NEAR DARK – DIE NACHT HAT IHREN PREIS
(NEAR DARK, USA, 1987, Regie: Kathryn Bigelow)
Caleb Colton, ein junger Mann aus Oklahoma, der mit seinem Vater und seiner Schwester auf einer Farm lebt, begegnet eines nachts der schönen Mae vor einer Bar. Als er sie mit seinem Auto mitnimmt, kommt es zu Zärtlichkeiten, aber auch zu einem Biss von Mae in seinen Hals. Anschließend verschwindet die junge Frau, bevor die Sonne aufgeht. Als sein Truck streikt und er schließlich zu Fuß nach Hause muss, fangen die Sonnenstrahlen an, ihn zu langsam zu verbrennen. Kurz bevor Caleb die Farm erreicht, wird er von ein paar Leuten in einem Wohnmobil gezerrt.
Diese stellen sich als Vampire heraus, die ihn töten wollen. Doch Mae, die ebenfalls zu der Gang gehört, macht klar, dass sie ihn vampiresiert hat, da sie sich in ihn verliebt hat. Eine Reise in die Finsternis beginnt.
Es ist immer wieder schön, in gewissen Abständen, dass von Eric Red (Story) und Kathryn Bigelow (Story und Regie) erdachte Vampir-Roadmovie NEAR DARK zu bewundern. Vampire auf der Straße vor wunderschönen Sonnenauf- und Untergängen und dazu der phantastische Score von Tangerine Dream, der den Zauber der 80er-Jahre in seiner edelsten Form ausbreitet, wird hier geliefert. Im gleichen Jahr, in dem auch der sehr erfolgreiche THE LOST BOYS von Joel Schumacher den modernen Vampirfilm weiter ausbaute, kommt ein paar Monate später der ähnliche, aber weitaus düstere NEAR DARK daher, der an der Kinokasse zum Misserfolg wurde. Sowohl FRIGHT NIGHT (1985) als auch THE LOST BOYS sind rundum gelungene Vampir-Horrorfilme mit tollen Effekten, sympathischen und skurrilen Figuren und durchaus gutem Humor, der dezent eingesetzt wird. Aber NEAR DARK ist anders, er steht für sich allein, obwohl man ihn natürlich als Teil der (inhaltlich unabhängigen) Eric Red Road-Trilogie (HITCHER, 1986 / COHEN & TATE, 1988) betrachten kann. Humor gibt es hier nur, wenn man Bill Paxtons Vampir-Psychopathen-Nummer mitzählt. Als Severen haut er hier richtig auf den Putz und tötet mit dem größten Vergnügen, um sich am Blut seiner Opfer zu laben. Mit Sonnenbrille und Lederjacke sieht er dabei natürlich auch extrem cool aus, was man von dem Hauptdarsteller Adrian Pasdar, der Caleb Colton spielt, nicht gerade sagen kann. Aber Calebs Leben verändert sich ja auch gegen seinen Willen, und Pasdar spielt seine Rolle grundsätzlich gut. Sehr eindringlich ist die Szene, in der er sich ein Busticket kaufen möchte, ihm aber drei Dollar fehlen. Er sieht dort aus wie ein Junkie und bekommt auch keine Unterstützung vom Ticketverkäufer, erweckt aber Aufmerksamkeit bei einem Polizisten, der ihm dann erstaunlicherweise das Geld gibt, aber nur, damit er schnell verschwindet. Wie immer verlässlich als Charakterkopf ist Lance Henriksen als Jesse Hooker, der älteste der Vampire. Mae wird von Jenny Wright dargestellt, die äußerlich wie charakterlich deutlich vom Rest der Gang abweicht, aber sie ist ja auch schließlich in Caleb verliebt. Die Besetzung ist rundum gelungen und die meisten Figuren wirken sehr lebendig. Und wenn Paxton als Severen in einer Bar durchdreht, bekommt der Gore-Freund einiges geliefert. Die Gewalt in NEAR DARK ist sehr brachial, vor allem im Rahmen des Vampirfilms. Auch in diesen Bereichen ist die Qualität sehr hoch, und wenn die Vampire Feuer fangen, staune ich immer noch. Trotz der gut gezeichneten Figuren sind es dann aber doch Caleb und Mae, die mich relativ kalt gelassen haben und mir eine emotionalere Sicht verweigert haben.
Durch sein Wüsten-Setting und den starken Effekten wirkt der Film weiter zeitlos, da er sich auch vom Kitsch der 80er-Jahre weitestgehend fern hält. Neonreklame, Staub und düstere Bars mit Truckern bestimmen das Bild. Schön ist auch das Wohnmobil mit lichtgeschützten Scheiben, mit dem die Vampire über die Straße brettern, was die Punk-Attitüden unterstreicht, die Jesse, Severen und Co an den Tag legen. Auch die Darstellung der Vampire weicht von der Norm ab, die es im Grunde ohnehin nicht gibt. Reißzähne sucht man vergeblich, fliegen oder verwandeln können sie sich auch nicht, aber sie sind stärker als Menschen. Religiöse Symbolik wird komplett ausgelassen, dafür konzentriert man sich auf die Sonne als Waffe und generell das Feuer, um sie zu vernichten. Interessant ist allerdings auch ein Mittel zur Heilung mittels Bluttransfusion.
NEAR DARK ist eine faszinierende Mischung aus Vampirfilm, Roadmovie mit Western-Einschlag und Liebesgeschichte. Zweifelsohne ist er einer der qualitativsten und stärksten Horrorfilme der 80er-Jahre.
(Bjoern Candidus)
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