DOCTEUR JEKYLL ET LES FEMMES
(Deutschland, Frankreich, 1981, Regie: Walerian Borowczyk)
Im Hause Jekyll steht eine Verlobung an. Dr. Henry Jekyll möchte sich mit Fanny Osborne verloben. Ein Grund zum Feiern. Fanny reist mit ihrer Mutter an, gefolgt von einigen Gästen. Doch der Abend gerät außer Kontrolle, denn ein Fremder hat sich im Haus versteckt und es auf die Gäste abgesehen. Hat dieser Mann etwas mit Doktor Jekylls Transzendentalen-Experimenten zu tun?
Borowczyks Adaption von Robert Louis Stevensons Geschichte „Der merkwürdige Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist ein finsterer, stylischer Trip. Das obligatorische in Nebelschwaden gehüllte London weicht anfänglich einer finsteren Kulisse in kühlem Blaulicht, in der ein kleines Mädchen von einem Mann mit Hut und Stock verfolgt wird. Es ist Mr. Hyde, der das Mädchen packt und mit seinem Spazierstock erschlägt. Dann taucht man ab in das weitläufige Haus von Doktor Jekyll, was die Inszenierung nicht mehr verlassen wird. Dort hat man es vor allem mit bräunlichen und gelblichen Farbtönen zu tun, die eher dem viktorianischen London gleichen, wie man es in anderen Produktionen erleben darf. Der übliche Borowczyk-Irrsinn ist natürlich vorhanden, aber diesmal hält sich der bizarre Humor etwas zurück, den man z.B. in LA BÊTE erleben darf und weicht einigen ziemlich derben Szenen, in denen vor allem verletzte Genitalbereiche zu sehen sind. Auf Fummeln, blanke Brüste, einen erigierten Penis und Vergewaltigungen wird natürlich auch nicht verzichtet. Besonders die Szene, in der Patrick Magee als General mit ansehen muss, wie Mr. Hyde seine Tochter vergewaltigt, ist ein wirksamer Schlag. Von der analen Penetration eines Mannes, die scheinbar zum Tode führte, sieht man hingegen nur das Endergebnis. Borowczyk provoziert mal wieder und schafft es, mich erneut zum staunen zu bringen. Mit dem wunderbaren Udo Kier als Dr. Jekyll geht natürlich nichts schief. Ein paar Mal darf Udo aufdrehen, wobei man sagen muss, dass er sich dem Ensemble anpasst und sich nicht unnötig nach vorne spielt. Aber das hat er sowieso nicht nötig. Besagter Patrick Magee als General William Danvers Carew und Jess Franco-Liebling Howard Vernon als Dr. Lanyon sind ebenfalls an Bord. Die weibliche Front wird u.a. von Marina Pierro (LADY DRACULA, 1982) als Fenny Osborne und Agnès Daems als Charlotte Carew besetzt. Ziemlich unangenehm wird es mit Mr. Hyde, der von Gérard Zalcberg dargestellt wird. Zalcberg hat ein paar Jahre später Jess Francos FACELESS (1988) mit seinem unheimlichen Gesicht aufgewertet. Zusätzliches Make-up ist überhaupt nicht nötig gewesen, und es trägt zum verstörenden Effekt bei, wenn sich Kier einfach in einen anderen Mann verwandelt, wenn er aus seiner Badewanne steigt, in der Udo vorher noch eine Verwandlungsperformance abgegeben hat. Eingefangen wurden die Bilder von Noël Véry, der bereits Borowczyks UNMORALISCHE GESCHICHTEN (1973) fotografiert hat. Die düstere Atmosphäre wird durch den avantgardistischen Elektro-Score von Bernard Parmegiani hervorragend verdichtet und trägt zur Spannung bei. Gekrönt wird dieser Film von einem starken Ende.
DOCTEUR JEKYLL ET LES FEMMES ist eine äußerst garstige, packende Version des bekannten Stoffes, die durch Borowczyk ganz neue Impulse bekommt, und sie sei jedem ans Herz gelegt, der für filmische Grenzerweiterungen offen ist.
(Bjoern Candidus)
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