Autor: marco-fritz

  • Count Dracula, 1970 – ★★★★½

    Count Dracula, 1970 – ★★★★½

    NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT
    (EL CONDE DRÁCULA, Deutschland, GB, Italien, Spanien, 1970, Regie: Jess Franco) 

    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Jess Franco, eine der werkgetreusten Adaptionen von „Dracula“ gezimmert hat? Mir scheint, die Wenigsten, wo der Mann doch zu Unrecht von vielen geächtet wird. Immerhin wird NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT dann doch gerne als gutes Beispiel erwähnt. Mir würden da noch andere einfallen, aber das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig sei zu erwähnen, dass es sich hier um eine Produktion von Harry Alan Towers handelt, für den Franco bereits Filme wie DER HEISSE TOD (1969) oder DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR (1970) drehte. 

    Wie bei Fishers DRACULA (1958) startet auch Franco mit Draculas Schloss, nur hier ist es ein echtes und keine Kulisse. Der unheilschwangere Score von Bruno Nicolai unterstreicht den Grusel, der hier bereits in ersten Minuten entfacht wird. Es folgt Jonathan Harkers Zugfahrt nach Bistritz, die abergläubischen Einheimischen (es wird sogar an die St. Georgsnacht gedacht), die Fahrt mit einer Kutsche zum Borgopass, der Umstieg in Draculas Kutsche und Wölfe, die die unheimliche St. Georgsnacht begleiten. Franco hat hier bereits mit wenigen Mitteln (Nebel) ein paar unheimliche Momente geschaffen. Was allerdings auch immer wieder auffällt, vor allem, bei den Außenaufnahmen von Architektur und Grünanlagen, dass man sich in südlicheren Gefilden Europas bewegt. Das meiste Material wurde in Spanien gedreht. Das macht überhaupt nichts und ist im Francoversum ohnehin nichts Ungewöhnliches. Dass man es hier neben Studioaufnahmen auch mit vielen echten Schauplätzen zu tun hat, macht die Inszenierung etwas greifbarer, realistischer, aber auch kälter als im direkten Vergleich zu Fishers Adaption, die wie ein Märchen-Horrorfilm aussieht. Hier ist ein Vergleich sogar angebracht, da Christopher Lee in beiden Filmen Dracula verkörpert. Während sich Lees Kälte und Reserviertheit kaum unterscheidet, sieht es mit seinem Äußeren ganz anders aus. Er hat weißgraue Haare (schwarz, wenn er sich verjüngt) und einen Schnurrbart. auf sein schwarz-rotes Cape verzichtet er. Das mag nach den zahlreichen Auftritten, die Lee als Dracula für die Hammer-Filme hatte, etwas sonderbar wirken, ist aber wesentlich näher an Stokers Vorlage dran. Auch der Dialog zwischen dem Grafen und Jonathan gestaltet sich weitaus intensiver, was vor allem daran liegt, dass hier fast eins zu eins aus dem Roman zitiert wird. Lee hat sich hier hervorragend eingebracht.

    Franco hat versucht, möglichst viel zu übertragen, ohne die Inszenierung träge erscheinen zu lassen. Er baut sogar die ihr Baby zurückfordernde Mutter vor Draculas Toren ein und denkt freilich auch an Draculas Bräute, die mit dem Baby abgespeist werden, da Harker schließlich dem Graf gehört. 

    Wie bei Fishers DRACULA gibt es auch bei NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT Ungereimtheiten beim Handlungsort, der sich durch die jeweiligen Sprachfassungen ergibt. In der deutschen Fassung ist von Transsilvanien und Ungarn, bzw. Budapest die Rede, wo Harker nach seinem Fall in den Fluss angespült wird. In ausländischen Fassungen führt der Weg nach London. In erster Linie hält man sich dann erst mal in der Klinik von Professor Van Helsing und Dr. Seward auf, die letztlich überall sein könnte. Dort lernt man dann auch Renfield kennen, der von Klaus Kinski dargestellt wird. Kinski geht dabei sehr geschickt vor, glaubt man doch, er würde gleich völlig ausrasten, weil man es erwartet. Aber nein, er spielt einen fast schweigenden Renfield, der mal eine Fliege isst und mal sein Essen an die Wand schmiert. Es folgen die bekannten Verläufe. Dracula krallt sich Lucy, Lucy stirbt, Lucy wird zum Vampir, lockt ein kleines Mädchen an, etc.

