DIE NACHT DER UHREN
(LA NUIT DES HORLOGES, Frankreich, 2007, Regie: Jean Rollin)
Hätte Jean Rollin nicht 2009 mit LA MASQUE DE LA MÉDUS einen weiteren Film gedreht, hätte DIE NACHT DER UHREN den Kreis seiner Filmografie wunderbar geschlossen. Doch Rollin war getrieben, weitere Geschichten über seine Welt der Lebenden, der Toten und der Untoten zu erzählen, und dieser Film ist ein weiteres Beweisstück der Liebe für das, was er tat.
Abgesehen von den Vampiren, die sein Werk dominieren, ist es das Meer und die Standuhren, die zu den wiederkehrenden Elementen seiner Welt(en) gehören. DIE NACHT DER UHREN macht da keinen Unterschied und liefert all das und noch viel mehr. Dieser Film ist für seine Fans, für ihn selbst und die Figuren, die er geschaffen hat.
Der Film handelt von Ovidie, die das Schloss ihres verstorbenen Cousins, dem Schriftsteller und Regisseur Michael Jean, geerbt hat. Da sie nicht weiß, was mit Michael Jean geschehen ist, untersucht Ovidie die Umgebung und begegnet sinistren Figuren, die alle samt aus der Fantasie ihres Cousins entsprungen sind und über Standuhren in unterschiedliche Welten verschwinden können. Der Film wirft die Frage auf, ob die Lebenden von den Toten träumen oder die Toten von den Lebenden. DIE NACHT DER UHREN ist wie ein Traum, der einen auf eine düster melancholische Reise mitnimmt, bei der man am besten gar keine Fragen stellt, denn dafür ist Ovidie da, die sich durch das Werk ihres Cousins gräbt. Durchzogen wird die Inszenierung von Szenen aus Rollins Schaffen, die natürlich noch mehr ein Indiz dafür sind, dass es sich bei Michael Jean um Jean Rollin selbst handelt. Wie die meisten Filme von Rollin wird auch dieser von den Frauen dominiert, und so ist der Cast auch fast ausschließlich weiblich und wird angeführt von der französischen Schauspielerin und Regisseurin Ovidie als Ovidie. Des Weiteren darf man sich über Françoise Blanchard als Françoise Blanchard (LADY DRACULA, 1982), Dominique als Dominique (SEXUALTERROR DER ENTFESSELTEN VAMPIRE, 1971), Maurice Lemaître als Michael Jean (DAS LAUTSCHLOSS DER GRAUSAMEN VAMPIRE, 1970) und über einige andere Bekannte aus Rollins Werk freuen.
Stillgelegte Bahngleise, ein alter Friedhof voller Grüfte und Statuen,
ein verbrannter Wald und ein Schloss bestimmen das Bild dieses poetischen Horrorfilms. Eigentlich gefällt mir das Wort Horrorfilm in diesem Zusammenhang gar nicht, aber ich lasse es mal so stehen.
Ein paar Längen und etwas zu viele Dialoge dehnen die Inszenierung manchmal unnötig, dennoch sieht sie immer schön aus. Bedenkt man, dass der Film auf Video gedreht wurde, kann er die Optik jener Tage sehr gut kaschieren. Der Film sieht stellenweise nach einer 70er-Jahre- Produktion aus, und die eingefügten Szenen aus seinen alten Filmen unterstützen diese Illusion zusätzlich. Der melancholische Score stammt von Philippe d’Aram, der seit FASCINATION (1979) immer wieder mit Rollin gearbeitet hat.
DIE NACHT DER UHREN ist ein hypnotischer Trip in die finstere, mysteriöse Wunderwelt des unvergleichbaren Jean Rollin, zu der vermutlich nur der Fan Zugang findet.
(Bjoern Candidus)
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