DER NACHTPORTIER
(IL PORTIERE DI NOTTE, Italien, 1974, Regie: Liliana Cavani)
Wien, 1957. Der Nachtportier Max Aldorfer staunt nicht schlecht, als plötzlich Lucia Atherton vor ihm an der Rezeption steht. Vor zwölf Jahren, als er noch als Aufseher in einem KZ beschäftigt war, führte er eine sadomasochistische Beziehung zu der inhaftierten Jüdin. Beide lassen sie sich nicht anmerken, dass sie sich kennen, und doch ist beiden klar, wen sie vor sich haben. Während Lucia mit ihrem Ehemann das Hotelzimmer beziehen, keimt in Max die Liebe wieder auf. Doch ihr Wissen über Max Vergangenheit als Nazi wird für ihn zur Gefahr, denn seine Nazi-Kameraden dulden keine Zeugen, die sie hinter Gitter bringen könnten.
Die italienische Regisseurin Liliana Cavani stößt einen mit DER NACHTPORTIER in ein tiefschwarzes, packendes Drama, was einem kaum Luft zum atmen lässt. Braun-, Grau- und Grüntöne bestimmen die depressiv stimmenden Bilder, die fast horrorfilmartig werden, wenn sich die beiden Protagonisten an ihre Vergangenheit im KZ erinnern. Das leichenhafte Make-up und die morbide Atmosohäre dieser Rückblick-Szenen sind beindruckend abstoßend. Ohne auf große Nacktheit oder explizite Sex-Szenen zu setzten, bekommt man ein paar Einblicke in die sadomasochrstische Verbindung zwischen dem Wärter Max und der gefangenen Lucia, was im Rahmen eines Konzentrationslagers einen ganz besonders üblen Beigeschmack hat. Aber im Gegensatz zu Bruno Mattei und seinen Epigonen, die auf der Naziploitation-Welle schwammen, für die DER NACHTPORTIER mit verantwortlich war, verweigert sich Cavani den Versuchen, das Publikum auf plumpe Art zu schockieren. Alles ist hier schon schockierend genug, denn die Nazis haben schließlich überlebt und Stellen weiterhin eine Gefahr für ihre Opfer dar. Max, der ganz hervorragend von Dirk Bogarde gespielt wird, steht zwischen den Stühlen. Seinen Kameraden hat er Vaterlandstreue geschworen und sollte alles dransetzen, um Lucia aus dem Weg zu räumen, damit sie sie nicht verraten kann. Auf der anderen Seite liebt er Lucia, die ihn mit ihrem Wissen über ihn erpressen kann. Eine packende Zwickmühle, die zu einem bedrückenden und dichten Belagerungs-Szenario führt, was das Punktekonto von Max zumindest etwas auffüllt. Lucia wird von Charlotte Rampling dargestellt, die einen schon allein mit ihrem traurigen und verbitterten Gesichtsausdruck runterziehen kann. Eine wunderbare Wahl, die Rampling in Hollywood, trotz oder wegen des Skandals, den DER NACHTPORTIER auslöste, zu einer begehrten Dame machte. Das Spiel der Beiden ist sehr knisternd. Er schlägt sie, sie umarmen sich. Mal wirken sie hoffnungslos, mal keimt etwas in ihnen auf, doch man hat mehr das Gefühl, zwei Tote erinnern sich an ihre Vergangenheit in der Hölle. Ganz wunderbar wurden auch die anderen Nazis besetzt, die vor allem von Klaus angeführt werden, den Philippe Leroy mit Monokel eindringlich verkörpert.
Trotz, dass auf inhaltlicher Ebene gar nicht so viel passiert, ist DER NACHTPORTIER ein reicher Film. Provokante Themen hat das Kino jener Tage genug geliefert, aber nicht alle Filme, die brisante Themen aufgreifen, sehen so gut aus wie dieser hier. Neben der sehr bedrückende Farbgestaltung ist es vor allem auch die Fotografie von Alfio Contini, der hier alles in Einklang bringt und manchmal geradezu albtraumhafte Bilder liefert. Alles wird perfekt eingefangen. Es ist gleich, wie man zu dem Inhalt steht, der bei einer Spielzeit von knapp zwei Stunden sicherlich noch etwas hätte vertieft werden können, aber visuell und darstellerisch ist Cavanis Inszenierung auf einem ganz hohen Niveau.
(Bjoern Candidus)
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