DAS ERSTE OMEN
(THE FIRST OMEN, USA, 2024, Regie: Arkasha Stevenson)
Die junge Amerikanerin Margaret Daino wird nach Rom zitiert, wo sie in dem Waisenhaus Vizzardelli im Dienste der Kirche arbeiten soll. Geleitet wird das Heim von der strengen Äbtissin Schwester Silvia. Anfänglich scheint Margaret ihr neuer Wohn- und Arbeitsplatz zu gefallen, und sie findet schnell Anschluss. Dann geschehen unheimliche Dinge, die Zweifel über ihr Umfeld aufkommen lassen. Als sie plötzlich eine Warnung von dem mysteriösen Father Brennan bekommt, verdichten sich ihre Befürchtungen, dass Kardinal Lawrence, Äbtissin Schwester Silvia und ihre Glaubensbrüder und Schwestern etwas Böses im Schilde führen, genauer: sie wollen die Geburt des Sohnes des Antichristen persönlich herbeiführen.
Manchmal passiert es eben doch! Manchmal kommt ein Sequel, Prequel, Reboot oder Remake um die Ecke, was auch mal inhaltlich Sinn macht, was aufgeht und einen nahtlosen Übergang schafft. Im Fall von DAS ERSTE OMEN handelt es sich um ein Prequel des Horrorklassikers DAS OMEN aus dem Jahre 1976, was die Geschichte weiterführt, die hier gestartet wird.
Damien Thorn, der Sohn des Antichristen, muss den meisten Horror-Fans kaum noch vorgestellt werden. Besonders der Kinder-Damien (Harvey Stephens), aus dem ersten Teil, ist zu einer Ikone herangewachsen. Wie, durch wen und warum Damien auf die Welt kam, erzählt DAS ERSTE OMEN, der von der Regisseurin Arkasha Stevenson inszeniert wurde, die hier ihr Spielfilm-Debüt feiert.
Obwohl sich der Film inhaltlich und von seinem Setting komplett von der Ur-Trilogie (OMEN 4 – DAS ERWACHEN klammere ich hier aus) unterscheidet, lässt es sich Stevenson natürlich nicht nehmen, auch die aus der Reihe beliebten Schockeffekte einzusetzen, die für mich allerdings nur wenig Highlights geboten haben. Besonders die Eröffnungssequenz habe ich als kleines Ärgernis empfunden. Aber danach wurde alles viel besser. Unangenehm sind die beiden Geburts-Szenen, die für einen Hollywood-Horrorfilm ungewöhnlich hart sind. Es gibt ein paar richtig starke Moment, wenn man einen Dämonen oder gar den Teufel persönlich rudimentär sieht, die mit zum Besten gehören, was ich seit langer Zeit im Bereich des Okkult-/ Teufels-Horror gesehen habe. Aber der Film hat keine Schocks und Blutfontänen nötig, um zu unterhalten. Man bekommt eine spannende, mysteriöse Story mit einer sehr guten Besetzung und einer äußerst dichten Atmosphäre geboten, und all das zusammen ist heute nur noch rar gesät im Kino, vor allem im Horrorkino. Da man sich in Italien, genauer in Rom Anfang der 1970er-Jahre befindet, hat man natürlich das beste Setting, um das Gute gegen das Bösen antreten zu lassen. Die Nähe zum italienischen Horror-Kino ist auffällig, was mir besonders gut gefallen hat. Schon die Ur-Trilogie hat sich vor allem in europäischen Gefilden bewegt. Alles ist in gelblichen und erdigen Farben getränkt, ohne durch ein penetrantes Color Grading zu ertrinken. Auf visueller Ebene wird hier ganz viel Schönheit, aber auch Grausamkeit zelebriert, ohne dass sie aufgesetzt wirkt. Man reproduziert die 70er-Jahre, zeigt das Nachtleben auf den Straßen Roms, geht kurz auf studentische Demonstrationen ein, aber bewegt sich größtenteils in den Mauern des Waisenhauses. Mit 120 Minuten ist auch dieser Film mal wieder etwas zu lang, aber trotzdem gibt es nur wenig störendes Füllmaterial. Und da man darstellerisch in guten Händen ist, ist das alles zu verkraften. Außerdem nehme ich die Ruhe, mit der man hier vorgeht, dankend an.
Hauptdarstellerin Nell Tiger Free als Margaret Daino ist nicht nur hübsch und hat Charisma, sie kann auch gut schauspielern. Sie ist klug, handelt besonnen und verkommt nicht zu einer Mimose oder Powerfrau. Ralph Ineson macht als warnender Father Brennan eine gute Figur, die man bereits aus dem Originalfilm kennt, damals dargestellt von Patrick Troughton. Auch die Figur des Father Spiletto wird aufgegriffen. Hier wird er von Anton Alexander dargestellt. Das Nonnen-Biest Schwester Silvia wird von Sonia Braga verkörpert, die sichtlich Spaß in ihrer Rolle hat. Charles Dance ist in der Eröffnungs-Szene als Father Harris zu sehen, während Bill Nighy als Cardinal Lawrence auffährt. Zudem gibt es eine große Anzahl mir unbekannter Darsteller, die aber allesamt gut ins Bild passen. Auf dem Gesichts- und Fratzen-Sektor gibt es hier massig zu entdecken.
Aber nicht nur die Augen werden verwöhnt, sondern auch die Ohren. Mark Korven hat einen starken Score gezaubert, der neben den in der Reihe üblichen chorälen Gesängen, auch Erinnerungen an Ligeti und Morricone wach werden lässt, bevor gegen Ende endgültig der Goldsmith-Gänsehaut-Moment kommt.
Arkasha Stevenson geht respektvoll mit Richard Donners und David Seltzers Originalfilm um und ergänzt ihn mit einer spannenden Vorgeschichte und einer erschreckend plausiblen Erklärung. Obwohl mir immer wieder Filme wie ROSEMARY‘S BABY (1968), SUSPIRIA (1977 / 2018), POSSESSION (1981), THE OTHER HELL (1981), DARK WATERS (1993) oder WARLOCK 2 (1993) in den Sinn gekommen sind, was wohl teilweise auch beabsichtig war, fühlt sich die Inszenierung frisch an.
DAS ERSTE OMEN ist eine der bisher größten filmischen Überraschungen des Jahres.
(Bjoern Candidus)
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