NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN
(Deutschland, Spanien, 1967, Regie: Jess Franco)
Der Amerikaner Bill Mulligan lernt in Lissabon die geheimnisvolle Lorna kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Lorna ist Teil einer sadomasochistischen Nachtclub-Performance, in der sie einen Mann und eine Frau gefesselt an Andreaskreuzen foltert. Während einer dieser Auftritte erzählt Mulligan einem anderen Mann, wo er Lorna kennengelernt hat. Aber Lorna ist nicht nur schön und verführerisch, sondern hat auch Probleme, mörderische. Psychiater Drawes möchte diese gemeinsam mit ihr lösen. Bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, die verschleiert ist, taucht immer wieder ein mysteriöser Mann mit hypnotischem Blick auf, der der Schlüssel sein könnte.
NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist Jess Francos erste in Deutschland produzierte Regiearbeit. Als Produzent fungierte Adrian Hoven, der Franco die nötigen Freiheiten einräumte, um den Film ganz nach seinem Gusto zu gestalten. Eine hervorragende Idee, denn dabei ist ein wirklich schöner Film entstanden, der mehr einem sinnlichen Fiebertraum gleicht als einem stringent erzählten Film, der einem zwar Ansätze liefert, aber keine finalen Antworten bietet. Hier erlebt man Franco in Reinform und bekommt einen guten Eindruck von dem, was in seiner Filmografie folgen wird. Ästhetische Körper, Sex, knallige Farben, Formen, historische Gemälde in poppigen 60er-Jahre-Sets beherrschen das Innenleben. Die Außenwelt wird repräsentiert von Lissabon. Ganz prominent im Bild: der Turm Torre de Belém. Aber auch andere historische Bauten und Gärten bestimmen das Bild. Den völligen Kontrast bieten die modernen, weit weniger schönen Ansichten von West-Berlin im letzten Drittel. Aber diese Kontraste passen zum Wechselband der Inszenierung, zu den Verwirrungen Lornas, die zu denen des Zuschauers werden. Die surrealen, traumartigen Eskapaden, die Franco hier zelebriert, werden ihn in seiner Laufbahn weiter begleiten, ebenso das Thema „SM“. Nicht selten hängt bei Franco jemand am Andreaskreuz, und hier eröffnet er gleich seinen Film damit.
NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist ein visuell betörender Film, der nicht nur toll ausgestattet ist, mit einem coolen Jazz-Score von Friedrich Gulga aufwartet, sondern auch sehr gut fotografiert wurde und sich spannenden Perspektiven bedient. Künstlerisch ist Franco hier auf einem hohen Niveau unterwegs.
Mit Janine Raynaud als Lorna wird man gut bedient. Eine schöne Frau, der der Wahnsinn gut zu Gesicht steht. Sie sollte auch in den beiden folgenden Franco / Hoven Produktionen ROTE LIPPEN – SADISTEROTICA (1969) und KÜSS MICH, MONSTER (1969) eine Rolle bekommen. Die Kleider, die sie hier trägt, wurden im übrigen von Karl Lagerfeld kreiert, der auch im Vorspann erwähnt wird. Im Film selbst werden auch Buñuel und Fritz Lang erwähnt, wenn es um angesagte Kunst geht und es heißt: „Buñuel, Fritz Lang… Regisseure, die gestern Filme für morgen gedreht haben.“ Auf wen und was Jess Franco gestanden hat, was ihn inspiriert und bewegt hat, wird hier immer wieder klar. Jack Taylor spielt Bill Mulligan und Howard Vernon einen Admiral. Beide gehören quasi zum Franco Inventar und sollten immer wieder in seiner Filmografie auftauchen. Auch Produzent Adrian Hoven hat sich vor die Kamera begeben. Er spielt Ralf Drawes, den Psychiater, während Michel Lemoine den Mystery-Man gibt, der in Lornas Welt auftaucht.
NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist wundersames, von der Norm losgelöstes, experimentelles Kunst-Kino, was den zukünftigen Fahrplan Francos aufzeigt, der nicht immer so ausgewogen ist wie hier.
(Bjoern Candidus)
Schreibe einen Kommentar