EIN MANN RECHNET AB
(THE ‚HUMAN‘ FACTOR, GB, Italien, 1975, Regie: Edward Dmytryk)
Eine Gruppe von Terroristen ermordet die Familie des Amerikaners John Kinsdale, einem Computerspezialisten der NATO. Statt in Kummer zu ertrinken, schwört er sich Rache und begibt sich auf die Suche nach den Tätern, da sich die Polizei von Neapel nicht ausreichend bemüht. Längst sind auch zwei CIA-Männer aus den Staaten angereist. Die Bedrohungslage ist groß, denn es sollen weitere amerikanische Familien in Italien getötet werden.
Rache ist meistens eine gute Idee, natürlich nur im Kino. Unzählige Male hat man sich diesem Thema angenommen, und es liegt mitunter an der Nachvollziehbarkeit, dass das Thema immer wieder und wieder unser Interesse weckt. Regisseur Edward Dmytryk (BLAUBART, 1972) hat sich dem Thema in seinem letzten Spielfilm angenommen und George Kennedy auf den Charles Bronson – Weg geschickt. Doch wo Charles Bronson in EIN MANN SIEHT ROT (1974) schnell dazu übergeht, sein Viertel von verbrecherischem Abschaum zu reinigen, stellvertretend für die Mörder seiner Frau und den Misshandlungen an seiner Tochter, schreitet George Kennedy als John Kinsdale gezielt zur Tat. Das verleiht der Story und dem Charakter mehr Authentizität und hebt auch die Spannung, die sich allerdings nicht immer halten kann. Die Inszenierung ist manchmal etwas zäh geraten und sperrig. Man tritt immer wieder auf der Stelle, und über die Hintergründe der Terroristen bekommt man auch nicht wirklich viele Informationen. Allerdings wird man ebenso schnell wieder aufgerüttelt, wenn mal wieder einer erschossen wird. Selbst Kinder werden (im Off) erschossen, was die kalte und raue Art der Inszenierung unterstreicht.
Mit George Kennedy hat man eine gute Wahl getroffen. Wirklich sympathisch war mir der Mann zwar noch nie, aber er passt sehr gut in die Rolle eines normalen Familienvaters, dem von jetzt auf gleich seine Liebsten genommen wurden. Anstelle von Kummer tritt allerdings mehr Hilflosigkeit und Wut in den Vordergrund, die immer mehr in puren Hass umschlägt. Kennedy darf dann im letzten Drittel richtig aufdrehen, wenn es actionreicher und grafisch gewalttätiger wird. Neben Kennedy ist noch John Mills, Rita Tushingham und Raf Vallone an Bord. Insgesamt ist die Besetzung gut, doch die Charaktere sind einfach nicht interessant genug, um mitreißen zu können. Und so ist George Kennedy eigentlich die einzige Figur, die hier Eindruck hinterlassen kann. Die Terroristen schaffen es zumindest, durch ihre kompromisslose Vorgehensweise zu überzeugen.
Gar nichts auszusetzen gibt es an dem packenden Score von Ennio Morricone. Dieser klingt ein bisschen wie eine Vorschau auf seine Musik für EXORZIST 2 – DER KETZER (1977).
EIN MANN RECHNET AB krankt an seinen Figuren, hat inhaltlich nicht viel zu sagen und kommt manchmal nicht in die Gänge, ist aber insgesamt solide genug, um in der Liste der Ein-Mann-nimmt-Rache-Filme-der-70er-Jahre aufgenommen werden zu können.
(Bjoern Candidus)
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