BLUTGERICHT IN TEXAS
(THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, USA, 1974, Regie: Tobe Hooper)
Mit meinen damaligen zwölf Jahren, um 1993 herum, hatte ich bereits schon einige Horrorfilme gesehen und aufgrund von Büchern und Magazinen eine große Liste von Filmen erstellt, die ich unbedingt noch sehen wollte. BLUTGERICHT IN TEXAS war einer dieser Filme, die ganz oben standen. Befeuert wurde der Wunsch natürlich durch die Filmliteratur, die ich zu Händen hatte. Überall fand der Film Erwähnung, und mir war klar, dass es nicht einfach werden würde, an diesen zu kommen. Meine Cousin-Film-Connection konnte mit TANZ DER TEUFEL, NIGHTMARE ON ELM STREET oder HELLRAISER dienen, aber nicht mit THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Es blieb mir also keine andere Wahl als zu warten, denn das Internet war ja schließlich noch in weiter Ferne. Noch mehr angefixt wurde ich dann im Jahre 1994 als die Horrorfilm-Dokumentation TERROR IM PARKETT (1984) im Fernsehen lieft. Im Rahmen der Dokumentation werden sehr viele Ausschnitte aus berühmten Horrorfilm gezeigt und so bekam ich endlich bewegtes Material zu dem Film, auf den ich so scharf war. Und als ich das erste Mal sah, wie Gunnar Hansen als Leatherface die Kettensäge startet und Pam auf einem Boden voller Knochen kriecht, angefeuert durch das Gegacker von Hühnern, wurde mein Begehren nur noch größer. Es sollte noch bis zum Jahr 1998 dauern, bis ich endlich Tobe Hoopers Meisterwerk des morbiden Terror zu Gesicht bekam. Damals im Rahmen einer VHS Kassette, die ich mir über Dänemark bestellte.
Jetzt ist der Film schon 27 Jahre in meinem Herz und Hirn verankert und wurde bisher von mir alle Jubeljahre mit jedem neuen Medium gekauft. Fast schon ritualisiert landet der Film bei Temperaturen um die 36° in meinen Player, um in Tobe Hoopers und Kim Henkels erstickende Welt abzutauchen. Wenn die Luft so heiß ist, dass man kaum noch atmen kann, wird THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE zu einem 4D-Vergnügen. Wenn man noch weitergehen möchte, öffnet man einfach den Deckel seines Mülleimers, während man den Film guckt. Von der ersten Sekunde an wird man in eine Atmosphäre der Bedrohung gestoßen, wenn einem der Lauftext schon das Übel verspricht und man wenig später die Überreste von verwesten Leichen präsentiert bekommt. Gekrönt wird dieser Auftakt von zwei Leichen, die auf einem Grabstein sitzen.
Hoopers Film ist zu keiner Sekunde freundlich. Von Anfang an besteht eine gewisse Spannung zwischen den Figuren, die hier aufbrechen, um das Haus von Sallys und Franklins verstorbenen Großeltern zu besuchen. Die Geschwister werden begleitet von Pam, Jerry und Kirk, die allesamt in einem Autobus unterwegs sind. Als sie einen Anhalter mitnehmen, der sich als Geisteskranker herausstellt und den im Rollstuhl sitzenden Franklin mit einem Skalpell verletzt, nimmt das Unheil unaufhaltsam seinen Lauf. Hätten sie mal auf Pams Worte über die negative Kraft des Saturns gehört.
Hooper schafft es mit jeder neuen Szene im Film eine unangenehme Atmosphäre zu erzeugen. Der Halt an der Tankstelle, die kein Benzin mehr hat, wird dominiert von der Hitze, die den Asphalt zum flimmern bringt, und zeigt, unter welchen Voraussetzungen dieser schmal budgetierte Film entstanden ist. Es geht vorbei an ausgedörrten Feldern und heruntergewirtschafteten Viehbetrieben, bis sie endlich ihr Ziel, das vergammelte Haus der Großeltern, erreichen. Bis dahin haben übellaunige Menschen die Story im Griff, aber ab jetzt regiert der pure Terror, denn es gibt da noch ein weiteres Haus in der Trockenheit von Texas, was von einer kannibalistischen Familie bewohnt wird. Wenn der Koloss mit der Menschenhautmaske seinen Hammer erhebt, um ihn anschließend auf den Kopf von Kirk zu knallen, gibt es kein Zurück mehr. Gerade in Sachen Gewalt funktioniert THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE auf sehr effektive Art, denn in erster Linie wird sie nur angedeutet und erschafft so noch viel schlimmere Bilder im Kopf des Zuschauers zu erzeugen. Mit Blut geht Hooper sparsam um, doch auf brachiale Gewalt verzichtet er dennoch nicht. Statt der grafischen Gewalt legt er mehr Wert auf die Ausstattung seiner Schauplätze. Die morbide, aus Knochen bestehende Inneneinrichtungen im Hause der Sawyers gehört bis heute zu den beeindruckendsten Sets im Horrorkino. Möbel aus Tier- und Menschenknochen, eine mit Gesichtshaut bespannte Lampe und undefinierbare Relikte des Wahnsinns bestimmen das Bild. Die Kühltruhe, das Zerlegen menschlicher Körper und die Grillwürstchen, die in einer anderen Tankstelle vor sich hin brutzeln, verraten auch den Speiseplan der Familie Sawyer, den das Ganze allerdings auch nicht mehr schlimmer macht. Franklins Ermordung im Rollstuhl, Sally (Marilyn Burns), die durch das Geäst gejagt wird und anschließend die übelsten Tischmanieren der Welt beigebracht bekommt und der im Sonnenlicht tanzende Leatherface sind Momente, die man nicht mehr vergisst, es sei denn, man kann dem Film so gar nichts abgewinnen. Auch auf der Soundebene wird hier Schauderhaftes geliefert. Die experimentelle Soundkulisse wurde von Hooper und Wayne Bell geschaffen. Ein Instrumental-Score im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, dafür sonderbare Geräusche, die mit unterschiedlichen Gegenständen erzeugt wurden. Im Hintergrund hört man immer wieder unterschiedliche Nachrichten im Radio, die eine weitere unangenehme Ebene eröffnen.
THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE tut nicht nur seinen Figuren, sondern auch dem Zuschauer weh, und das die gesamte Laufzeit über. Mir fallen nicht allzu viele Horrorfilme ein, die mit einer derartigen Kraft voranschreiten. Hooper, Henkel und das gesamte Team vor und hinter der Kamera haben einen Film für die Ewigkeit geschaffen, der zurecht von ganz vielen Menschen hoch geschätzt wird. Man muss den Film nicht lieben, aber seinen großen Einfluss kann man ihm nicht absprechen.
(Bjoern Candidus)
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