    Die Besetzung ist durch die Bank gelungen und liefert neben Christopher Lee und Klaus Kinski weitere gute Bekannte aus zahlreichen Jess Franco Filmen. Kalt und steif wie immer ist Herbert Lom, der als Van Helsing am Start ist. Etwas mehr Leben kommt mit Paul Muller als Dr. Seward. Die beiden Grazien, Lucy und Mina, werden von Soledad Miranda und Maria Rohm verkörpert, während der smarte Fred Williams Jonathan Harker verkörpert. Auf Arthur Holmwood (aka Lord Godalming) wurde hier verzichtet. Seine Figur fließt in Quincy Morris ein, der mit Jack Taylor besetzt wurde. 

    Auch Franco bedient sich Alternativen und lässt gewisse Dinge aus, vor allem ab der Hälfte, aber insgesamt ist der Aufbau sehr dicht am Roman. Da man sich die Hinfahrt mit der „Demeter“ gespart hat, gibt es im letzten Drittel den Moment in dem Dracula seine Flucht mit der „Czarina Catharina“ nach Varna antritt, bevor es dann zu einem abweichenden Ende vor seinem Schloss kommt. 

    NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT ist eine sehr akkurate Adaption. Franco gelingt es gleichermaßen, Form und Inhalt in Einklang zu bringen und serviert obendrauf eine gelungene Besetzung. 

    (Bjoern Candidus)

  • Hell High, 1987 – ★★★

    Hell High, 1987 – ★★★

    RAGING FURY
    (HELL HIGH, USA, 1987, Regie: Douglas Grossman)

    Dickens, ein Problemschüler zieht Jon-Jon, Smiler und Queenie in seinen Bann und stiftet sie zu Dummheiten an. Als es Dickens im Unterricht mal wieder zu weit treibt, bekommt er von seiner Lehrerin, Miss Brooke Storm, eine Backpfeife. Doch diese lässt Dickens nicht auf sich sitzen und plant sie mit seiner Halbstarkengang in ihrem Haus zu besuchen. Aber sie haben Miss Storm unterschätzt, die nämlich eine mörderische Vergangenheit hat und sich zur Wehr setzen kann. 

    Douglas Grossmans einzige Regiearbeit ist eine kleine Produktion, die das Home-Invasion- mit dem (fast Rape & )Revenge-Thema verknüpft. Doch verhält sich der Film etwas anders als viele seiner Kollegen. Die meisten Unruhestifter im Film bekommen nämlich schnell Zweifel bezüglich ihrer Taten. Denn was mit Soft-Terror beginnt, entwickelt sich zu einem unangenehmen Übergriff, der sich fast zu einer Vergewaltigung zuspitzt. Auch wenn der Gore-Freund nicht vergessen wurde und sich über ein paar blutige Einlagen freuen darf, ist man hier trotzdem nicht in Dimensionen eines LAST HOUSE ON THE LEFT (1972) oder I SPIT ON YOUR GRAVE (1978), die schon aufgrund ihrer Machart in eine ganz andere Kerbe schlagen. Hier bewegt man sich in der bunten Welt der Spät-80er-Produktionen, über die man in Videotheken stolpern konnte. Das Haus im Wald, ein paar Szenen in einem Moor und der gut hörbare Synth-Score von Chris Hyams-Hart und Rich Macar sorgen für eine halbwegs dichte und spannende Atmosphäre. Auch die Besetzung mit Maureen Mooney als Miss Brooke Storm, Christopher Stryker oder der bekanntere Christopher Cousins, ist soweit gelungen. 

    Hat man den grotesken Anfang mit der kleinen Brook im rosa Kleid überstanden, darf man sich bei RAGING FURY auf einen soliden Home-Invasion-Rache-Thriller freuen, der unter dem Strich nichts Neues bietet.

