BESESSEN
(DERANGED, Kanada, USA, 1974, Regie: Alan Ormsby, Jeff Gillen)
Basierend auf den Fall des Mörders, Grabräubers und Leichenschänders Ed Gein hat Alan Ormsby und Jeff Gillen hier einen sehr morbiden, fast pseudodokumentarischen Film geschaffen, der das Potential hat, einen schlucken zu lassen. Das Erstaunliche an diesem filmischen Abgrund ist die recht authentische Darstellung von Eds Leben, seinem Umfeld und seinen Taten, denn erst später gerieten Polizeiberichte und Fotos ans Licht der Öffentlichkeit. Wunderlich sind auch einige Parallele zu TEXAS CHAINSAW MASSACRE, der einige Monate später im selben Jahr in die Kinos kam, aber von Hooper bereits zwischen Juli und August 1973 gedreht wurde. Doch während Hooper gnadenlosen Terror vor hitziger Texas-Kulisse entfesselt, ist man hier auf dem schneebedeckten Boden Kanadas, auf dem sich Ormsby auf den schleichenden Wahnsinn seines Ed Geins konzentriert, der hier Ezra Cobb heißt und wirklich brillant von Robert Blossom (CHRISTINE, 1983) dargestellt wird. Blossom scheint geradezu in der Rolle eines psychisch kranken Mannes mit höchst unangenehmen Neigungen aufzugehen. Wenn er dann seine Mutter aus dem Grab holt, was Ed Gein nie getan hat, aber gerne behauptet wird, wird es unangenehm. Und richtig ekelhaft wird es, wenn er sie aushöhlt, um sie auszustopfen. Da war der gute Hitch mit dem schönen Anthony 1960 etwas subtiler unterwegs. Jeder Winkel in Ezra Cobbs Haus mit Farm ist dreckig und stinkt durchs Bild, wie der Bewohner selbst. Aber nicht nur das heruntergekommene Anwesen wird belichtet, sondern auch die kleine Stadt, in der Ezra durchaus bekannt ist, wenn auch nicht als Intelligenzbestie. Die Leute mögen Ezra, sie halten ihn für harmlos.
Der Film erweckt nicht das Gefühl, Ormsby hätte es nur auf Schauwerte abgesehen, sondern nimmt das Thema ernst und versucht es in seinem möglichen Rahmen abzuarbeiten. Statt auf Spannung oder Action zu setzen, steckt man tief im Sumpf von Ezra und beobachtet ihn in seinem Leben, was nicht selten höchst unappetitlich ist. Dass dabei unter dem Strich trotzdem mehr ein Exploitationfilm statt ein Psycho-Drama entstanden ist, liegt auf der Hand. Da ändert auch das Auftauchen eines Erzählers nichts, der sich hin und wieder ins Bild rückt. Eine letztlich unnötige Idee, die aber auf sonderbare Art funktioniert. Untermalt wird der Ausflug in die Welt des Morbiden von einem Score von Carl Zittrer, der, wie auch bei BLACK CHRISTMAS (1974), unterschwellig wirkt.
Unter den zahlreichen Filmen, die entweder direkt auf Ed Gein eingehen oder sich auf dessen Neigungen oder Taten beziehen oder inspiriert wurden, ist BESESSEN einer der authentischsten, auch wenn er sich Freiheiten herausnimmt. Es gibt ein paar sehr widerliche Momente, aber in erster Linie überzeugt Blossom als Ezra Cobb und die faulige Atmosphäre, die über den Bildern einer bäuerlichen Welt liegt, die auch etwas an der aus CANNIBAL GIRLS (1973) erinnert.
BESESSEN ist kleines makaberes Meisterstück, was nie die Aufmerksamkeit bekommen hat, was es eigentlich verdient hätte, vor allem wegen der tollen Darstellung von Robert Blossom.
(Bjoern Candidus)
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