DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN
(LA NOTTE CHE EVELYN USCI DALLA TOMBA, Italien, 1971, Regie: Emilio Miraglia)
Nach dem Tod seiner Frau Evelyn wird Lord Alan Cunningham von Depressionen und Wahnzuständen geplagt. Um seinen Verlust zu verschmerzen versucht er sich mit neuen Frauen zu vergnügen, und sein Psychiater rät ihm sogar, es mit einer neuen Ehe zu versuchen. Es dauert nicht lange, bis er auf Gladys stößt, die er wenig später zur Frau nimmt. Doch dann glaubt er, seine verstorbene Frau Evelyn gesehen zu haben, und der Schrecken nimmt seinen Lauf.
Wer auf Gialli mit Gothic-Horror-Setting steht, kommt um DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN nicht herum. Emilio Miraglia startet seinen Film direkt mit dem Hauptdarsteller Anthony Steffen, der als Witwer Lord Alan Cunningham aus einer Nervenheilanstalt ausbrechen will, was ihm allerdings nicht gelingt. Wo die Szene zeitlich angesiedelt ist, bleibt erst mal offen, denn im Anschluss geht es direkt weiter mit Lord Alan Cunningham, der mit einer reizenden Dame (Erika Blanc) zu seinem Anwesen fährt. Das Schloss, samt Folterkeller und einem weitläufigen, halb verwilderten Park sorgt direkt für eine wohlige Gruselatmosphäre, die sich im weiteren Verlauf des Films noch verdichten wird. Bevor hier überhaupt mal Blut fließt, bekommt man es mit ein paar Sex-Szenen zu tun, in denen Lord Cunningham seine sadistische Ader zum Vorschein bringt, die aber prompt von seiner manischen Laune gestört wird. Steffen zeigt deutlich, dass er nicht nur in Italowestern bestens aufgehoben ist. Er spielt Lord Cunningham, dessen Psyche durch den Tod seiner Ehefrau schwer gelitten hat, ganz wunderbar. Überhaupt kann sich die Besetzung sehen lassen. Neben Steffen sind auch Erika Blanc, Marina Malfatti, Paola Natale, Giacomo Rossi Stuart und Umberto Raho am Start, womit der Italo-Freund natürlich großzügig belohnt wird.
Auch wenn DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN etwas verwirrend daherkommt und die Geschichte manchmal auf der Stelle tritt, schmückt sich die Inszenierung mit schönen Farben und liefert ein Setting, was an die Filme von Mario Bava erinnert. Regen, Gewitter und besonders der verwunschene Schlosspark baut eine packende Atmosphäre auf, in das das versteinerte Gesicht von Anthony Steffen perfekt herein passt.
Im letzten Drittel, wenn die Rätsel langsam gelüftet werden, wird die Horrorschraube noch mal deutlich angezogen, bis es dann zu einer überraschenden Wendung kommt, die das Geschehen zu einem anderen Ort führt, wo es zu einem echten Giallo-Finale kommt.
DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN ist ein visuell zauberhafter Giallo mit vielen kleinen Schauwerten, der mit einem feinen Score von Bruno Nicolai abgerundet wird. Kleinere Längen seien Miraglia verziehen.
(Bjoern Candidus)
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