    (Bjoern Candidus)

  • Dracula, 1958 – ★★★★★

    Dracula, 1958 – ★★★★★

    DRACULA
    (DRACULA, GB, 1958, Regie: Terence Fisher) 

    Nachdem großen Erfolg, den die Hammer-Studios mit FRANKENSTEINS FLUCH (1957) hatten, sollte schnell eine weitere Horror-Ikone das Geld in die Kasse spülen. Und so beauftragte man erneut Terence Fisher, der sich diesmal um Dracula kümmern sollte. 

    Das Hauptproblem von DRACULA war, wie schon bei Brownings Adaption von 1931, das schmale Budget, was zur Verfügung stand. Das führte zu zahlreichen Veränderungen gegenüber Stokers Roman, und in diesem Punkt ist Fishers Adaption die, die vielleicht von allen am meisten abweicht. Die Handlung spielt nur in Transsilvanien und reduziert sich im Grunde auf nur zwei unterschiedliche Orte. Das hat die Schifffahrt gespart, die sich das Studio nicht leisten konnte. Figuren wie Renfield und Quincey Morris wurden entfernt, andere Figuren hingegen vertauscht. Jonathan Harker (John Van Eyssen) ist hier der Verlobte von Lucy (Carol Marsh), die wiederum die Schwester von Arthur Holmwood (Michael Gough) ist, der mit Mina (Melissa Stribling) verheiratet ist. An Dr. Seward (Charles Lloyd Pack) wurde gedacht, aber der bekommt aber nur wenig Spielraum. Draculas Bräute wurden auf eine Braut reduziert, ebenso fällt eine Verwandlung in eine Fledermaus oder in einen Wolf weg. Aber all die Abweichungen haben dennoch dazu geführt, dass Jimmy Sangster ein gelungenes Drehbuch geschrieben hat, was zu einer alternativen, aber sehr stimmigen Dracula-Adaption wurde. 

    Jonathan Harker, der sich als Bibliothekar bei Dracula vorstellt, ist hier eigentlich ein Vampirjäger, der gemeinsame Sachen mit Van Helsing macht. Und das führt mich endlich zu Peter Cushing, der als Vampirjäger eine ganz hervorragende Figur abgibt. Er bringt Schwung und Feuer in die Inszenierung und hat den besten Gegenspieler, den man sich für Cushing wünschen kann: Christopher Lee. Auch wenn Lee hier, im Gegensatz zu seiner Darstellung als Dracula bei Jess Franco, optisch deutlich von der Vorlage abweicht, ist sein aristokratisches, kaltes Auftreten Ehrfurcht erregend. Sein Gesicht, seine Stimme, seine Größe, sein Cape… Und wenn ihm der Zorn in die Augen fährt, er seine Zähne fletscht und zum aggressiven Einschreiten übergeht, ist er ganz nah am Roman. Lee ist und bleibt für mich der überzeugendste Dracula (die Nosferatus ausgelassen). Da dieser Film der erste Horrorfilm war, den ich in meiner Kindheit Ende der 80er-Jahre gesehen habe, gehören Lee und Cushing ohnehin zum Fundament meiner Film-Sozialisierung. Dieser Film erweckte die tiefe Liebe für den Horrorfilm in mir. 

    Aber zurück zur Inszenierung, die nicht nur sehr kurzweilig ist und oft rasant zur Sache geht, sondern auch prächtig aussieht. Bereits die Titelsequenz, in der man Draculas Schloss bewundern darf, lädt zum gruseln ein und zeigt die hohe Kunst der Matte Paintings und Studiokulissen, die zum Zauber der Hammer-Filme gehören. Mit fortschreitender Spielzeit wird DRACULA immer atmosphärischer, spannender und unheimlicher bis zum temporeichen Finale. Aber auch in Sachen Gewalt und Erotik schenkt Fisher aus, was vorab schon zu Problemen mit der britischen Zensurbehörde führte. Gerade in Bezug auf die erotische Darstellung war dieser Film wegweisend für das britische Kino. Abgerundet wird der Film von einem sehr energiegeladenen Score von James Bernard, dessen Dracula-Thema bis ins Mark dringt. 

    Trotz vieler Veränderungen gegenüber der Vorlage hat Fisher mit DRACULA eine ganz zauberhafte Adaption geschaffen, die für die Hammer-Studios ein riesigen Erfolg bedeutete und eine ganze Film-Reihe um Lee als Dracula auslöste. 

