ENTFESSELTE BEGIERDE
(LES AVALEUSES, Belgien, Frankreich, Spanien, 1973, Regie: Jess Franco)
Barbusig und nur bekleidet mit einem schwarzen Cape, einem Gürtel und kniehohen Stiefeln schreitet Francos Muse und spätere Ehefrau Lina Romay als Gräfin Irina Karlstein an nebelumhüllten Bäumen entlang. Einen Zwischenstopp legt sie an einem Bauernhof ein, wo sie auf einen jungen Mann trifft, den sie erst oral befriedigt bis er kommt und ihm anschließend sein bestes Stück abbeißt. Ein Fluch lastet auf Irina. Sie braucht Sex und Körpersäfte jeder Art, um für ein langes Leben zu sorgen. Sorgen tun sich auch die Menschen in der Umgebung, als sie den entmannten Herren finden. Es dauert nicht lange, bis Irina das Interesse von einigen Damen und Herren auf sich zieht.
Lina Romay, die mit ENTFESSELTE BEGIERDE ihr Film-Debüt feiert und danach sehr viel zu tun bekommen sollte, ist hervorragend eingefangen worden und verbreitet einen ähnlichen Zauber wie Soledad Miranda, die leider viel zu früh sterben musste. Lina beim Oralsex mit Männern, bei der Selbstbefriedigung, beim Lesbensex, beim vampirischen Treiben… Franco gibt alles, um sich und den Zuschauer zu beglücken. Doch sowohl ihr Charakter als auch der von ihrem Bediensteten, der von Luis Barboo dargestellt wird, ist stumm. Im ganzen Film wird nur wenig gesprochen. Jack Taylor steht die Rolle des Baron von Rathony bestens, während Jess Franco als Doktor wie immer reichlich skurril wirkt. Neben einem Strauß an Damen, tauchen auch noch weitere verrückte Figuren auf, wie ein blinder Professor Orloff (Jean-Pierre Bouyxou) der magische Fummelhände besitzt.
Handwerklich kann sich ENTFESSELTE BEGIERDE zeigen; Franco stand mal wieder selbst hinter der Kamera und hat solide Arbeit abgeliefert, was ja nicht immer der Fall war. Die Sets sind abwechslungsreich und bieten neben dem traumartigen Wald, durch den Irina hin und wieder schleicht, sonnige Küstenabschnitte und Ferienanlagen, die für Urlaubsstimmung in mediterranen Gefilden sorgen. Die meiste Zeit verbringt man allerdings auf Irinas Zimmer, um ihr beim Sex zuzuschauen. Wie viel und in welcher Form es hier Sex zu sehen gibt, ist abhängig von den (mindestens drei) Fassungen, die man sich anguckt. Was in allen Fassungen gleich sein sollte: der Score von Daniel White, der zwischen melancholischen Klängen auch pornöse anstimmt.
ENTFESSELTE BEGIERDE ist ein kleiner Edelstein im Œuvre Francos, der im Grunde alles bietet, was man in seinem Kino erwartet, aber selten in so guter Qualität bekommt.
(Bjoern Candidus)
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