hutter (Lily-Rose Depp), die bereits seit langer Zeit mit Orlok in geistiger Verbindung steht und nun immer mehr in eine Art Besessenheit verfällt. Grundsätzlich hat mir das Schauspiel von Lily-Rose Depp gefallen, aber die Momente des Wahnsinns haben mich dann doch zu sehr an die gängige Exorzismus-Welle erinnert. Die Verbindung selbst, die hier zwischen Orlok und Ellen aufgebaut wurde, ist hingegen sehr stark und gut durchdacht.
Die Mischung aus bekannten und neuen Motiven ist sehr gekonnt. Auch wenn ich die Geschichte im Grunde in und auswendig kenne, habe ich mich hier zu keiner Sekunde gelangweilt oder mich gefragt, wie viele Varianten es denn noch von dem Stoff geben soll. Es kann immer noch eine geben, wie mir scheint. Dabei ist natürlich nicht nur die Form wichtig, sondern auch die Darsteller. Da Skarsgård unter dem Make-up kaum bis gar nicht zu erkennen ist, ist er vor allem durch sein Sprechen, sein Auftreten und seiner Gestik zu beurteilen, und die ist ganz hervorragend. Eggers hat eine ganz neue Orlok/Dracula-Variante geschaffen, die sich sehr an den historischen Vlad Tepes anlehnt. Auch Nicholas Hoult als Jonathan Harker-Variante Thomas Hutter ist schön gewählt. Die Furcht steht ihm gut zu Gesicht. Immer zutiefst charismatisch ist Willem Dafoe, doch der hinterlässt hier als Professor Albin Eberhart von Franz einen auffällig unauffälligen Eindruck, der in mir kaum Nachhall hatte. Die restlichen Darsteller, wie Simon McBurney als durchgedrehter Knock, Ralph Ineson als Dr. Wilhelm Sievers, Aaron Taylor-Johnson als Friedrich Harding und Emma Corrin als Ellens Freundin Anna Harding, wurden glänzend ausgewählt. Hier spielen natürlich auch die sehr authentischen Kostüme und die gesamte Ausstattung eine Rolle. Alles wirkt wie aus einem Guss, und kleinere Schönheitsfehler, werden direkt wieder gut gemacht. Wie viel CGI-Effekte hier wirklich zum Einsatz kamen, weiß ich nicht, aber sie zeigten sich mich mir nur selten und noch seltener störend. Stattdessen liefert Eggers und sein Team praktische Effekte und ein phantastisches Make-up.
Die wunderbare Kraft der Bilder und der Darsteller wird ummantelt von einem schaurigen Sound-Design und einem sehr klassischen Score von Robin Carolan, der wie ein Geist im Hintergrund schwebt.
NOSFERATU – DER UNTOTE ist ein tiefschwarzer Alptraum aus Gier nach Blut, sexuellem Verlangen und der Suche nach Liebe, Hoffnung und Erlösung.
(Bjoern Candidus)
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