QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ
(NON SI SEVIZIA UN PAPERINO, Italien, 1972, Regie: Lucio Fulci)
In einem kleinen Bergdorf in Süditalien kommt es zu einer Reihe von Morden an kleinen Jungen. Die Polizei hat einen ersten Verdächtigen, doch als es zu einem weiteren Mord kommt, wird dieser freigelassen. Nicht nur die Polizei hat Interesse, den Fall zu lösen, sondern auch der Reporter Andrea Martelli, der ein Auge auf die reiche Patrizia geworfen hat, die ebenfalls große Anziehungskraft auf die Knaben im Dorf hat.
Mit QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ hat Lucio Fulci vielleicht seinen ausgewogensten Film geschaffen, der alle Zutaten bündelt, die sein Werk so kraftvoll machen. Sein negatives Weltbild zeigt sich in der Engstirnigkeit, in den Vorurteilen durch religiöse Verblendung und im sadistischen bis mörderischen Verhalten vom Aberglauben fehlgeleiteter Menschen, die glauben, sie könnten den Schrecken mit Eisenketten herausprügeln. Fulci liefert hier bereits eine Vorschau auf seine späteren Gewaltexzesse, nur auf realistischere Art und Weise. Seine tiefe Ablehnung gegen die Katholische Kirche dürfte auch ein Grund für seine sexuellen Provokationen sein, die er hier spielen lässt. Da fällt besonders die Szene ins Auge, in der sich Barbara Bouchet als Patrizia nackt vor einem Jungen rekelt, die Fulci in der Tat Probleme einbrachte. Überall scheint ein leichter Hauch der Pädophilie zu liegen, was man besonders im Umgang zwischen Don Alberto Avallone und seinen Knaben spüren kann. An dieser Stelle seien ausdrücklich die sehr gut gewählten Kinderdarsteller erwähnt, die ein authentisches Bild einer Kindheit jener Tage zeichnen. Irgendwie lustig, wenn sich einer der minderjährigen Jungen völlig selbstverständlich eine Zigarette anzündet und dann Fußball spielt.
Neben der mit unglaublichem Liebreiz beschlagenen Barbara Bouchet als Patrizia, darf die immer kraftvolle Florinda Bolkan die (Möchtegern-) Hexe Maciara spielen, die, während man sie parallel im Soundtrack singen hört, zu Brei geschlagen wird. Der Stellvertreter Gottes auf Erden, Don Alberto Avallone, wird passend vom aalglatten Marc Porel verkörpert, während der einzigartige Tomás Milián den Reporter Andrea Martelli mimt.
Aber man wird hier nicht nur durch die hervorragenden Darsteller und ihr Spiel untereinander verwöhnt, sondern auch durch die phantastische Fotografie von Sergio D’Offizi. Das Erste, was man während der Credits sieht, ist die wunderschöne, sonnendurchflutete Landschaft Süditaliens, die D’Offizi in Totalen einfängt, die die Abgeschiedenheit des Schauplatzes unverkennbar klarmachen. Immer wieder liefert D’Offizi Impressionen von Hügeln und Felsmassiven, saftigen Wäldern und einer imposanten Autobahnbrücke, die sich durch die Natur schlängelt. Ganz zauberhaft ist auch die Einrichtung der Designer-Wohnung von Patrizia, die über alles hinwegblicken kann. Gut für sie, denn die Leute aus dem Dorf hassen die reiche Dame von Welt, die gerne Marihuana raucht. Düster und mysteriös wird es hingegen in den Voodoo-Ritual-Szenen, wenn Maciara Nadeln in kleine Wachspüppchen steckt.
Jedes Bild in QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ scheint perfekt, und die Lebendigkeit der Figuren ist außergewöhnlich für das Giallo-Kino. Fulci verzichtet auf viele giallotypische Motive, was der Inszenierung zugute kommt und frischen Wind ins Genre bläst. Trotz der Grausamkeit und der Kälte vieler Figuren, gelingt es Fulci auch eine bittersüße Melancholie aufzubauen, die vor allem durch Riz Ortolanis Score unterstützt wird. Ein Sommer des Schreckens in traumhaft schönen Bildern, Klängen und Tönen wurde hier geschaffen.
Mit QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ hat Fulci einen hoch qualitativen, glänzend besetzten und themenreichen Giallo gezaubert, bei dem die Tätersuche fast zur Nebensache wird, weil alles andere so spannend und mitreißend inszeniert wurde. Wie EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) und GEISTERSTADT DER ZOMBIES (1981) zwei außergewöhnliche Horrorfilme sind, so ist QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ ein außergewöhnlicher Giallo.
(Bjoern Candidus)
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