    (Bjoern Candidus)

  • Dracula’s Daughter, 1936 – ★★★★

    Dracula’s Daughter, 1936 – ★★★★

    DRACULAS TOCHTER
    (DRACULA‘S DAUGHTER, USA, 1936, Regie: Lambert Hillyer)

    Nachdem die Polizei die Leiche von Graf Dracula und Renfield entdeckt hat und Professor Van Helsing als Täter verhaftet, reist eine mysteriöse Dame in London an. Es ist Gräfin Maria Zaleska, die Tochter von Dracula. Diese will die Leiche ihres Vater abholen, woran sie ein Polizist versucht zu hindern. Doch der kann ihren vampirischen Kräften natürlich nicht standhalten. In der Hoffnung, sich von ihrem vampirischen Dasein befreien zu können, verbrennt sie den Körper ihres Vaters. Doch der Erfolg bleibt aus, sie ist weiter ein Kind der Nacht, was Blut für das untote Leben benötigt.

    DRACULAS TOCHTER ist die direkte Fortsetzung zu DRACULA (1931), bei der diesmal Lambert Hillyer Regie führte. Statt das erfolgreiche Konzept des Vorgängers einfach zu kopieren oder ganz einfach Dracula wieder auferstehen zu lassen, wird die Story auf interessante Art weiter erzählt. 

    Besonders gut, hat mir gefallen, dass man hier die Ängste einer Rechtfertigung bezüglich der Ermordung von Vampiren gegenüber der Polizei aufgreift, die auch in Stokers Vorlage thematisiert werden. Im Buch hätte sich allerdings niemand über eine Leiche Draculas wundern können, denn nach der Pfählung zerfällt sein Körper zu Staub, was bei Browning 1931 nicht der Fall war. In DRACULAS TOCHTER findet die Polizei die Leiche von Dracula wie auch die von Renfield, was Van Helsing in Erklärungsnot bringt. Etwas unlogisch ist das Weglassen der Figuren von Dr. Seward, John, bzw. Jonathan und Mina, die bestätigen könnten, dass Van Helsing nur geholfen hat. Doch mit der Ankunft von Draculas Tochter fängt neuer Ärger an, der Van Helsing letztlich zugute kommt. Die Figur der Gräfin Maria Zaleska ist sehr interessant, denn sie ist darauf bedacht, von ihrem vampirischen Dasein befreit zu werden und verbrennt die Leiche ihrer Vaters. Doch es kommt anders als gedacht und so versucht sie über einen Arzt von ihrem Leidensweg erlöst zu werden. Die Gräfin wird von Gloria Holden dargestellt, die hier, wie Lugosi in DRACULA, allen anderen Darstellern die Show stiehlt, ohne viel tun zu müssen. Sie ist schön, mysteriöse und hüllt sich zum ausgehen in eine pechschwarze Burka, zudem spielt sie gerne Klavier und malt. Etwas sehr sonderbar wirkt ihr Handlanger Sandor, der von Irving Pichel verkörpert wird. Er könnte zumindest ein wunderbarer Kandidat für eine Dark Wave-Gothic-Band sein. Edward Van Sloan ist erneut als Van Helsing dabei, der hier allerdings Von Helsing heißt und nicht mehr Leben als im Vorgänger mitbringt. Etwas mehr Format bringt hingegen Otto Kruger als Dr. Jeffrey Garth mit. 

    Auch atmosphärisch hat Hillyers Inszenierung einiges zu bieten, z.B. wenn Gräfin Maria Zaleska durchs nächtliche London schleicht oder sie auf rituelle Art die Leiche ihres Vaters verbrennt. Handwerklich habe ich keine nennenswerten Qualitätsunterschiede zu Brownings Film gesehen. 

    DRACULAS TOCHTER ist ein gutes Beispiel für eine nahtlose Fortsetzung, die am Ende den Kreis zu seinem Vorgänger schließt. Sehr schön. 

