DOROTHEAS RACHE
(Deutschland, Frankreich, 1974, Regie: Peter Fleischmann)
Ein Mann und eine Frau sitzen am Frühstückstisch. Der Mann isst ein Ei, die Frau schmiert sich ein Brötchen. Es sind die Eltern von Dorothea, die nun die Treppe herunterkommt und das Esszimmer betritt. Ihr Nachthemd ist zerzaust und dreckig. In ihren Händen hält sie eine rotleuchtende, dampfende Kugel und behauptet, letzte Nacht hätte sie ein Außerirdischer besucht. Kurz darauf stellt sich Dorothea dem Zuschauer vor und man erfährt, dass sie mit ihren Freunden das „Lexikon der Liebe“ verfilmen möchte. Doch das reicht ihr nicht. Auf St. Pauli startet sie ihr eigenes Abenteuer zwischen Dominas, Prostituierten, Zuhältern und Freiern. Doch wird sie dort die Liebe finden?
DOROTHEAS RACHE ist ein perfektes Beispiel dafür, warum ich das Medium „Film“ so liebe. Die Möglichkeit, gefahrlos in die sonderbarsten, unmöglichsten Welten abzutauchen, ist mein liebster Zeitvertreib, und wenn ich, wie hier, staunend dasitze, war die Zeit gut investiert.
Peter Fleischmann (JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN, 1969) hat mit dieser deutsch-französischen Koproduktion einen nur schwer in Worte zu packenden Film gedreht, der sich der Norm entzieht, gar auf sie spuckt. Anti-Porno? Porno? Oder Kunst? – So steht es auf dem Cover. Letzteres würde ich allein schon vom Gefühl her unterschreiben. Fleischmann reagiert mit diesem Film auf den großen Erfolg der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe und ihrer Epigonen, doch Fleischmann wäre nicht Fleischmann, würde er einfach nur einen weiteren Sex-Report-Film drehen. Seine Idee war eine Art Sex-Report aus der Sicht einer 17-jährigen zu drehen, den Dorothea und ihre Freunde selbst produzieren, und so sieht die Inszenierung auch teilweise aus. Dass hier nicht alles sitzt, der Look ziemlich grob ist und die ganze Inszenierung wild gemixt wirkt, unterstützt den Eindruck, es mit einem dokumentarischen Experimentalfilms zu tun zu haben. Manche Darsteller wirken etwas hölzern, was im Rahmen von Dorotheas eigenem Film durchaus Sinn ergibt, außerdem greift Fleischmann auf echte Menschen aus St. Pauli zurück, wo der Film auch gedreht wurde. Und so stehen hier Anna Henkel, der späteren Ehefrau von Herbert Grönemeyer, die bereits 1998 mit nur 45 Jahren gestorben ist, echte Zuhälter, Prostituierte, Freier und Leute von der Straße gegenüber. Auf diese Art gewinnt der Film trotz seines Wahnsinns an Authentizität; manchmal stinkt er geradezu durchs Bild und serviert Momente, die man möglicherweise nicht so schnell vergisst. Besonders, wenn Dorothea Einblicke in einen S/M-Folterkeller bekommt, in dem Männer wie Hunde gehalten werden oder kopfüber von der Decke hängen, um bespuckt zu werden, bewegt man sich in Abgründe, denen man sonst nur selten bis gar nicht im deutschen Kino begegnen durfte, was bis heute so geblieben ist. Erstaunlich ist auch die Menge an erigierten Penissen, die es hier zu sehen gibt. Und wenn es nicht die Penisse von Dorotheas Freunden sind, gehören sie in der Regel zu ekelhaften Männern, die mit ihr gegen Geld Sex haben. Auch Jesus taucht kurz auf, und der rät Dorothea, mit Kindern und Narren zu schlafen, damit sie glücklich werden würde. Nachdem sie dann einem Exhibitionisten mit geistiger Behinderung auf dessen Flucht vor verbitterten Weibern vom Kietz Befriedigung verschafft, versucht sie einen kleinen Jungen zu verführen und stellt ihrem Vater eine heikle Frage. Auf die Eltern wird immer wieder ein Blick geworfen. Dorotheas Mutter betrügt ihren Vater mit zwei unterschiedlichen Männern, während ihr Vater eine Firma für Lachsäcke hat, und diese wird immer wieder, auch zu Folter meiner Ohren, in den Mittelpunkt gerückt. Hier musste ich dann an das Kino von Luis Buñuel denken. Manchmal kam mir allerdings auch Helge Schneider in den Sinn.
Fleischmann formte seine Story zusammen mit Jean-Claude Carrière zu einem Drehbuch. Die bizarren, sehr einfach gehaltenen pornografischen Zeichnungen von Carrière setzte Fleischmann sehr gut um. Sie ähneln Kunstinstallationen und zeigen auch die Nähe zu den Phantasiewelten eines Marquis de Sade und Roland Topor, der sich für das Filmplakat verantwortlich zeigte. Eine weitere Person, die einem bekannt sein dürfte, wenn man z.B. Polanskis Kino kennt, ist Philippe Sarde, der den Score komponiert hat, der aber durch die deutschen Lieder von u.a. Jürgen Markus, Julio Iglesias, Drafi Deutscher und Marianne Rosenberg etwas untergeht.
DOROTHEAS RACHE ist uferloses Kino. Minute für Minute schlägt einem Fleischmann Absurditäten und Abgründe um die Augen und ermöglicht Einblicke in das Nachtleben vom Kietz mit Stundenhotels, Sex-Theatern, Bars und Folterkellern. Aber er lässt auch Platz für gesellschaftliche Themen. Es waren Zeiten des Umbruchs, der sexuellen Befreiung. Die Alten gegen die Jungen, die Jungen gegen die Alten.
In Frankreich wurde DOROTHEAS RACHE zu einem groß Publikum-und Kritiker-Erfolg. Fernando Arrabal und Piere Paolo Pasolini waren begeistert. Arrabal nannte den Film einen Gipfel der „amour fou“. Schließlich stifteten Arrabal, Alejandro Jodorowsky und Roland Topor den Preis der renommierten Künstlervereinigung „Group Panic“, der nur selten verliehen wurde.
Absolut verdient.
(Bjoern Candidus)
Schreibe einen Kommentar