Autor: marco-fritz

  • Dead End Drive-In, 1986 – ★★★½

    Dead End Drive-In, 1986 – ★★★½

    CRABS …DIE ZUKUNFT SIND WIR
    (DEAD-END DRIVE-IN , Australien, 1986, Regie: Brian Trenchard-Smith)

    1990, Australien ist aus den Fugen geraten. Wirtschaftskrisen und Katastrophen machen sich breit, und die Straßen und Siedlungen Australiens werden von den Carboys, Banden, die mit ihren Autos herumfahren, terrorisiert. Doch die Regierung hat unlängst ein geheimes ghettoartiges Gefängnis errichtet, was als Autokino getarnt ist. Hier fährt man rein, aber nicht mehr heraus. Das unwissende Pärchen Crabs und Carmen fallen darauf rein und sind plötzlich gefangen in einer Welt aus jugendlichen Punks, Autonarren und Schlägern, die mit Drogen, Fast Food und Kinofilmen bei Laune gehalten werden. Doch das Pärchen hat nicht vor, dort zu bleiben. Crabs setzt sich zur Wehr. 

    Brian Trenchard-Smith, (DIE BMX BANDE, 1983) hat mit CRABS …DIE ZUKUNFT SIND WIR einen bunten Endzeit-Actionfilm gezimmert, der auch das ein oder andere kritische Tönchen erklingen lässt.

    Es ist schon beachtlich, wie viele Darsteller und Statisten Trenchard-Smith hier in coolen Klamotten aus Lack, Leder, Jeans und Nylon aufgefahren hat, um die Jugendkultur der 80er-Jahre zu präsentieren. Schräge Frisuren, Nieten, Ketten werden zur Schau gestellt und erinnern natürlich an den gesamten Endzeitkino-Katalog, der vor allem mit MAD MAX 2 (1981) und den vielen italienischen Rip-Offs geöffnet wurde. Doch CRABS sieht besser aus als viele ähnlich gelagerte Filme, und statt den obligatorischen Wüsten und Steinbrüchen ist es hier das riesige Grundstück eines Autokinos, was zu einem Gefängnis umfunktioniert wurde. Eine recht originelle Idee, über die man aber vielleicht nicht zu lange nachdenken sollte. In ähnlicher Form kennt man das Konstrukt aus DIE KLAPPERSCHLANGE (1984). Die Filme, die dort auf der großen Leinwand laufen, um für Stimmung zu sorgen, stammen natürlich aus dem Werk von Brian Trenchard-Smith und werden hier in Form von Ausschnitten immer wieder gezeigt. 

    Die Inszenierung ist sehr anständig fotografiert, nie langweilig, sehr actionbetont und gespickt mit kruden Charakteren. Ziemlich bizarr wird es, wenn ein Gefangentransport voller Asiaten eintrifft und die Punks ihre rassistische Seite auspacken. Darstellerisch sollte man nicht zu viel erwarten, aber Ned Manning hat mir als sportbegeisterter Jimmy ‚Crabs‘ Rossini gut gefallen. Alternativ wäre das auch eine super Rolle für Nicolas Cage gewesen. Gelungen sind auch die musikalischen Einsätze, die neben einem Score von Frank Strangio einige New Wave, Punk und Pop-Songs beinhalten. 

    CRABS …DIE ZUKUNFT SIND WIR ist ein sehr unterhaltsamer Vertreter des endzeitlichen Actionkinos der 80er-Jahre. 

    (Bjoern Candidus)

  • Wüste Aussichten – Das Endzeitkino

    Wüste Aussichten – Das Endzeitkino

    MAD MAX 2, ENDGAME, CRABS, WATERWORLD…

    Bjoern Candidus und Marco Fritz wandeln auf den Reifenspuren stählerner Vehikel von Männern in Leder, die sich durch endzeitliche Wüsten kämpfen bis hin zu einer Welt, die im Wasser ertrinkt.

