LEMORA
(LEMORA: A CHILD‘S TALE OF SUPERNATURAL, USA, 1973, Regie: Richard Blackburn)
Lila Lee, ein Mädchen auf dem Weg zum Erwachsensein, wird von ihrem schwerkranken Vater, der einst ihre Mutter tötete, gebeten, ihn zu besuchen, um sich mit ihr zu versöhnen. Lila Lee verlässt ihr religiöses Umfeld und begibt sich auf eine finstere Reise direkt in die Arme von Lemora, einer sinistren Vampirin.
Richard Blackburn, der als Regisseur leider nur diesen einen Langfilm gedreht hat, hat hier ein wunderschönes, themenreiches Horror-Märchen gezaubert. Schaut man sich das Produktionsland und das Herstellungsjahr an, darf man sich schon wundern, denn das US-Horror-Kino sah damals in der Regel eher anders aus und war fokussiert auf den urbanen Schrecken. Der Gothic-Horror-Anstrich, der einen hier erwartet, weckt mehr Erinnerungen an das europäische Kino jener Tage. Hier ist man in der Nähe eines Mario Bavas oder Jean Rollin oder bei den Hammer-Studios und dem tschechischen Märchenkino. Eine der Inspirationsquellen ist aber tatsächlich eine US-Produktion, die 1970 den osteuropäischen Vampir Graf Yorga in amerikanische Gefilde brachte. Bob Kelljan hat mit COUNT YORGA, VAMPIRE eine ganz gute Brücke von den klassischen Gothic-Vampir-Horror-Pfaden in die Neuzeit geschlagen, noch bevor Stephen King es mit seinem Roman SALEM‘S LOT (1975) getan hat. Zeitlich ist die Story in LEMORA aber in den Zeiten der Prohibition (also zwischen 1920 – 1933) angesiedelt, was allerdings nur am Rande eine Rolle spielt. Vielmehr bewegt man sich in einer finsteren Alptraumwelt, die von zweierlei Vampiren beherbergt wird. Es gibt schöne Vampire, wie Lemora, aber auch zombieartige Vampire, die sich überfallartig auf ihre Opfer stürzen. Beiden Arten hat man ein gelungenes Make-up verpasst. Zudem gibt es ein paare blutige Momente, die manchmal recht ruppig sind, wie die Erschießung der Mutter und ihrem Liebhaber durch Lilas Vater. Über allem liegt der morbide Charme des Todes, der abstoßend und anziehend zugleich ist.
LEMORA ist schön fotografiert und sieht zu jeder Zeit anständig aus. Hinter der Kamera stand Robert Caramico, der eine durchaus interessante Filmografie als Kameramann aufzuweisen hat. Wie wunderbar er Atmosphäre einfangen kann, hat er 1976 bei Hoopers EATEN ALIVE erneut unter Beweis gestellt. Okay, aber manchmal auch etwas eintönig ist der Score von Dan Neufeld.
Wie Regisseur Richard Blackburn unbekannt war und geblieben ist, waren und sind es auch die Darsteller. Die gespenstische Lemora wird von Lesley Taplin dargestellt, die junge Lila Lee von Cheryl Smith. Beide passen sehr gut in die düstere Welt, in die Lemora Lila wie eine Spinne hineinzieht.
Auch wenn LEMORA auf visueller Ebene Zucker ist und sämtliche Horror-Ansprüche abdeckt, ist Blackburns Inszenierung manchmal etwas sprunghaft, leider zulasten der Story. Nach der Premiere des Films im Jahre 1973 wurde der Film vom Studio um 40 Minuten gekürzt, die möglicherweise mehr Licht ins Dunkel gebracht hätten. Aber vielleicht ist es auch gut so wie es ist, denn LEMORA serviert zumindest ein Ende zum nachdenken.
LEMORA ist eine düstere, morbide Reise mit mysteriösen Figuren und märchenhaften Bildern, in denen ganz viel Liebe fürs Genre steckt. Blackburn hat ein faszinierendes Konstrukt aus Vampirfilm und Coming-of-Age-Drama geschaffen, was leider völlig unter dem Radar flattert.
(Bjoern Candidus)
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