UNMORALISCHE GESCHICHTEN
(CONTES IMMORAUX, Frankreich, 1974, Regie: Walerian Borowczyk)
Vier erotische Geschichten sind es, die Walerian Borowczyk hier in wunderschönen Bildern präsentiert. Ursprünglich war auch sein Film LA BÊTE Teil dieses Episodenfilms, doch da dieser den Zeitrahmen gesprengt hätte, entschied sich Borowczyk daraus einen abendfüllenden Film zu machen. Die Langfassung von UNMORALISCHE GESCHICHTEN wurde 1973 uraufgeführt, während 1974 die gestraffte Fassung in die Kinos kam. Im digitalen Zeitalter hat man die Möglichkeit, beide Fassungen sehen zu können. Hier beziehe ich mich aber auf die offizielle Kinofassung, die schon reichhaltig genug ist, um einem die Zeit zu versüßen.
Und so erlebt man, angesiedelt in unterschiedlichen Jahrhunderten, z.B. einen jungen Studenten, der seiner Cousine Ebbe und Flut anhand von Oralsex beibringt. Man wird Zeuge wie sich ein Mädchen mit einer Schlangengurke im Namens Gottes befriedigt und wenig später dafür bestraft wird. Auch die allseits bekannte Elisabeth Báthory (hier dargestellt von Pablo Picassos Tochter Paloma) kommt zum Zug und badet in jungfräulichem Blut, während in der letzten Episode Lucrezia Borgia ihren inzestuösen Trieb mit ihrem Vater und Bruder auslebt.
Borowczyk hat also einiges zusammengetragen, um Sittenwächtern, Moralhanswursten, Konservativen und Kirchenvertretern auf die Füße zu treten und gleichzeitig ein hoch ästhetisches Kunstwerk abzuliefern, als sei es für ihn das Einfachste auf der Welt. Auch wenn sich für jede Episode ein anderer Kameramann verantwortlich zeigte, harmonieren sie alle perfekt miteinander. Jedes Bild erstrahlt wie das Gemälde es alten Meisters, auch wenn man nur einen Hahn sieht, der auf einem Amboss sitzt. Besonders in der zweiten Episode „Thérèse philosophe“ kann man deutlich Borowczyks Stil seiner frühen Stop-Motion-Kurzfilme erkennen. Das Meer, die Küste, Felder und „heilige“ Plätze werden bespielt. Wo man auch hinguckt, die Augen werden belohnt. Wie üblich im Kino des polnischen Wahl-Franzosen, gibt es hier natürlich auch wieder Ansichten des weiblichen Schambereiches, während sich Phallus-Freunde auf einen gezeichneten Pferdepenis beschränken müssen. Alles geht eben nicht.
UNMORALISCHE GESCHICHTEN ist ein Geschenk für das erotische Kino, was hier zwischen Sinnlichkeit, Drastik und Provokation hin und her pendelt.
(Bjoern Candidus)
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