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Spenden für den Podcast: https://www.paypal.com/paypalme/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • O Fantasma, 2000 – ★★★½

    O Fantasma, 2000 – ★★★½

    O FANTASMA
    (Portugal, 2000, Regie: João Pedro Rodrigues)

    Der 19-jährige Sérgio arbeitet in Lissabon als Müllmann. Doch er sammelt den Müll nicht nur beruflich ein, sondern durchsucht auch den Müll der Anderen, um Brauchbares mitzunehmen. Er findet z.B. ein paar Motorradhandschuhe mit denen er sich genüßlich einen runterholt. Sex ist ihm sowieso sehr wichtig, und er hat eine Affinität zu Hunden entwickelt, die er immer mehr imitiert. Er fokussiert sich auf Männer, die er beobachtet und die zu Objekten seiner Begierde werden. 
    Er wird immer mehr zu einem Phantom der Nacht, streift sich einen schwarzen Latexanzug über und verliert immer mehr die Kontrolle über sein Handeln. 

    João Pedro Rodrigues Debütfilm O FANTASMA ist ein klarer Sonderling. In sehr natürlichen Bildern lässt Rodrigues den durchaus attraktiven Sérgio durch das nächtliche Lissabon schleichen, um seine sexuellen Abenteuer zu erleben. Dabei kommt es zu teils bizarren Szenen, wenn er sich z.B. an ein Auto anschleicht, in dem ein gefesselter und geknebelter Polizist auf der Rückbank liegt. Diese scheinbar zufällige Begegnung nutzt Sérgio aus, um sich an dem Polizisten oral zu vergehen. Später wiederholt sich die Szene in etwa, nur hat dort ein Polizist die Überhand. Die sexuellen Handlungen, Anal- und Oralverkehr, finden entweder geschickt kaschiert oder in einer Unschärfe statt, bis auf eine Oralsex-Szene, die einen Penis umso deutlicher zeigt. Aber die sexuellen Handlungen sind nur das Beiwerk in einer Charakterstudie, die sich leider jeglicher Erklärung oder tieferer Auseinandersetzung durch die Figuren selbst verweigert. Dennoch liegen Themen wie sexuelle Begierden, Fetischismus, animalische Triebe, das abstreifen der alten Persönlichkeit zwecks einer neuen, die Auflösung der gesellschaftlichen Zugehörigkeit, Kritik an der Wegwerfgesellschaft vor. Doch O FANTASMA liefert nur wenige Dialoge, und Ricardo Meneses als Sérgio drückt mehr über seinen Körper und über sein Verhalten aus. Er scheint immer grimmig, kalt, bewegt sich kriechend, auf allen Vieren oder gebückt, schläft eingerollt, pisst in fremde Betten, knurrt seine Arbeitskollegin Fatima an, die offensichtlich in ihn verschossen ist, und trinkt gegen Ende aus einer Pfütze Brackwasser. Durch seine sexuellen Übergriffe wird es natürlich schwierig, ein Verständnis für ihn aufzubauen, doch Sérgio ist so grau gezeichnet, dass gerade deshalb eine gewisse Faszination entsteht. 

    O FANTASMA versprüht eine dichte Atmosphäre und ist insgesamt sehr ruhig inszeniert. Es hat schon was sehr Spezielles, wenn Sérgio ganz in schwarzem Latexs durch die Nacht schleicht, doch manchmal hat Rodrigues etwas die Zeit vergessen. Ein bisschen mehr Inhalt hätte O FANTASMA gut getan, denn im großen Ganzen hat Rodrigues ein sehr ansehnliches Psycho-Drama mit einem überzeugenden Hauptdarsteller geschaffen, zu dem die Meisten allerdings kaum einen Zugang finden werden, mutmaße ich. 

    (Bjoern Candidus)

  • Black Emanuelle 2, 1976 – ★★★

    Black Emanuelle 2, 1976 – ★★★

    BLACK EMANUELLE – 2. TEIL
    (EMANUELLE NERA: ORIENT REPORTAGE, Italien, 1976, Regie: Joe D‘Amato)

    Die Foto-Reporterin Emanuelle begleitet ihren Freund Roberto von Venedig nach Bangkok. Beide wollen sich, was ihre sexuellen Gelüste angehen, nicht fest binden und planen sogar von Anfang an eine Trennung nach ihrem Urlaub. Während Roberto für archäologische Ausgrabungen nach Casablanca weiter reist, trifft Emanuelle auf den Prinzen Sanit, der ihr die orientalische Welt der Liebe zeigen will. Doch ihr Abenteuer endet nicht in Bangkok, und bald wird eine Frau in ihr Leben treten, was Roberto gar nicht schmeckt.