    (Bjoern Candidus)

  • Dracula, 1931 – ★★★★

    Dracula, 1931 – ★★★★

    DRACULA
    (DRACULA, USA, 1931, Regie: Tod Browning)

    Wäre es nach dem alten Carl Laemmle gegangen, hätte Graf Dracula nicht in das Film-Konzept seines Studios Universal gepasst, was sein Sohn einige Jahre später ganz anders sah, als er das Studio seines Vaters übernahm. Der glaubte nämlich, dass sich Bram Stokers Roman, der 1927 erfolgreich als Theaterstück auf dem Broadway aufgeführt wurde, sehr wohl ins Konzept von Universal einbauen lassen würde. Doch DRACULA brachte auch Probleme mit sich. Aus einer groß angelegten Produktion wurde nun eine kleine Produktion, bei der auch noch der von Laemmle angedachte Regisseur, Paul Leni, starb. Auch auf Conrad Veidt als Dracula musste Laemmle verzichten, da der zurück nach Deutschland ging. Der Regie-Posten ging schließlich an Tod Browning, während die Rolle des Grafen Dracula an Lon Chaney gehen sollte. Und wieder machte das Schicksal der Produktion einen Strich durch die Rechnung, denn Chaney starb im August 1930. Letztlich ging die Rolle an die Person, die bereits erfolgreich am Broadway mit selbiger unterwegs war: Bela Lugosi. 

    Schnell fallen erste Unterschiede zur Vorlage aus dem Jahre 1897 auf, was mitunter auch daran liegt, dass sich der Film mehr an das Theaterstück anlehnt. Während es im Roman Jonathan Harker ist, der nach Transsilvanien reißt, um mit dem Grafen ein Immobiliengeschäft abzuschließen, ist es hier Renfield, der schließlich von Dracula zu seinem Handlanger gemacht wird und mit ihm nach England reist. 

    Die Atmosphäre auf Schloss Dracula ist ganz phantastisch eingefangen. Browning hat hier einen weiteren Grundstein des Horror-Genres gelegt und Bilder geschaffen, die sich bis heute eingebrannt haben. Draculas Hand, die aus dem Sarg greift, eine Heuschrecke, die einen kleinen Sarg verlässt, ein Opossum, was hinter einem Sarg verschwindet oder zwei Gürteltiere, die eigentlich gar nicht passen wollen, sind wie ein düsterer Zauber, der nur noch von der sinistren Aura Bela Lugosis übertrumpft werden kann. 

    Lugosi als Dracula ist schon eine Sache für sich, aber das war auch Max Schreck als Graf Orlok. Bis heute haben sich die Dracula-Darstellungen immer wieder geändert, und das gehört auch zur Faszination um diese Figur. Lugosi weicht sehr deutlich von der Vorstellung Stokers ab, vor allem optisch. Lugosi wirkt mysteriös, hat eine faszinierende Art zu sprechen, ist charmant bis freundlich, zumindest wenn er sich in der feinen Gesellschaft Londons bewegt. Und in dieser lernt er dann seinen Nachbarn Dr. Seward und schließlich Lucy Weston, Mina und John Harker kennen, die den Grafen freundlich willkommen heißen. Derweil kümmert sich Dr. Seward um Renfield, der nach seiner Einschätzung komplett den Verstand verloren hat und deshalb seinen guten Freund Professor Van Helsing zur Rate zieht. Und so liefert Browning weitere, sehr atmosphärische Momente in einem (Studio-)London, durch das sich Dracula des Nachts wie ein feiner Herr mit Cape und Zylinder bewegt, bis sich die Situation zuspitzt und er über Lucy herfällt. Apropos zuspitzt: Spitze Zähne gibt es hier nicht zu sehen, denn die Bisse finden hinter vorgehaltenem Cape statt. 

    In den 75 Minuten werden einige Kompromisse gegenüber der Vorlage gemacht, was völlig legitim und verständlich ist und auch überhaupt nicht stört. Browning hat mit Lugosi als Dracula eine Ikone geschaffen, die sich in sämtliche Bereiche der Pop-Kultur gebissen und ihre Male hinterlassen hat. Daran lässt sich nicht rütteln, egal, ob man Lugosi als Dracula mag oder nicht. 

    Weniger gut haben mir die anderen Darsteller gefallen, ausgenommen natürlich Dwight Frey als Renfield, dem der Wahnsinn aus den Augen feuert. Aber Edward Van Sloan als Van Helsing oder Herbert Bunston als Dr. Seward sind nur wenig ausdrucksstark. Und eigentlich wichtige Figuren wie John, Mina und Lucy gehen fast völlig unter. 

