DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL
(LA MORTE RISALE A IERI SERA, Deutschland, Italien, 1970, Regie: Duccio Tessari)
Das Leben von Amanzio Berzaghi meint es nicht gut mit ihm. Erst stirbt seine Frau, dann wird seine geistig zurückgebliebene Tochter Donatella entführt. Verzweifelt wendet er sich an die Polizei. Kommissar Lamberti und seine helfende Hand Mascaranti ermitteln. Wenig später entwickelt sich der Entführungsfall zu einem Mordfall, denn auf einem Feld wird die Leiche von Donatella gefunden.
Es müssen nicht immer draufgängerische Proleten-Kommissare sein, die mit ihren Autos durch italienische Städte rasen und das Gesetz für sich neu definieren. Ebensowenig braucht man sadistische Morde oder Vergewaltigungen auf die die Kamera draufhält, um den Zuschauer zum schlucken zu bringen. Regisseur Duccio Tessari (BLUTSPUR IM PARK, 1971) und Artur Brauner, der am Drehbuch mitgeschrieben und den Film produziert hat, verknüpfen hier Elemente des Poliziottesco und des Giallo, und verzichten auf viele der üblichen Trope. Entführungs-Drama ist vielleicht sogar die treffendste Bezeichnung. Egal, es soll nicht um Kategorien gehen, denn dafür ist DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL zu andersartig. Statt auf Action und reißerische Morde zu setzen, erleben wir einen Kommissar und seinen Kollegen bei der intensiven Suche nach einer jungen Frau, die geistig zurückgeblieben ist, bzw. nach den Tätern. Die Spur führt in die Welt der Prostitution. Verdächtige, Mitwisser und mögliche Zeugen werden der Reihe nach aufgesucht und befragt, was die Spannung aufrecht erhält, obwohl in erster Linie nur geredet wird. Später bekommt man immer wieder kleine Rückblicke zu sehen, in denen man sieht, was Donatella zugestoßen ist. Aber auch in diesen Szenen bleibt Tessari zurückhaltend mit der Darstellung. Im letzten Drittel übernimmt dann der verzweifelte Vater selbst die Suche, um den oder die Täter zu Rechenschaft zu ziehen, bevor es die Polizei tun kann. Überall gibt etwas Interessantes zu entdecken, was die Zeit widerspiegelt, wenn man zum Beispiel in einer Zeitungsredaktion ist und einem Charles Manson und Jassir Arafat auf Fotos entgegenspringen. Gianni Ferrio unterstreicht mit seinem schönen Score die wunderbare Fotografie von Lamberto Caimi, der sechs Jahre später das Treiben in STRASSENMÄDCHEN-REPORT festgehalten hat, der sehr viel weniger sanft mit einem ähnlichen Thema umgeht.
Frank Wolff (SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, 1968) hat mir selten so gut gefallen wie hier, wenn er den grummeligen Kommissar Duca Lamberti spielt. Den Part seiner Frau übernimmt Eva Renzi (DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE, 1970). Ganz toll ist auch der charismatische Gabriele Tinti mit seinen faszinierenden Augen, der in die Rolle von Lambertis Kollege Mascaranti schlüpft. Am besten hat mir allerdings der verzweifelte Vater Amanzio Berzaghi gefallen, den Raf Vallone (THE ITALIEN JOB, 1969) verkörpert. Er spielt wirklich herzerwärmend und nachvollziehbar. Seine Tochter Donatella wird von Gillian Bray (KARATR, KÜSSE, BLONDE KATZEN, 1974) verkörpert, die nicht viel tun muss, außer eine Dreijährige zu spielen, die entweder freudig oder verängstigt ist. Macht nichts, sie ist ohnehin nicht häufig zu sehen.
Hinter dem reißerischen und völlig verzerrenden deutschen Titel DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL versteckt sich ein packendes, gut erzähltes, wunderbar besetztes Krimi-Drama, was sehr sorgsam mit seinen schweren Themen umgeht.
(Bjoern Candidus)
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