    Joe D‘Amato führt hier Bitto Albertinis Film BLACK EMANUELLE (1974) mit Laura Gemser als Foto-Reporterin fort. Dies war somit auch die erste Zusammenarbeit zwischen D‘Amato und Gemser, die in den folgenden Jahren viele weitere Früchte tragen sollte. Die Fortsetzung, wenn man BLACK EMANUELLE – 2. TEIL überhaupt als solche bezeichnen möchte, versprüht noch mehr den sanften Charme des Erstlings. Der Tierkampf zwischen einem Mungo und einer Kobra, der für die Schlange tödlich ausgeht und die Gruppenvergewaltigung von Emanuelle sind schon Andeutungen, in welche Richtung D‘Amato zukünftig mit der Reihe gehen wird. Ansonsten gibt es hier viel nackte Haut, Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, was Mann so gar nicht gefällt. Aus einer lockeren Beziehung zwischen Emanuelle und Roberto wird plötzlich eine komplizierte Dreiecks-Beziehung, als die lesbische Debra in ihr Leben tritt. Roberto wird von Gabriele Tinti gespielt, der bereits im Vorgänger dabei war und nach den Dreharbeiten der Ehemann von Laura Gemser wurde. Immer willkommen und stets mit einer Aura des mysteriösen Umgeben, ist Ivan Rassimov, der hier Prinz Sanit spielt, der es faustdick hinter den Ohren hat.

    Die EMANUELLE-Reihe ist nicht nur für die Titelheldin eine abenteuerliche Reise durch die unterschiedlichen Länder, sondern auch für den Zuschauer, der in diesen Filmen mit sehr vielen Eindrücken konfrontiert wird. Und so liefert BLACK EMANUELLE – 2. TEIL neben Sex und guter Laune, Strip-Clubs und Massagesalons, eine Opium-Party, riesige Tempel, orientalische Märkte, Thai-Boxer, Tierkämpfe und schmucke Elefanten. Die Fotografie, die D‘Amato mal wieder höchst persönlich zu verantworten hat, ist sehr gelungen und entführt einen im Einklang mit dem Score von Nico Fidenco in geheimnisvolle Welten. 

    Doch trotz der reizenden Darsteller und den vielen schönen Impressionen ist BLACK EMANUELLE – 2. TEIL auch manchmal etwas zäh und weitaus weniger ereignisreich als die folgenden Teile der Reihe.

    (Bjoern Candidus)

  • Texas Chainsaw 3D, 2013 – ★★

    Texas Chainsaw 3D, 2013 – ★★

    TEXAS CHAINSAW 3D – THE LEGEND IS BACK
    (TEXAS CHAINSAW 3D, USA, 2013, Regie: John Luessenhop) 

    Es macht durchaus Sinn, Filme nach Jahren wieder zu sichten, um sie möglicherweise neu zu bewerten. Auch eine chronologische Sichtung einer Film-Reihe kann durchaus ein neues oder anderes Licht auf die jeweiligen Teile werfen. Für TEXAS CHAINSAW 3D fiel diese Neubewertung leider gar nicht gut aus.

    Obwohl die Idee nicht unklug gewesen ist, einen direkten Nachfolger zu Tobe Hoopers Erstling aus dem Jahre 1974 zu drehen, ist das Ergebnis von John Luessenhop leider komplett zersägt worden. 

    Der Film startet mit Rückblicken aus dem ersten Teil, die dann in das neue Material übergehen, in dem man Zeuge wird, wie ein Trupp Polizisten und eine Bürgerwehr das Sawyer-Haus umstellen und die Herausgabe von Leatherface fordern. Was die Reproduktion des Hauses angeht, hat man ganz gute Arbeit geleistet und sogar an die versteckten VW-Käfer gedacht. Im Inneren sieht es etwas zu gepflegt aus, allerdings hat man gute Perspektiven gewählt, um etwas zu kaschieren, dass es sich um einen Nachbau der morbiden Wohnwelt der kannibalistischen Sawyers handelt. Und wo wir bei den Sawyers sind: Drayton Sawyer wird diesmal von Bill Moseley dargestellt, der Jim Siedow gut ersetzt, Grandpa darf nur im Hintergrund sitzen, während Leatherface einen ziemlich erbärmlichen Eindruck macht, aber er hat es schließlich verbockt. Hätte er Sally nicht entkommen lassen… Doch damit nicht genug, denn es gibt ein neues Oberhaupt, was von Gunnar Hansen gespielt wird, außerdem gibt es auch ein kurzes Wiedersehen mit Marilyn Burns, diesmal als Verna Sawyer. Zudem tummeln sich weitere Figuren der Sippschaft in dem Haus herum, die allerdings nach wenigen Minuten samt dem Sawyer-Haus ins Jenseits befördert werden, bis auf ein kleines Baby. 

