DER VAMPIR VON NOTRE DAME
(I VAMPIRI, Italien, 1957, Regie: Riccardo Freda, Mario Bava)
Eine Serie von Frauenmorden erschüttert Paris. Es ist bereits die dritte Dame, die blutleer aufgefunden wird und Inspektor Santel Kopfzerbrechen bereitet. Aber auch der Reporter Lantin widmet sich dem Fall mit voller Aufmerksamkeit. Seine Wissbegierde führ ihn zu einem Drogensüchtigen, der ihn wiederum zu Professor DuGrand führt, der im Dienst einer Schlossherrin steht.
DER VAMPIR VON NOTRE DAME ist der erste italienische Horrorfilm nach dem 2. Weltkrieg und gleichzeitig der Auftakt einer kraftvollen Gothic-Horror-Welle, die Filme wie DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960), DIE GELIEBTE DES VAMPIRS (1960), DAS SCHLOSS DES GRAUENS (1963), DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU (1963) etc. in die Welt flutete. Es war vor allem Mario Bava, der das Thema Gothic-Horror in ganz neue Dimensionen lenkte. Inspiriert durch die Schönheit der Hammer-Studios, die ebenfalls im Jahr 1957 mit FRANKENSTEINS FLUCH und ein Jahr später mit DRACULA, die beide unter der Regie von Terence Fisher entstanden sind, präsentierte er sein Meisterstück und Regie-Debüt DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT allerdings noch in gespenstischen Schwarweißbildern, wie es auch hier der Fall ist. In erster Linie war aber Riccardo Freda der Regisseur von DER VAMPIR VON NOTRE DAME, während Bava in erster Linie den Posten des Kameramannes und Autors der Story (zusammen mit Piero Regnoli) bekleidete. Dass er hier teilweise auch noch selbst die Regie führte, ist einem Zerwürfnis zwischen Freda und dem Studio geschuldet. Freda, der auch später mit Filmen wie DAS SCHRECKLICHE GEHEIMNIS DES DR. HICHCOCK (1962) ein weiteres Bonbon des Gothic-Horrors ablieferte, schafft es hier Krimi-, Mad Scientist- und Vampirismus-Motive zusammenzulegen und gemeinsam mit Mario Bava ein filmisches Gedicht abzuliefern.
Anfänglich bekommt man noch das moderne Paris präsentiert, wenn auch gerne mittels geschickt eingebauter Hintergrundbilder, denn größtenteils ist man in den Titanus Studios in Rom. Das Können von Bava als Kameramann ist auch in diesen Szenen zu erkennen, aber wenn man das Schloss betritt, entfaltet sich das Wunderwerk erst richtig. Licht und Schatten verwandelt die Räume mit ihren dämonischen Verzierungen in Alptraumwelten. Jede Einstellung wird zur Augenweide. Geheimgänge, ein Friedhof mit Gruft, kahle Bäume und sämtliche Horror-Zutaten, die hier bedient werden, sind für 1957 zwar nicht neu, doch sahen sie vorher selten so gut aus. Der Score von Roman Vlad begleitet das unheimliche Treiben blendend. Dass man es hier nicht mit einem Vampir im herkömmlichen Sinne zu tun hat, sondern man sich eher in den Gefilden von Elisabeth Báthory bewegt, ist ein weiterer Pluspunkt. Werner Herzog kam im gleichen Jahr in seinem Kurzfilm DIE BEISPIELLOSE VERTEIDIGUNG DER FESTUNG DEUTSCHKREUZ ebenfalls auf Báthory zu sprechen, während die Hammer-Studios erst 1971 mit COMTESSE DES GRAUENS auf das Thema antworteten. Auch das Thema Drogensucht wird aufgemacht, was der Blutsucht der Schlossherrin Gisèle DuGrand hier gleichkommt.
Wie bereits anfänglich erwähnt, war 1957 auch das Jahr von Dr. Frankenstein und seiner Kreatur, die durch Peter Cushing und Christopher Lee eine glänzende Reinkarnation erfahren haben. Clever wie Freda und Bava waren, pflanzten sie also auch noch wissenschaftliche Aspekte in die Story, ohne dass es zu einem stilistischen Bruch kommen würde. Und wenn man so will, weisen die Krimi-Elemente, die hier auch zu finden sind, auf die zwei Jahre später sehr erfolgreich startende Edgar Wallace Filmreihe aus Deutschland hin.
Mit Gianna Maria Canale, Carlo D’Angelo, Dario Michaelis und Jess Franco Liebling Paul Muller darf man sich zusätzlich auf eine tolle Besetzung freuen, die das schaurige Gesamtpaket abrundet.
DER VAMPIR VON NOTRE DAME ist nicht nur ein visuell betörender Film mit einer guten Story, sondern auch ein wichtiger Film für das Horror-Genre, insbesondere für das italienische. Faszinierend.
(Bjoern Candidus)
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