HOTEL FEAR
(PENSIONE PAURA, Italien, Spanien, 1977, Regie: Francesco Barilli)
Rosa hält an der Hoffnung fest, dass ihr Vater, der als Soldat in den 2. Weltkrieg eingezogen wurde, zu ihr und ihrer Mutter zurückkommt. Sie schreibt ihm immer Briefe, die stets unbeantwortet bleiben. Ihrer Mutter hilft sie in ihrem riesigen, heruntergekommenen Hotel, in dem nur wenige Gäste residieren, und auf die könnte Rosa liebend gern verzichten. Bis auf den geheimnisvollen Liebhaber, den ihre Mutter auf dem Dachboden vor den Faschisten versteckt hält. Als ihre Mutter plötzlich stirbt, ist sie mit ihm und dem Hotel allein, mit Ausnahme der Gäste, die Rosa zunehmend das Leben erschweren.
Als plötzlich zwei Killer auf der Matte stehen, die nach Diamanten suchen, spitzt sich die Situation zu.
Der sommerliche Anstrich am Anfang und Rosa, die mit ihrem Ruderboot den geheimen Lieblingsort aufsucht, an dem sie viel Zeit mit ihrem Vater verbracht hat, stehen im Kontrast zu dem finsteren Abstieg, der danach folgt. Filme wie DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER (1976) und LIEBE UND TOD IM GARTEN DER GÖTTER (1972) blitzten kurz in mir auf, die ihr sommerliches Wetter auch nutzen, um den Schrecken, der dahinter liegt, zu kaschieren. Regisseur Francesco Barilli begibt sich nach seinem Mystery-Giallo DAS PARFÜM DER DAME IN SCHWARZ (1974), der in einem Mietshaus angesiedelt ist, ins nächste Gebäude, was er mit sonderbaren Figuren füllt. Schon von außen hinterlässt das sperrige Hotel einen erdrückenden Eindruck, der im Inneren noch mehr intensiviert wird. Hat sich der Vorgänger schon vom Gros der Giallo-Masse abgehoben, setzt Barilli hier noch mehr Akzente und hat ein facettenreiches Giallo-Drama geschaffen. Rosas Leid um ihren Vater, der Verlust der Mutter und der Schrecken durch den Krieg sind nicht gerade giallotypische Themen, und gerade dadurch gelingt Barilli eine gewisse Tiefe, die ähnlich gelagerte Filme nur selten bieten. Man tappt hier längere Zeit im Dunkeln, und statt einen Mord nach dem anderen zu präsentieren, legt Barilli den Fokus auf die Darsteller und die Figuren, die sie verkörpern. Zimperlich geht es hier dennoch nicht zu. Eine wahre Augenweide ist Leonara Fani (GIALLO A VENEZIA, 1979) als Rosa, die ihre geheimnisvolle Aura bis zum Schluss aufrechterhält. Sie wirkt zerbrechlich und stark zugleich. Der Fremde auf dem Dachboden wird dargestellt von Francisco Rabal (IM DUTZEND ZUR HÖLLE, 1973), während Luc Merenda (TORSO, 1973) den adonisgleichen Rodolfo mimt, der sich hier, gemeinsam mit seiner Geliebten, dargestellt von Jole Fierro, als Riesenarschloch entpuppt. Insgesamt kann die Besetzung absolut überzeugen. Nicht minder überzeugend ist Kameramann Gualtiero Manozzi, der vorher und nachher leider nicht mehr groß in Erscheinung getreten ist. Er liefert ein schönes Bild nach dem anderen und überzeugt mit ansehnlichen Kamerafahrten. Zudem schmückt sich der Film mit tollen Farben und einer starken Lichtsetzung, die direkt aus dem Hause Bava und Argento hätte stammen können. Eine weitere Stärke ist die akustische Bedrohung. Die Geräusche der sich nähernden Kampfflugzeuge und die Detonationen entfernter Bombenabwürfe sind ein zusätzlicher Schrecken. Barilli denkt aber auch an klassische Horror-Elemente und sorgt mit dem Einsatz von Gewitter und Sturm für eine unheimliche Atmosphäre, die durch den wunderschönen Score von Adolfo Waitzman meisterlich unterstützt wird.
Mit HOTEL FEAR ist Francesco Barilli ein von Anfang bis Ende packendes, gut besetztes Edel-Giallo-Drama gelungen, das äußerlich wie inhaltlich heraussticht.
(Bjoern Candidus)
Schreibe einen Kommentar