    Aus dem kleinen Baby ist die Erwachsene Heather Miller (Alexandra Daddario) geworden, die in Wirklichkeit eine Sawyer ist und unter falschem Glauben bei Adoptiveltern aufwuchs. Als ihre Tante aus Texas stirbt, bekommt sie die Nachricht, dass sie ihr Haus und ihr Hab und Gut geerbt hat. Gemeinsam mit ihren Freunden (u.a. Scott Eastwood als Carl) bricht sie auf, um sich das Haus anzugucken und auf den Spuren ihrer Vergangenheit zu wandeln. Doch diese Vergangenheit hätte sie ruhen lassen sollen, denn ein weiteres Familienmitglied hat überlebt: Leatherface. Der lebt seit ewiger Zeit versteckt in den Kellergewölben des Hauses, um schließlich Rache an denen zu nehmen, die seine Familie ausgerottet haben. 

    Auch wenn das Ganze reichlich bescheuert klingt, lobe ich, dass man zumindest einen anderen Weg versucht hat, als mit jedem neuen Teil das Original kopieren zu wollen. Hat man die Anfangssequenz, die ich noch wohlwollend aufgenommen habe, ganz gut hinbekommen, scheitert es als Nächstes an der Logik. Logik setze ich bei Horrorfilmen wahrlich nicht an vorderste Stelle, aber wenn ich einen Film drehen möchte, der sich inhaltlich an einen anderen Film anschließt, erwarte ich zumindest ein bisschen Gehirn bei den Storygebern. Doch offensichtlich ist von den vier Herrschaften, die für die Geschichte und das Drehbuch verantwortlich waren, nicht in den Sinn gekommen, dass da zeitlich etwas nicht stimmen kann. Wenn die Protagonistin Heather Miller, also das Sawyer-Baby, 1973 ein Jahr alt war, kann sie 2013, in dem Jahr, in dem die Story angesiedelt ist, nicht erst Mitte 20 sein. Leatherface ist hingegen sehr viel älter geworden. Man hätte die Story einfach nur in den 90er-Jahren ansiedeln lassen müssen, aber dann wären auch keine Smartphones zum Einsatz gekommen. Sieht man darüber hinweg, was mir in diesem Fall wirklich mal schwerfällt, weil es so dumm ist, wird der Rest auch nicht besser. Hier gibt es so viele inhaltliche und inszenatorische Schwächen und Fehlentscheidungen, dass einem schwindelig werden kann. Im Gegensatz zum völlig hohlen TEXAS CHAINSAW MASSACRE: DIE RÜCKKEHR (1994) passiert hier allerdings sehr viel mehr und Regisseur John Luessenhop sorgt immerhin dafür, dass man nicht einschläft, weil man ja kopfschüttelnd da sitzt und / oder sich die Hände über den Kopf zusammenschlägt. Sehr nervig sind auch die billigen Verweise auf das Original (z.B. Gürteltier, Kühltruhe), die einem zusätzlich vor Augen führen, was Hooper geschaffen hat und Luessenhop nicht: einen puren, kompromisslosen Terrorfilm zu drehen. 

    TEXAS CHAINSAW 3D ist lediglich ein lauer Horrorfilm mit uninspirierten, hässlichen 3D-Effekten, die in 2D natürlich ebenfalls schlimm aussehen. Die inhaltlichen Verfehlungen werden weder durch die langweiligen, aber durchaus blutigen Gore-Effekte noch mit irgendwelchen anderen Schauwerten wiedergutgemacht. 
    Zugute halten kann man dem Ganzen vielleicht noch die relativ solide Besetzung, die aus vielen Figuren besteht, die mehr oder weniger gewichtig für die Geschichte sind. Spaß macht davon allerdings keine, nicht mal Leatherface. 

