TEUFELSKREIS Y
(TWISTED NERVE, GB, 1968, Regie: Roy Boulting)
Nach dem Tod seines Vaters wird Martin Durnley von seiner Mutter umgarnt und verwöhnt, wie es ihr nur möglich ist, und das sehr zum Leidwesen seines Stiefvaters. Doch in Martin, der nach außen hin kein Wässerchen trüben kann, brodelt ein waschechter Psychopath, der sich in Susan verliebt. Um sich ihr nähern zu können, spielt er ihr und ihrer Mutter den geistig zurückgebliebenen Georgie vor, mit fatalen Konsequenzen…
Das Kino der 60er-Jahren war durchzogen von Psychopathen, die wie Entenkinder der Gallionsfigur Norman Bates hinterher watschelten. Es war die Zeit der Psycho-Thriller, in der gestörte Seelen ihr Unwesen trieben. Mit TEUFELSKREIS Y hat Roy Boulting ein weiteres Kapitel in der Reihe von Psychopathen verfasst, was in den 2000er-Jahren durch Quentin Tarantinos KILL BILL (2003) wieder etwas bekannter wurde. Freilich nur durch Bernand Hermanns Lied „Twisted Nerve“. Ob der Film selbst davon profitiert hat, weiß ich nicht; mir scheint er heute wieder sehr unterredet zu sein. Das ist sehr schade, denn Roy Boulting (EINE STADT HÄLT DEN ATEM AN, 1950) hat ein packendes Porträt über einen psychisch gestörten jungen Mann geschaffen. Ganz langsam lernt man die perfiden Tricks von Martin kennen, der sich anderen gegenüber als geistig beeinträchtigter Georgie vorstellt und so geschickt manipuliert und hinters Licht führt. Neben Boulting, Rogers Marshall und Jeremy Scott hat auch ein Leo Marks am Drehbuch mitgearbeitet, der sich für den Inhalt von PEEPING TOM verantwortlich zeigte. Dort hat Regisseur Michael Powell aus Karlheinz Böhm als Mark Lewis, ebenfalls 1960, einen weiteren Psychopathen gezaubert und auf die Leinwand gestrahlt. Wie in PSYCHO und noch mehr in PEEPING TOM, ist man hier ganz dicht am Psychopathen dran, was die größte Faszination des Films ausmacht. Hywell Bennett spielt Martin/Georgie sehr überzeugend und kann wie Perkins und Böhm perfekt die Unschuld vom Lande präsentieren. Wenn Martin Georgie ist, ist er ein infantiler, lieber Junge, der von seiner Mutter und anderen Damen liebevoll umgarnt wird, bis sie ihm den Rücken zudrehen. In diesem Spiel baut Boulting am meisten Spannung auf.
Zu Beginn hält der Film eine Texttafel bereit, die darüber informiert, dass es keinerlei erwiesenen Zusammenhang zwischen Mongolismus und
psychotischem oder kriminellem Verhalten gibt. Ein Thema, was im weiteren Verlauf des Films noch wichtig wird und auch in Dario Argentos Giallo DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1971) in ähnlicher Form aufgegriffen wird.
Was man bei TEUFELSKREIS Y auf keinen Fall erwarten sollte: einen finsteren und blutigen Thriller. Man reduziert sich auf zwei Morde, von denen einer direkt aus der Welt von Mario Bava hätte entspringen können. Man bewegt sich in erster Linie in der Welt der 60er-Jahre mit all ihren Formen und Farben. Der Film ist meistens hell und bietet schöne Bilder und steht so visuell im Kontrast zu Martin/Georgies Seelenleben. Auch wenn hier jeder unter dem starken Schauspiel von Hywell Bennett untergeht, machen sich Hayley Mills, Billie Whitelaw (unvergessen als Mrs. Baylock in DAS OMEN, 1976) und der Rest der Bande sehr gut und runden das Gesamtpaket ab.
TEUFELSKREIS Y ist ein packender, charakterstarker Psycho-Thriller, der sich nicht vor problematischen Themen fernhält.
(Bjoern Candidus)
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