VAMPYROS LESBOS
(Deutschland, Spanien, 1970, Regie: Jess Franco)
Die Rechtsanwältin Linda Westinghouse soll für die ungarische Gräfin Nadine Carody nach Anatolien reisen, um sich um ihren Nachlass zu kümmern. Doch als Linda der schönen Gräfin begegnet, kommt sie ihr gleich bekannt vor, und zwar aus ihren sonderbaren Träumen, die sie seit einiger Zeit hat. Nachdem Gräfin Carody Linda betäuben kann, vollzieht sie an ihr das Blutritual, um sie in die Welt der Untoten mitzunehmen. Kurz nachdem Franco für Harry Alan Towers Stokers „Dracula“-Adaption NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT drehte, hatte der Spanier für Artur Brauner und Karl Heinz Mannchen die Möglichkeit, die berühmte Geschichte in experimentellerer Form erneut zu erzählen. Dabei ist zufälligerweise einer seiner schönsten Filme entstanden.
Der Film startet mit einer langen, aber sehr schönen Performance von Soledad Miranda und ihrer Gespielin, die sich ihrem homoerotischen Treiben hingeben und die Inszenierung knistern lassen. Hier werden bereits alle Sinne angeregt. Die experimentelle Bildsprache mit der Franco ans Werk geht verwandelt fast jeden Moment in einen traumartigen. VAMPYROS LESBOS ist wie ein Film aus einer Parallelwelt über eine Parallelwelt. Manfred Hübler und Siegfried Schwab kredenzen dazu ein tollen Score zwischen Easy Listening, Psychedelic-Jazz, Swing und orientalischen Klängen. Die musikalische Untermalung ist wirklich großartig und unterstreicht zu jeder Zeit die surreale Atmosphäre.
Interessant ist Francos Herangehensweise in Bezug auf Stokers Roman, der rudimentär zu erkennen ist. Statt Jonathan Harker hat man hier Linda Westinghouse (Ewa Strömberg), die als Anwältin den Nachlass von Gräfin Nadine Carody verwalten soll. Auch der Renfield-Part ist diesmal weiblich und heißt Agra (Heidrun Kussin), während bei Dr. Seward (Dennis Price) lediglich der Vorname John in Alwin geändert wurde. In Dr. Seward fließt aber gleichzeitig auch die Figur des Professor Van Helsing mit ein. Dafür ist mit Dr. Steiner (Paul Muller) die Figur eines Analytikers dabei. Und weil es immer wieder schön ist, ihn zu sehen, gibt sich auch Jess Franco selbst die Ehre und übernimmt den Part von Memmet, dem Mann von Agra. Über all denen thront natürlich die schöne Soledad Miranda als ungarische Vampirgräfin Nadine Carody.
Dass Vampire mitnichten im Sonnenlicht oder beim ersten Hahnenschrei zu Staub zerfallen, was von Stoker in „Dracula“ auch nicht behauptet wurde, wird auch hier nicht berücksichtigt. Die Inszenierung findet fast nur im Tageslicht oder zumindest in sehr hell ausgeleuchteten Sets statt, wenn es nicht gerade wieder zum Einsatz von Rotlicht kommt. Die Schauplätze sind abwechslungsreich und führen einen nach Istanbul und Alicante, wo schöne Architekturen auf einen warten.
VAMPYROS LESBOS ist wie ein Urlaub am Meer, der mit einem gewaltigen Fiebertraum aus Sex, Erotik, Blut und schönen Frauen einhergeht. Prächtig.
(Bjoern Candidus)
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