    TEXAS CHAINSAW 3D scheitert in erster Linie an vielen kreativen Fehlentscheidungen und inhaltlichem Blödsinn. Die Fotografie, das ein oder andere Set und die Gesamtatmosphäre schaffen es zumindest die Inszenierung nicht vollends untergehen zu lassen. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Road Builder, 1971 – ★★★★

    The Road Builder, 1971 – ★★★★

    DAS HAUS DER SCHATTEN
    (THE NIGHT DIGGER, GB, 1971, Regie: Alastair Reid)

    Maura Price, eine Frau mittleren Alters, lebt auf dem weitläufigen Anwesen ihrer blinden Stiefmutter. Die alte, verbitterte Frau sucht ganz dringend einen Gärtner. Als jemand aus der Familie den Job absagt, taucht plötzlich ein junger Mann namens Billy mit seinem Motorrad auf, um sich für den Job zu bewerben. Maura und ihre Schwiegermutter sind skeptisch. Doch die Alte glaubt plötzlich, in Billy einen Großneffen zu erkennen und gibt dem jungen Mann eine Chance. Die menschenscheue Maura ist anfangs weiter misstrauisch, doch nach und nach verändert sich ihr Bild über Billy, der ebenfalls Menschen am liebsten aus dem Weg geht. Dann geschieht ein Mord an einer jungen Frau, der im Zusammenhang mit einer Reihe von anderen Morden steht, die sich in letzter Zeit in der Gegend zugetragen haben.

    Alastair Reid (BABY LOVE, 1969) hat mit DAS HAUS DER SCHATTEN einen sehr dichten Psycho-Thriller mit einer glänzenden Besetzung abgeliefert. Dass es sich hier um eine englische Produktion handelt, ist nicht eine Sekunde zu übersehen, und genau das ist auch die Stärke des Films. Der Regen, die trüben Farben der englischen Landschaft und das in die Jahre gekommene Anwesen sorgen für eine latent bedrückende Atmosphäre, die das tolle Schauspiel von Patricia Neal, Pamela Brown und Nicholas Clay hervorragend unterstützt. Besonders Patricia Neal ist als Maura sehr gut gezeichnet und wirkt mindestens so undurchsichtig wie der sehr wortkargen Billy, den Nicholas Clay verkörpert. Ein bisschen Auflockerung bringt Pamela Brown als verbitterte und schrullige Stiefmutter mit rein. 

    DAS HAUS DER SCHATTEN ist ein sehr ruhiger, schleichender Psycho-Thriller, der seine Figuren in den Vordergrund stellt und sich bis zum bitteren Ende nicht aus dem Takt bringen lässt. Während die Vorlage auf der Story „Nest in a Falling Tree“ von Joy Cowley basiert, stammt das Drehbuch von Roald Dahl. Obwohl man schon recht früh weiß, wo der Hase lang läuft, sind es immer wieder kleine Überraschungen, die DAS HAUS DER SCHATTEN zu einem spannenden Film werden lassen, der keinen plakativen Schrecken nötig hat. Die rundum schaurige Atmosphäre wird von Bernard Hermanns Score untermalt, der der Inszenierung eine gewisse Schwere verpasst. 

    DAS HAUS DER SCHATTEN überzeugt durch seine Darsteller und durch die Fotografie der unnachahmlichen englischen Kulisse. Dass die Story im Grunde nicht viel Neues bietet, sei dabei fast vergessen.

    (Bjoern Candidus)

  • The Climber, 1975 – ★★★★

    The Climber, 1975 – ★★★★

    HARLEY RIDERS – SIE KANNTEN KEIN ERBARMEN
    (L‘AMBIZIOSO, Italien, 1975, 
    Regie: Pasquale Squitieri)

    In Neapel arbeitet Aldo als Zigarettenschmuggler für Don Enrico. Doch Aldo träumt davon, selbst an der Spitze der Macht zu stehen und beschließt seinen eigenen Weg zu gehen. Als er Don Enrico hintergeht, schlagen ihn seine Männer zusammen. Er muss Neapel verlassen. Da kommt ihm Luciana gerade Recht. Die junge Frau nimmt Aldo mit nach Rom, wo er erneut auf die schiefe Bahn gerät und nicht von seiner Idee abkommt, alle Macht an sich zu reißen. 

