TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN (DEATH LINE, GB, 1972, Regie: Gary Sherman)
Im Londoner Underground verschwinden immer wieder Menschen. So auch an dem Abend, an dem ein junges Pärchen einen scheinbar bewußtlosen Mann am Bahnsteig vorfinden. Sie holen Hilfe, doch dann ist der Mann spurlos verschwunden. Als er vermisst bleibt, nimmt Inspector Calhoun die Sache in die Hand. Was er noch nicht ahnt: Unter dem Asphalt von Londons Straßen wohnt mindestens ein Kannibale.
Vor MAN-EATER (1980), vor CREEP (2004), vor Clive Barkers Kurzgeschichte und gleichnamiger Verfilmung MIDNIGHT MEAT TRAIN (2008) ging es in den TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN, dem Debütfilm von Gary Sherman, dem wir Filme wie TOT & BEGRABEN (1981), NACHTRATTEN (1982) oder POLTERGEIST 3 (1988) zu verdanken haben.
Erdige Farben bestimmen den düsteren und blutigen Abstieg, dem man hier beiwohnen darf. Der Film bewegt sich auf drei Handlungssträngen: der Krimi-Part, die Geschichte um das Liebespärchen und das Kannibalen-Drama. Der von nässender Beulenpest gezeichnete Kannibale bekommt viel Spielzeit eingeräumt, in der er portraitiert wird. Er lebt mit seiner schwangeren Frau in einem stillgelegten U-Bahnschacht. Da sie offensichtlich auch krank ist, ernährt er sie mit dem Blut der Opfer. Er schneidet ihnen die Hälse durch und lässt sie über ihren Mund ausbluten. Sherman ist großzügig, um das morbide Ambiente zu präsentieren. Zerfetzte Körper hängen an den Wänden oder liegen auf dem Boden herum und werden von Ratten angefressen. Insgesamt wird kräftig an der Gore-Schraube gedreht, was für 1972 teilweise beachtlich ist. Aber es gibt auch Auflockerung, die hier gar nicht fehl am Platz ist. Herrlich schrullig: Donald Pleasence als Inspector Calhoun. Der Humor ist durch ihn gesichert. Und als wäre Pleasence nicht schon Grund genug zum feiern, sagt auch Christopher Lee als Stratton-Villiers vom MI5 Hallo, allerdings nur ganz, ganz kurz.
TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN gehört für mich zu den stimmungsvollsten und garstigsten Beiträgen des britischen Horror-Kinos der 1970er-Jahre.
(Bjoern Candidus)
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