    Auch wenn diese Adaption mein Herz nie so ganz erobern konnte, Lugosi wahrlich nicht mein Lieblingsdracula ist, genieße ich immer wieder gerne die unheimliche Kraft der Bilder von Brownings DRACULA. 

    (Bjoern Candidus)

  • Let the Corpses Tan, 2017 – ★★★½

    Let the Corpses Tan, 2017 – ★★★½

    LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE
    (LAISSEZ BRONZER LES CADAVRES, Belgien, Frankreich, 2017, Regie: Hélène Cattet & Bruno Forzani) 

    Eine Bande Krimineller, die gerade erfolgreich einen Goldtransporter ausgeräumt hat, nimmt auf der Flucht zwei Frauen und ein Kind mit und verschanzt sich anschließend in einer Ruine irgendwo an der französischen Mittelmeerküste, wo eine Malerin lebt. Es kommt zu Konflikten unter den Figuren, die sich immer mehr zuspitzen. Als schließlich zwei Polizisten auf die Fährte der Gangster kommen, eskaliert die  Situation vollends.

    Erneut wandelt das Ehepaar Hélène Cattet & Bruno Forzani auf den Spuren des italienischen Genrefilms. Haben sie sich mit AMER (2009) und DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN (2013) noch im Gefilde des Giallo-Kinos bewegt, nähern sie sich mit LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE dem Gangsterfilm mit deutlichen Italowestern-Vibes. Dabei gehen sie allerdings stilistisch den gleichen Weg und lassen mit ihren Bildern voller Schönheit und Grausamkeit die Leinwand explodieren. Über 90 Minuten kocht hier alles über. Bilder wie Gemälde, Close-Ups bis in die tiefsten Poren. Farben und Töne, die alle Sinne zum tanzen bringen, prasselt auf einen nieder. Das Setting, die Ruinen eines Bergdorfes direkt am Meer, ist wunderschön. Hier spürt man dann besonders den Italowestern, wenn man sich in den Ruinen verschanzt und die Inszenierung zu einem Belagerungsfilm wird.

    Wie in ihren Vorgängen bedienen sich Cattet, Forzani auch hier wieder bekannten Melodien von Ennio Morricone, Stelvio Cipriani und Nico Fidenco, was das Herz des Italophilen aus der Brust schießen lässt. Schießen. Ja, geschossen wird hier, und das ganz besonders hart und häufig. Dazu wird gesoffen, geraucht, mit Körpersäften herumgespritzt und dem Knirschen von Lederbekleidung eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Besetzung kann sich erneut sehen lassen, und mit Elina Löwensohn (NADJA, 1994) stösst auch eine mir gute Bekannte in den Cast. 

    LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE ist ein experimenteller Trip, wie man ihn heute nur noch ganz selten findet. In jeder Sekunde spürt man die tiefe Liebe von Hélène Cattet & Bruno Forzani gegenüber des europäischen Kinos der 60er-80er-Jahre, die sie mit ihrem Publikum teilen möchten. Dennoch hatte ich hier irgendwann das Gefühl einer Übersättigung, wie schon bei DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN, und statt noch mehr toller Bilder, hätte ich mich über ein paar mehr Handlungsfetzen gefreut. 

    (Bjoern Candidus)

  • Another Son of Sam, 1977 – ★½

    Another Son of Sam, 1977 – ★½

    ANOTHER SON OF SAM
    (USA, 1977, Regie: Dave A. Adams)

    ANOTHER SON OF SAM, der auch den Alternativtitel CASE 14927 trägt, ist ein Serienmörder-Amok-Thriller von Dave A. Adams, der kaum bekloppter sein könnte. Der Inhalt ist schnell zusammengefasst:
    Ein psychischkranker Mörder entkommt aus einer Psychiatrie, verschanzt sich in einem Unicampus und mordet weiter. Die Polizei und ein SWAT-Team findet sich ein, was so überzeugend ist wie ein Schultheater.