    Pasquale Squitieris Gangster-Thriller startet direkt mit einem großen Zigarettenschmuggel am Hafen von Neapel, bei dem man Warhol-Muse Joe Dallesandro als Aldo kennenlernt. Dieser wird alsbald feststellen, dass man sich nicht gegen die Mafia stellen sollte, wenn man ein gesunder Mann bleiben möchte. Doch Aldo ist nicht lernfähig und zieht seinen Plan durch, mit aller Gewalt aufzusteigen. Dallesandro glänzt immer, wahrlich nicht wegen schauspielerischer Höchstleistungen, sondern wegen seinem Charisma. Es ist beeindruckend, wenn sich dieser schöne Mann in einem Moment noch ein Lächeln aufsetzt und sich im nächsten in eine aggressive Bestie verwandelt. Erst liebt er eine Frau, dann sticht er einen Mann mit einem Messer ab. Als Gangster-Dandy, der immer mehr die Karriereleiter herauf steigt, beherrscht Dallesandro hier jede Filmminute und sorgt als Schutzgelderpresser von Restaurants und Nachtclubs für Angst und Schrecken. 

    HARLEY RIDERS ist ein sehr ausgeglichener Film mit einem guten Pacing. Zwischen vielen Dialogen mit einer Menge scheußlichen Typen, denen gegenüber Dallesandro stets wie ein Gott erscheint, gibt es auch sehr viel Action- und Gewalt-Momente, die recht grob sind. Schießereien, Motorrad-Action und den fast schon obligatorischen Steinbruch darf man hier erwarten. Aber besonders die nächtliche Atmosphäre in den Bars und Clubs ist sehr dicht und farblich ausgesprochen hübsch arrangiert. Form und Inhalt geben sich die Hand, und das in einem Film in dem Joe Dallesandro die Hauptrolle spielt. Dallesandros Herzblatt ist Luciana, die von Stefania Casini dargestellt wird. Dass sich ihre Begegnung mit Aldo nicht positiv auf ihr Leben auswirkt, sollte klar sein. Es kommt sogar knüppelhart für sie.

    HARLEY RIDERS sieht nicht nur gut aus, er klingt auch gut. Der abwechslungsreiche Score von Franco Campanino ist mal rockig, mal funkig, mal schwülstig bis melancholisch. 

    HARLEY RIDERS – SIE KANNTEN KEIN ERBARMEN ist ein packender Film über einen Mann, der über Leichen geht, um an die Spitze zu gelangen und sich damit zunehmend selbst zerstört. Auch wenn letztlich nichts Neues erzählt wird, konnte mich Squitieri inhaltlich mitnehmen, aber noch mehr mit Dallesandro beglücken. Für Mafia- / Gangsterfilm-Fans durchaus interessant, für Dallesandro-Fans unverzichtbar.  

    (Bjoern Candidus)

  • Mad Dog Morgan, 1976 – ★★★★

    Mad Dog Morgan, 1976 – ★★★★

    MAD DOG
    (MAD DOG MORGAN, Australien, 1976, Regie: Philippe Mora)

    Während des Goldrauschs Mitte des 19. Jahrhunderts in Australien gerät Daniel Morgan (Dennis Hopper) zwischen die Fronten von weißen, rassistischen Australiern und Chinesen. Bei einem Angriff auf einem Camp ergreift Morgan Partei für die Chinesen, die anschließend alle umgebracht werden. Wenig später wird Morgan verhaftet, weil er aus der Not heraus einen Überfall begeht. Er wird zu 12 Jahren Strafarbeit verdonnert, wird aber nach der Hälfte wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Doch damit fangen die Schwierigkeiten erst an. Morgan verdient sein Geld mit Überfällen auf Gutbetuchte, die er mit seinem Freund, dem Aborigines Billy ausnimmt. Trotz, dass er mit bedacht vorgeht und möglichst keine Gewalt anwendet, bilden sich bald Legenden um den grausamen Bushranger Morgan, der in den Wäldern haust und zur Gefahr von Frau und Mann wird. Eine gnadenlose Hetzjagd beginnt.

