BLUTIGE SEIDE
(SEI DONNE PER L‘ASSASSINO, Italien, Frankreich, Deutschland, 1964, Regie: Mario Bava)
Inspektor Silvestri untersucht den Mord an dem Model Isabell. Eine erste Spur erhofft er sich in der Modelagentur von Gräfin Cristina Como und Max Morlacchi zu finden, leider vergeblich. Auch ihr Freund Franco scheint kein Motiv zu haben. Schließlich wird auch Nicole, ein weiteres Model, getötet, die vorher das Tagebuch von Isabell gefunden hat. Doch bevor Nicole damit zu Polizei gehen kann, entwendet ihr Peggy das Tagebuch und begibt sich damit in höchste Lebensgefahr.
Auch wenn Mario Bava bereits mit dem Schwarzweiß-Thriller LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963) den Grundstein für das Giallo-Kino legte, kann man BLUTIGE SEIDE als DEN Prototypen sehen.
Von der ersten Sekunde an etabliert Bava Bilder und Klänge, die man später immer wieder im Giallo finden wird. Ein hypnotischer Track von Carlo Rustichelli eröffnet die Titel-Sequenz, in der man in rotem Licht getränkt schöne Frauen und sinistre Herren zu sehen bekommt, die man im weiteren Verlauf des Films näher kennen lernen wird. Bereits in den ersten Minuten zieht einen Bava in eine düstere Welt, die stets begleitet wird von dem hervorragenden Score von Rustichelli. Vom schönen Schein der Modewelt, in dem BLUTIGE SEIDE spielt, sind nur die Frauen übrig, und die werden hier weniger. Die Männer, die allesamt unsympathisch und ausladend sind, stehen im starken Kontrast zu den vielen schönen Grazien, die hier aufmarschieren. Wer der Täter und sein Motiv ist, wird, wie üblich im Giallo, erst gegen Ende verraten. An Verdächtigen mangelt es jedenfalls nicht. Im Cast befinden sich u.a. Cameron Mitchell als Max Morlacchi, Eva Bartok als Gräfin Cristina Como, Thomas Reiner als Inspektor Silvestri und Luciano Pigozzi als Cesar Lasarre, der Modezeichner. Die Besetzung ist durchweg gelungen, und die Figuren passen sich hervorragend der mysteriösen Welt an, die Bava hier errichtet hat.
Nicht zu übersehen ist auch die Nähe zur deutschen Edgar Wallace-Reihe. Besonders der vermummte Killer mit seinem schwarzen Hut und passendem Trenchcoat, der hier durch die Nacht schleicht, ist bei Wallace nichts ungewöhnliches, wird aber im Giallo-Kino fast zu einem Markenzeichen. Auffällig sind hier auch die groben Gewaltdarstellungen, die später mit Argento, Martino, Fulci und Co im Giallo weiter ausgebaut wurden.
Ganz geschickt kombiniert Bava seine Ursprünge im Gothic-Horror mit einer modernen Art, Thriller zu erzählen und ihnen eine neue Form zu verpassen. So wie SUSPIRIA (1977) ein Horrorfilm mit Giallo-Elementen ist, ist BLUTIGE SEIDE (1977) ein Giallo mit Horrorfilm-Elementen, der bereits einen Ausblick auf das Slasher-Kino gibt.
Die Story an sich ist gar nicht das Aufregende und schon gar nicht neu. Es sind vor allem die Formen, Farben und Sets, die eine unglaublich dichte Atmosphäre erzeugen. Wenn die reich verzierte Villa mit ihrem geheimnisvollen Garten und dem Springbrunnen mit Skulpturen in der Nacht zu sehen ist und mit farbigem Licht nuanciert wird, ist das Mörder-Märchen perfekt.
Spannung in labyrinthartigen Räumen in phantastischen Farben, schöne Frauen, die getötet werden und ein Inspektor, der im Nebel voller Verdächtiger stochert, machen BLUTIGE SEIDE zu einem zauberhaften Giallo. Ein wunderschöner und einflussreicher Film.
(Bjoern Candidus)
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