    Man bekommt ein paar blutige Attacken serviert, hat permanent die ranzigen Patina des Grindhousekinos der 70er-Jahre in den Augen hängen und darf sich über hölzerne Figuren amüsieren, die zumindest versuchen, in einem Film mitzuspielen. Hin und wieder keimt auch immer etwas Spannung oder der Ansatz von Geschick auf, bevor dieser wieder in sich zusammenbricht. Grotesk wirken auch die Momente, in denen entweder eine Zeitlupe einsetzt oder einfach das Bild festfriert, der Ton aber weiter läuft. 

    Ab der zweiten Hälfte von knapp über 70 Minuten hatte ich dann das Gefühl, ein Polizei-Übungsvideo zusehen, was den angehenden Ordnungshütern aufzeigen soll, wie sie sich nicht verhalten sollen. 

    Als Kuriosität geht ANOTHER SON OF SAM durch, lässt einen wundern, was man damals so alles durchgelassen hat, aber funktioniert leider nicht als ernsthafter Amok-Thriller. 

    (Bjoern Candidus)

  • Django Shoots First, 1966 – ★★★★

    Django Shoots First, 1966 – ★★★★

    DJANGO – NUR DER COLT WAR SEIN FREUND 
    (DJANGO SPARA PER PRIMO, Italien, 1966, Regie: Alberto De Martino) 

    Ein Kopfgeldjäger hat den Banditen Thomas Garvin erledigt und ist mit seiner Leiche auf dem Weg zum Sheriff, um die 5000 Dollar Belohnung zu kassieren. Dann begegnet ihm Garvins Sohn Glenn, genannt Django, der den Kopfgeldjäger rasch erledigt. Nun reitet er mit der Leiche seines Vaters nach Silver Creek, um das Geld abzuholen. Doch dann beginnt der Ärger erst… 

    Niemand geringeres als der vielseitige Alberto De Martino (IM DUTZEND ZUR HÖLLE, 1973 / DER ANTICHRIST, 1974) hat diesen sehr belebten Italowestern geschaffen, der sich durch ordentliche Qualität auszeichnet. De Martino serviert etablierte Zutaten wie Schießereien, Saloon-Prügeleien, hinterhältige Figuren und all das vor einer hochwertigen Kulisse. Nicht nur die Westernstadt macht etwas her, sondern auch die prächtige Fotografie der Landschaftsaufnahmen durch Riccardo Pallottini. Besonders schön sind die atmosphärischen Nachtaufnahmen in einer Felsenlandschaft. Dazu serviert Bruno Nicolai einen passenden Score, der das dynamische Treiben untermalt. Richtig Leben kommt mit Glenn Saxon als Django, bzw. Garvin in die Bude. Saxon ist weit weniger zynisch drauf als manch ein anderer „Django“ seiner Zeit und kommt fast wie ein liebevoller Prolet daher. Dann ist da noch das charismatische Italowestern-Urgestein Fernando Sancho, der hier mal richtig nett sein darf. Ich liebe diesen Typen. Als Kontrast: Nando Gazzolo als fieser Bankier Ken Kluster. Die weibliche Unterstützung kommt von Erika Blank und Ida Galli. Und ganz kurz am Rande: die Herrschaften John Bartha, George Eastman und Riccardo Pizutti. Für passende Gesichter wurde also gesorgt. 

    DJANGO – NUR DER COLT WAR SEIN FREUND ist ein spannender, actionreicher Western, der fast alles bietet, was das staubige Herz erwartet. 

    (Bjoern Candidus)

  • Nachtgeschichten (1) – Richard Middleton – Auf der Straße nach Brighton (1912)

    Nachtgeschichten (1) – Richard Middleton – Auf der Straße nach Brighton (1912)

    ANTENNE TRAUMSTADT – NACHTGESCHICHTEN

    Mit NACHTGESCHICHTEN tauchen wir in unregelmäßigen Abständen in die Welt der Horrorliteratur ab und präsentieren Euch immer einen Autoren oder Autorin und besprechen eine Kurzgeschichte der jeweiligen Person.

    Das Thema „Film“ wird auch hier sicherlich nicht untergehen, denn regelmäßige Hörer und Hörerinnen von ANTENNE TRAUMSTADT wissen, dass wir immer viel Wert legen auf die literarischen Vorlagen zu Filmen.

    Die erste Folge widmen wir Richard Middleton und seiner Geistergeschichte „Auf der Straße von Brighton“ aus dem Jahr 1912.

