NEVRLAND
(Österreich, 2019, Regie: Gregor Schmidinger)
Der 17-jährige Jakob lebt mit seinem Vater und seinem altersschwachen Opa in einer Wiener Wohnung. Sein Abi hat er in der Tasche und um die Zeit bis zu seinem Kosmologie-Studium zu überbrücken, arbeitet er im Schlachthaus. Jakob fühlt sich zu Männern hingezogen und verbringt die Nächte in Gay-Chats. Dort lerne er eines Tages den Kunststudenten Kristjan kennen. Doch Jakob steckt voller Ängste, die immer mehr sein Leben bestimmen.
Ganze sieben Jahre benötigte Gregor Schmidinger, um sein Jugend-Psycho-Drama NEVRLAND auf die Beine zu stellen. Ein langjähriges Unterfangen, was in den USA, wo er studierte, mit dem Einreichen seines Drehbuchs begann und letztlich als österreichische Produktion auf die Beine gestellt wurde. Dabei ist wahrlich keine leichte Kost entstanden, die es dem Zuschauer nicht besonders leicht macht, Fuß zu fassen. Schmidinger sorgt dafür, dass man ähnlich vor den Kopf gestoßen wird, wie Jakob selbst.
Anfänglich glaubt man sich noch in einem Familiendrama zu befinden, in dem es zu der (im Kino) relativ seltenen Situation kommt, dass ein Vater und ein Opa gemeinsam mit einem Jungen in einer Wohnung leben. Jakob darf sich also nicht nur um seine berufliche Karriere kümmern, sondern auch noch um Opa, der immer mehr den Verstand verliert. Dass es dem Jungen immer schlechter geht, wird von seinem Vater erst wahrgenommen, als Jakob auf der Arbeit zusammenbricht. Von seinen homosexuellen Neigungen weiß Papa natürlich auch nichts. Diese lebt Jakob nachts im Internet aus, was ganz nett inszeniert wurde. Auf Cock Tube werden nach Zufallsprinzip Boys für Boys ausgewählt, die sich dann per Webcam sehen können. Vor pornographischem Material muss man hier keine Angst haben, dafür bekommt man ein paar ästhetische Körper zu sehen, aber auch ein paar richtige Horror-Szenen, die man erst mal gar nicht erwarten würde. In teils surrealen, experimentellen Bildern, getränkt in flackerndem Licht, wird Jakobs Psychose immer mehr zu einem Horrortrip, der im letzten Drittel komplett ausufert und auch für den Zuschauer anstrengend werden kann. Epileptiker sollten Abstand nehmen, wie es auch zu Beginn eine Texttafel empfiehlt. Die Videoclip-Ästhetik ist wirklich nicht neu, wurden aber dennoch ordentlich von Jo Molitoris fotografiert.
Lobenswert ist auf jeden Fall Simon Frühwirths Darstellung als Jakob. Der Jungdarsteller, der hier in seiner ersten Rolle zu sehen ist, ist stets präsent und zeigt, was er kann, auch wenn sich sein depressiver Gesichtsausdruck nicht einmal zu verändern scheint. Paul Forman bleibt als Kristjan hingegen sehr ausdruckslos.
NEVRLAND ist ein durchaus ansprechend inszeniertes Drama, was allerdings ein bisschen zu effekthascherisch ist, statt mehr zu erzählen und tiefer in den Kern der Seele vorzudringen.
(Bjoern Candidus)
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