MALPERTUIS
(MALPERTUIS: HISTORIE D’UNE MAISON MAUDITE, Belgien, Deutschland, Frankreich, 1972, Regie: Harry Kümel)
Der junge Matrose Jan geht in einem kleinen Fischerdorf, in dem er aufgewachsen ist, von Bord eines Schiffes. Als er in einer Hafenkneipe in eine Schlägerei gerät, bekommt er einen Schlag vor den Kopf, der ihn ohnmächtig macht. Als er wieder erwacht, befindet er sich auf Malpertuis, dem Haus seines Onkels Cassavius. Da der im Sterben liegt, trommelt er seine Sippschaft zusammen, die ihr Erbe antreten sollen. Allesamt verpflichten sie sich, gemeinsam auf Malpertuis wohnen zu müssen und Cassavius Geschäft weiterzuführen, damit sie ihre monatliche Auszahlung erhalten. Wer Malpertuis verlässt, wird enterbt. Doch Malpertuis birgt viele Geheimnisse, und es heißt, Cassavius stand mit dem Teufel im Bunde. Jan betritt die düstere Welt von Malpertuis und seiner Sippschaft, die für ihn immer mehr zu einer Gefahr wird.
Schaffen Götter Menschen oder Menschen Götter?
Ein Jahr nachdem Harry Kümel seinen wunderschönen Vampirfilm BLUT AN DEN LIPPEN (1971) auf die Welt brachte, folgte schon sein zweites Baby: MALPERTUIS. Kümel hat hier Jean Rays phantastischen Roman „Malpertuis“ (1943) adaptiert, und wenn man den Roman kennt, kann man sich gut vorstellen, dass dies kein leichtes Unterfangen gewesen sein konnte. Für Kümel war es wohl unausweichlich, gewisse Änderungen vorzunehmen, wie z.B. den Aufbau des Romans. Ein Dieb berichtet dort anhand zusammengestellter Dokumente unterschiedlicher Personen über die Geschehnisse rundum Malpertuis. Die Verfilmung streicht den Dieb und folgt einem chronologischen Ablauf. Auch auf die Darstellungen von monströsen Figuren und ihren dämonischen Verwandlungen wurde meist verzichtet, zudem wurden kleinere und größere Handlungelemente gestrichen oder abgeändert. All das macht aber rein gar nichts, das Gegenteil ist sogar der Fall, denn Kümel bringt einem den Roman noch mal näher, nur aus einer anderen Perspektive. Dem Kern-Thema bleibt er ohne Frage treu.
Wer BLUT AN DEN LIPPEN kennt, weiß, dass Kümel die Verwendung von Farben und Licht ganz hervorragend versteht. MALPERTUIS setzt die Schönheit seines Vorgängers nicht nur fort, er überbietet sie geradezu, da er hier viel mehr Spielraum zur Verfügung hat. Der Film startet in einem kleinen, nicht benannten Fischerdorf, in dem Jan von Bord eines Schiffes geht. Gedreht wurde in den belgischen Städten Gent und Burges. Die alten Häuser und der Hafen erwecken direkt ein atmosphärisches Bild, und wenn es in die menschenleeren Pflastersteingassen geht, durch die der Wind heult, bahnt sich das Unheil förmlich an.
Ein geschickter Schachzug ist auch, dass man das Haus Malpertuis nie von außen zu sehen bekommt, lediglich das angeschlossene Farbengeschäft dient als Zugang. Dafür bekommt man das Innere umso deutlicher zu sehen. Freunde von Mario Bavas Gothic-Horrorfilmen und Argentos SUSPIRIA (1977) / INFERNO (1980) werden hier große Augen machen, das sei versprochen. Wenn es nicht in düstere und modrige Abschnitte des Hauses geht, tun sich faszinierende Räume auf, in denen Kümel mit Farben und Licht spielt. Jedes Bild in MALPERTUIS ist wie ein Gemälde, mal wunderschön, mal grausam verzerrt. Überall stehen zahlreiche Relikte, und besonders auffällig sind die Kostüme der Darsteller.
Wie ein Engel kommt Mathieu Carrière als Jan daher, der Malpertuis, das Haus seiner Kindheit, aufsucht und nach dem Tod seines Onkels Cassavius samt seiner sonderbaren Sippschaft daran gebunden wird. Carrière ist passend besetzt und steht im Kontrast zu den vielen alten Herren, die Malpertuis beseelen. Orson Wells zeigt als mysteriöser Cassavius erneut sein Können, allerdings nur sehr kurz. Des Weiteren finden sich hier Susan Hampshire, Michel Bouquet, Walter Rilla und viele andere zusammen, die allesamt ein wunderbares Schauspiel abgeben und den Figuren des Romans passende Gesichter verleihen, manche auf geradezu ekelhafte Art, wie z.B. Charles Janssens als Philarette.
Trotz einer gewissen Klarheit über die Dinge, die hinter den Mauern von Malpertuis vorgehen, lässt Kümel genug Fragen, um Raum für Interpretationen zu schaffen, und beim erstmaligen sehen wird sich einem MALPERTUIS vermutlich ohnehin nicht ganz erschließen. Gerade aus seinen Mysterien, seinen angeschnittenen Themen und Andeutungen zieht die Geschichte ihre Kraft. Wie in einem Labyrinth irrt Jan durch Malpertuis und dringt immer tiefer ein in die unheimlichen Familiengeheimnisse, begleitet von einem passenden Score von Georges Delerue, der nie aufdringlich wirkt.
MALPERTUIS ist ein surrealer, unheimlicher Trip, der neben seinen wunderschönen, eleganten Bildern auch eine faszinierende Geschichte zu erzählen hat, die mich 125 Minuten fest in ihren Bann gezogen hat.
(Bjoern Candidus)
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