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

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    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • Making Of A Prostitute, 1971 – ★★★★

    Making Of A Prostitute, 1971 – ★★★★

    DIE SPALTE 
    (Deutschland, 1971, Regie: Gustav Ehmck) 

    Die 15-jährige Sophie hat genug vom strengen Leben im Kinderheim und sucht das Weite. Als sie Hotte kennenlernt, glaubt sie eine helfende Hand gefunden zu haben, doch der stellt sich als Zuhälter heraus. Es dauert nicht lange, bis er sie „spielend“ gefügig macht und auf den Strich schickt. 

    Bevor der Film startet, wird man darüber aufgeklärt, dass sich das Schicksal des Mädchens im Film genau so auch in der Realität zugetragen hat. Weiter heißt es: Dieser Film ist ungeschminkt und deshalb unbequem. Er zeigt die Wirklichkeit. 

    Gustav Ehmck (DER RÄUBER HOTZENPLOTZ, 1974) dürfte mit diesem Film 1971 einige Zuschauer gespalten haben. Wie die anfängliche Texttafel schon sagt: ungeschminkt und deshalb unbequem – das ist das Programm von DIE SPALTE. Bereits 1970 wurde der deutsche Zuschauer mit Ernst Hofbauers Film SCHULMÄDCHENREPORT ans nackte Fleisch von heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen auf der Kinoleinwand gewöhnt, und das extrem erfolgreich. Und schon ein Jahr später kommt Gustav Ehmck um die Ecke und präsentiert die Schattenseiten der Sexualität. Auf äußerst kalte, fast emotionslose Art bekommt man hier den Leidensweg der 15-jähigen Sophie präsentiert, dargestellt von der damals bereits schon 27-jährigen Gerhild Berktold. Sophies Leben steht unter keinem guten Stern. Erst legt ihre Mutter sie als Baby auf die Gleise, dann stirbt ihrer Großmutter, bei der sie aufwächst, es folgt ein Leben in einem von Nonnen geführtem Kinderheim und von dort landet sie auf dem Kinderstrich. Kein Werdegang, dem man einem wünscht. 

    DIE SPALTE ist ein durch und durch unangenehmer Film, der vor allem das Bild des Mannes präsentiert, der sich nimmt, was er will, wie er es will und wie oft er es will. Ihm gegenüber steht ein junges, hilfloses Mädchen. Etwas sonderbar erscheint es, dass Ehmck bei den Vergewaltigungs-Szene eher draufhält (nicht im Sinne von Hardcore-Sex, den es hier freilich nicht gibt) und so dem Zuschauer im schlimmsten Fall dazu animieren könnte, sich daran zu laben. Denn eigentlich will dieser Film doch als Warnung verstanden werden und nicht als Sexploitation. Doch das eine muss nicht zwangsläufig das andere ausschließen, und dafür ist dieser Film ein sehr gutes Beispiel. Ehmck muss nicht mal den moralischen Zeigefinger auspacken, weder mit Hilfe eines Off-Kommentars noch durch Dialoge. Alles sollte sich durch Gezeigtes selbst erklären. Insgesamt ist der Film sehr wortkarg und wenn gesprochen wird, geht es selten um Herzlichkeiten. Der Film wirkt authentisch; vergilbte Wohnungen, Zigarettenqualm, Alkohol und Ranz beseelen die Inszenierung. Ich habe mich zu jeder Minute dreckig gefühlt, und nicht nur einmal musste ich ans italienische (S)Exploitation-Kino denken, bevor mir wieder bewusst wurde, in welchem Land ich hier bin. 

    Ein weiteres Aushängeschild sind die wenigen Darsteller, die sich zwar nicht mit schauspielerischem Geschick, aber dafür mit Authentizität schmücken. Gerhild Berktold sagt als Sophie ohnehin nicht viel, das übernimmt Hotte, ihr Zuhälter, der von Axel Schiessler (DER AMERIKANISCHE FRRUND, 1977) dargestellt wird. 

    DIE SPALTE ist ein starkes Stück deutsche Kinogeschichte. Ein Film, der bis heute nichts von seiner Wirkung und Wichtigkeit verloren hat, auch wenn über 50 Jahre vergangen sind. 

    (Bjoern Candidus)