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The Margin, 1976 – ★★★★★

Verfasst von

marco-fritz

in

Rezensionen

EMANUELA ’77
(LA MARGE, Frankreich, 1977, Regie: Walerian Borowczyk)

Sigismond lebt mit seiner Frau Sergine, seinem Sohn und einem Hund auf dem Land in Frankreich. Er wird geschäftlich nach Paris geschickt und muss seine Familie das erste Mal länger alleine lassen. In Paris angekommen, dauert es allerdings nicht lange, bis sich die Prostituierte Diana (Emanuela in der dt. Synchronisation) an ihn heranmacht.

Oft bedarf es nur wenige Worte, manchmal sogar gar keine, um Großes zu vermitteln. EMANUELA ’77 ist einer dieser Filme, die fast wortlos daherkommen, einen packen und in mit ihrem Schweigen doch so viel erzählen. Es finden sich zwar durchaus Dialoge, aber die sind sehr spärlich gesät. Dem deutschen Verleih wurde allerdings zu viel geschwiegen, und so wagte man es, Sylvia Kristel und Joe Dallesandro während ihrer sexuellen Aktionen mit inneren Monologen auszustatten, die einem Auskunft über das Gefühlsleben der jeweiligen Personen geben. Im Originalton wird in diesen Szenen geschwiegen, dafür ergänzen die Songs, die im Film auftauchen das Gefühlsleben, und besonders „I‘m not in love“ von 10cc wird hier wundervoll eingesetzt. Auch Pink Floyd darf ran und begleitet eine prickelnde Szene mit „Shine on You Crazy Diamond“. Ganz groß. Der Soundtrack ist ein cleverer Schachzug, ein emotionaler Schachzug. Durch die hervorragende Fotografie von Bernard Daillencourt (UNMORALISCHE GESCHICHTEN, 1973), dem Schnitt und dem gesamten Arrangement der Impressionen gewinnt der Film zudem eine sehr modernen Musikvideo-Ästhetik. Das Eine unterstützt das Andere.
Selbst eine Fahrt mit dem Aufzug wird zu einem visuellen Highlight, ebenso ein Strip mit Projektionen auf der Haut einer Dame ist Balsam für die Augen. Gerade in solchen Momenten musste ich an Dario Argento und Mario Bava denken, aber auch Jess Franco drängte sich mir auf. Aber man ist eben im Kino von Walerian Borowczyk, und das steht für sich alleine. Der Mann versteht es, mit den Emotionen des Zuschauers zu jonglieren. EMANUELA ’77 startet auf dem französischen Land. Es regnet, der Wind heult, ein Gefühl der Bedrückung setzt ein und wird direkt zerrissen von der Liebe zwischen Sergine und Sigismond, die liebend durch die Büsche huschen, um schließlich im Bett zu landen, wo Sigismond ein großes Versprechen gibt, was er wenig später bricht. Den Kontrast der zwei Welten hat Borowczyk wie mit einem Hammer spürbar gemacht. Hier steht das Leben auf dem Land in einer wunderschönen Natur und einem scheinbar perfekten Familienleben in einem weitläufigen Haus, inklusive Hauswirtschaftsdame, gegen den düsteren, dreckigen und verdorbenen Anstrich, den man von Paris serviert bekommt. Ein Ort der Laster und Lüste, und ein gefährlicher Ort für Ehemänner, die ihren Ehefrauen ewige Treue geschworen haben. Statt über Wiesen mit seiner liebsten Sergine zu laufen, schlendert Sigismond nun durch den Rotlichtbezirk von Paris, wo die hinreißende Diana zu finden ist, wie ihm sein Chef per Brief geflüstert hat. Es dauert nicht lange, bis er ihr über den Weg läuft, und dann beginnt das Drama. Und mit der sehr schönen Sylvia Kristel (EMMANUELLE, 1974) hat Borowczyk absolut ins Schwarze getroffen. Von ihr geht eine magische Anziehungskraft aus, die in jeder Szene spürbar ist. Neben ihrem wirklich schönen Gesicht und ihrem grazilen Körper, ist auch ihr Schambereich nicht nur einmal im Zentrum des Bildes. Aber man braucht natürlich auch das passende Häschen, und mit Joe Dallesandro (FLESH, 1968) hat man ein überaus schönes an Land gezogen. Er war nie ein Mann, großer Worte, und von großem schauspielerischem Talent ist sicherlich auch nicht die Rede, aber er ist ein Mann mit Ausstrahlung. Sein Charisma ist sein Talent. Doch hinter der charmanten Fassade von Sigismond steckt ein Mann, der die erstbeste Gelegenheit nutzt, das Versprechen gegenüber seiner Frau zu brechen und fremdzugehen. Viel Raum bleibt allerdings nicht, um sich über dieses schändliche Verhalten Gedanken zu machen, denn Borowczyk sorgt dafür, dass man sich hier mit vielen anderen Dingen beschäftigen kann. Immer wieder tauchen Figuren auf, die mit ihrem Verhalten für die Aufmerksamkeit des Zuschauers Sorgen, z.B. eine alte, bucklige Besitzerin eines Stundenhotels, die ihre voyeuristische Ader befriedigt, in dem sie durchs Schlüsselloch der jeweiligen Hotelzimmer blickt. Überhaupt wird hier viel beobachtet und durch Fensterscheiben in andere Räume geblickt. Zudem gibt es auch ein paar höchst aggressive Männer, neben vielen sexgeilen, die hier in den Clubs und Bars unterwegs sind. Aber egal, ob man Silvia Kristels Mumu oder Joe Dallesandros Penis sieht, die erotischen Szenen wirken nie billig, peinlich oder aufgesetzt.
Die natürliche Freizügigkeit, wird bereits in einer kurzen Szene am Anfang angedeutet, wenn sich die nackte Sergine ihrem Sohn zeigt. Trotz Liebe, Verliebtheit und erotischer Abenteuer, wird spätestens im letzten Drittel das Drama deutlich und hat mich kalt erwischt. Basieren tut das Ganze auf einer Novell von André Pieyre de Mandiargues, auf den Walerian Borowczyk nicht nur einmal zugegriffen hat.

EMANUELA ’77 ist ein hochpotentes Erotik-Drama von einem außergewöhnlichen Regisseur, was mich zu jeder Sekunde elektrisiert hat.

(Bjoern Candidus)

←Galaxina, 1980 – ★★½
The Last Dinosaur, 1977 – ★★½→

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