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Bones and All, 2022 – ★★★★½

Verfasst von

marco-fritz

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Rezensionen

BONES AND ALL
(Italien, USA, 2022, Regie: Luca Guadagnino)

Die 18jährige Maren hat ein Problem: sie hat ein kannibalistisches Verlangen. Um dies zu befriedigen und nicht Gefahr zu laufen, dass man sie bei der Stillung ihrer Begierde ertappt, reist sie quer durch die USA, wo sie auf Gleichgesinnte stößt. Einer dieser Kannibalen ist Lee, der ihr Herz erobert. Gemeinsam folgen sie der Begierde nach menschlichem Fleisch. Aber Maren ist auch auf Suche nach ihrer Mutter.

Dass sich Tabu-Themen besonders im Horrorkino anbieten, ist nichts Neues. Das Thema Kannibalismus keimte in den letzten Jahrzehnten immer wieder im Kino auf. Im Jahre 1974 lernte man die Familie Sawyer in THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE kennen, die Italiener lösten eine ganze Welle von Kannibalenfilmen aus, deren Höhepunkt CANNIBAL HOLOCAUST (1980) war, und nicht zu vergessen: MAN-EATER (1980). Mit DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und die Figur des Hannibal „The Cannibal“ Lecter kam das Thema dann im Mainstream der 90er-Jahre an. Es folgten Filme wie RAVENOUS (1999), ROTHENBURG (2006), der mexikanische SOMOS LO QUE HAY (2010), bzw. das US-Remake WE ARE WHAT WE ARE (2013) oder der französische RAW (2016), die das Thema alle auf ihre Art aufgegriffen haben. Und nun kommt Luca Guadagnino daher und adaptiert den gleichnamigen Roman von Camille DeAngelis aus dem Jahre 2015, der sich dem Thema der Anthropophagie annimmt.

Was Guadagnino bereits in seiner SUSPIRIA (2018) Version gelungen ist und sich hier noch mehr intensiviert: sämtliche Gefühle anzuregen. Schmerz, Traurigkeit, Angst, Ekel sind ebenso zu finden wie Liebe und Hoffnung. Dabei bedient sich Guadagnino an sämtlichen Genre-Schubladen und zieht ein Coming-of-Age-Liebesfilm-Roadmovie-Kannibalen-Horrorfilm-Drama aus dem Hut, was mich auch an Vampirfilme wie THE HUNGER (1983), NEAR DARK (1987) und SO FINSTER DIE NACHT (2008) hat denken lassen. Die Kannibalen nennen sich hier Eater und sehen aus, wie du und ich. Allerdings können Sie hervorragend riechen und sich so auch als Kannibalen untereinander erkennen. Die meisten von ihnen leben nicht an festen Orten, sondern treiben sich durch die Gegend herum. Und so begleiten wir Maren, Lee oder hin und wieder Sully, einen in die Jahre gekommenen Kannibalen, wie sie auf ihrer ewigen Reise an Nahrung kommen. Dabei wird auch über die Fleischbeschaffungs-Moral philosophiert. Manche töten Menschen, um sich zu ernähren, manche lehnen dies strikt ab und warten, bis der Tod von alleine einsetzt. Hier ist der Kannibalismus nicht zwangsläufig nötig. Solange man sich im Griff hat, muss kein Menschenfleisch verzehrt werden. Ganz anders als beim Vampirismus, der den Befallenen in der Regel dazu zwingt, da der Blut-Suchtdruck zu hoch ist. Aber BONES AND ALL ist nicht nur ein Film über das Verspeisen menschlicher Körper durch Menschen, sondern auch ein Liebesfilm. Taylor Russell (ESCAPRE ROOM, 2019) als Maren bringt die Zerrissenheit über ihren Trieb gut zum Ausdruck. Sie steht im starken Kontrast zu Timothée Chalamet (DUNE, 2021), der hier als Herzensbrecher Männlein wie Weiblein die Köpfe verdreht. Chalamet ist mal wieder ein Glücksgriff für Guadagnino. Unangenehme Spannung bringt hingegen Mark Rylance (DUNKIRK, 2017) als den undurchsichtigen Sully mit. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Chloë Sevigny (KIDS, 1995) und der wunderbaren Jessica Harper (SUSPIRIA, 1977, 2018). Wie schon bei SUSPIRIA nimmt sich Guadagnino Zeit und inszeniert mit Ruhe eine Geschichte, die mich emotional gepackt hat. Die wenigen Gewalt-Spitzen sind allesamt Treffer, tun weh und unterbrechen die Ruhe wirkungsvoll. Hier gibt es nicht zu viel und nicht zu wenig zu sehen.
Der ganze Anstrich des Film ist sehr authentisch und ohne Schnörkel gehalten. Die Geschichte ist in den 80er-Jahren angesiedelt, was in kleinen Details (Walkman, Telefonbuch) ersichtlich wird. Ein Wir-kotzen-Dir-die-Achtziger-ins-Gesicht, wie es andere Filme und Serien gerne anwenden, passiert hier jedenfalls nur marginal und am ehesten noch durch die Songs, die im Film zu hören sind. Bands wie Kiss, Joy Division, New Order oder a-ha sind am Start. Doch die größere musikalische Befriedigung bekam ich durch Trent Reznor und Atticus Ross, die einen wunderschönen Score abliefern, der die Bilder und Gefühle wie eine untrennbare Einheit trägt.

BONES AND ALL ist ein sehr reichhaltiger Film, der sich trotz einiger populärer Themen, nicht beim einem großen Publikum anbiedern will und genau deshalb ganz hervorragend funktioniert.

(Bjoern Candidus)

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