EIN TOTER HING AM GLOCKENSEIL
(LA CRIPTA E L‘INCUBO, Italien, Spanien, 1964, Regie: Camillo Mastrocinque)
Laura Karnstein wird von schrecklichen Visionen und Alpträumen gequält, die mit der finsteren Vergangenheit der Familie Karnstein in Verbindung stehen. Einst wurde Shena Karnstein der Hexerei bezichtig. Bevor man sie hinrichtete, schwor sie Rache an ihren Nachkommen zu nehmen. Lauras Vater, Graf Ludwig von Karstein, will herausfinden, ob das Bildnis von Shena dem seiner Tochter entspricht und beauftragt einen Experten, der die Gemäldesammlung des Schlosses durchsuchen soll. Aber auch Rowena, die Beschließerin des Schlosses, glaubt, dass hinter Lauras Alpträumen mehr steckt. Als Lauras Cousine Tilda getötet wird, verdichtet sich ein grausamer Verdacht.
Wie Roger Vadim vier Jahre zuvor mit UND VOR LUST ZU STERBEN, greift auch Camillo Mastrocinque auf Sheridan Le Fanus Erzählung „Carmilla“ (1872) zurück. Statt wie Vadim in einen Rausch aus Farben zu geraten, hält sich Mastrocinque an die Schwarzweiß-Ästhetik und schließt mit EIN TOTER HING AM GLOCKENSEIL an das italienische Gothic-Horrorkino von Bava, Freda und Marghariti an. Besonders Mario Bavas Horrorklassiker DIE STUNDE, WENN DRACULA ERWACHT (1960) ist deutlich zu erkennen. Die Vorgeschichte um Shena Karnstein erinnert mehr an Barbara Steeles Rolle der Hexe Asa. Mit dieser Vorgeschichte weicht Mastrocinque deutlich von der Vorlage ab. Das ganze Vampir-Thema liegt hier ziemlich brach. Es gibt zwar eine Bisswunde zu sehen, aber das Thema des Vampirismus wird im Grunde übergangen und stattdessen mit okkulten Symbolen und Ritualen versehen. Das ist etwas schade, denn an anderen Stellen ist die Vorlage wieder deutlich zu erkennen.
Nichtsdestotrotz ist EIN TOTER HING AM GLOCKENSEIL ein durchaus gelungener Gothic-Horrorfilm, der schön fotografiert wurde und eine permanent unheimliche Atmosphäre mitbringt. Der Wind heult ums Gemäuer, die Glocke schlägt, Gewitter ziehen auf und unterstreichen das Unheil, was sich hinter den Mauern von Schloss Karnstein abspielt. Abgerundet wird das Schauerstück mit einem sehr gelungen Score von Carlo Savina.
Sehr überzeugend sind auch die zahlreichen Darsteller. Zu Christopher Lee muss nichts gesagt werden; der Mann ist immer eine Erscheinung von höchster Klasse. Hier ist er als Graf Ludwig Karnstein zu sehen. Die von Einsamkeit und Alpträumen geplagte Laura wird von Adriana Ambesi verkörpert, die ihre Rolle wunderbar spielt, was auch für Lauras Freundin Ljuba gilt, die von Ursula Davis verkörpert wird. Die vielen anderen Figuren, die hier auftauchen, sorgen aber auch für viele Dialoge, die die Inszenierung unnötig in die Länge ziehen und manchmal auch Verwirrung stiften. Auch wenn die Horrorfilm-Atmosphäre kontinuierlich aufrecht erhalten wird, gibt es kaum Schockmomente, die den Film aus seinem gleichbleibenden Tempo herausholen.
EIN TOTER HING AM GLOCKENSEIL ist ein interessanter Beitrag unter den „Carmilla“-Verfilmungen, der zwar ein paar Schwächen hat, aber insgesamt für gruselige Unterhaltung sorgt.
(Bjoern Candidus)
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