    Regisseur Philippe Mora (DAS ENGELSGESICHT, 1982) geht mit MAD DOG auf die Erzählung von Margaret Carnegies Erzählung ein, die auf der historischen Figur des Bushrangers Daniel Morgan basiert. Dieser trieb Mitte des 19. Jahrhunderts in New South Wales und Victoria sein Unwesen. Genau in dieser Gegend fanden auch die Dreharbeiten statt, die einen in eine traumhaftschöne Naturkulisse Australiens entführen. 

    Moras Historien-Drama ist gleichzeitig Actionfilm und Australien-Western in einem. Themen wie Freundschaft, Kulturunterschiede, Rassismus und Vorurteile werden aufgegriffen und zu einem spannenden Film gestrickt.

    Zum einen geht es um Freundschaft zu dem Aborigines Billy, der Morgan nach einer Schusswunde hilft und ihm beibringt, wie er in der Natur zu überleben hat, zum anderen um Rache an seinen Peinigern und dem ekelhaften Rassismus der Weißen, die die aufkommenden Evolutionstheorien Charles Darwins ablehnen. Das funktioniert sehr gut, vor allem wegen Dennis Hopper als Daniel Morgan, dem man einen schwarzen Rauschebart angeklebt hat. Aber man hält ihn ja auch für eine Mischung aus Mensch und Affen. Hopper spielt Morgan mit völliger Hingabe und hinterlässt einen angenehmen Zwiespalt aufgrund seines Verhaltens. Der Hass sei hier anderen gewidmet. Mit Aborigines David Gulpilil als Billy kommt direkt Verstärkung aus dem Urquell Australiens. Gemeinsam mit Morgan gehen sie auf die Jagd und helfen einander. Auf der anderen Seite steht die Regierung, die alle ablehnt, die nicht ihrer Hautfarbe entspricht oder anders von der Norm abweichen. Darstellerisch ist MAD DOG sehr stark und wurde entsprechend gut Ausgestattet, um ein authentisches Bild zu erzeugen, sieht man mal von Hoppers angeklebten Rauschebart ab. 

    Aber auch visuell schöpft Mora und sein Kameramann Mike Molloy aus dem Vollen. Urwälder, Felsmassive und Flüsse bestimmen das Bild und bauen eine wunderschöne Atmosphäre auf, die im starken Kontrast zu den schrecklichen Taten der Menschen steht. MAD DOG liefert nämlich einige grafische Gewaltspitzen, die sich vor allem in Folter und blutigen Einschüssen zeigen. Auch die (angedeutete) Vergewaltigung Morgans durch drei Männer verfehlt nicht die Wirkung. 

    MAD DOG besticht durch seine Story, Themenvielfalt, Darsteller und visuellen Reize und gehört zu den großen Ozploitation-Klassikern.

    (Bjoern Candidus)

  • Dolores Claiborne, 1995 – ★★★★½

    Dolores Claiborne, 1995 – ★★★★½

    DOLORES
    (DOLORES CLAIBORNE, USA, 1995, Regie: Taylor Hackford)

    Dolores Claiborne wird vorgeworfen, ihre Arbeitgeberin Vera Donovan die Treppe heruntergestoßen zu haben, um sie zu töten. Detective John Mackey untersucht den Fall und ist sich sicher, dass es kein Unfall war, wie es Dolores behauptet, denn schließlich ist schon ihr Ehemann auf ominöse Art ums Leben gekommen. Damals konnte er ihr nichts nachweisen, doch diesmal ist er fest entschlossen, Dolores hinter Gitter zu bringen. Dann taucht Dolores Tochter Selena auf der Insel auf, die sie vor 20 Jahren verlassen hat.

    Bei Stephen King muss man nicht lange suchen, um auf starke weibliche Figuren zu stoßen, die nicht selten von Problemen geprägt sind oder aber selbst Probleme bereiten. Annie Wilkes hat in „Misery“ (1987) den Schriftsteller Paul Sheldon in ihrem Haus gefangen gehalten, um ihn zu zwingen, ein weiteres Buch aus ihrer Lieblingsreihe zu schreiben. Dolores Claiborne schuftet hingegen für die Millionärin Vera Donovan und wird ansonsten von ihrem Ehemann beleidigt oder verprügelt. Wie in Rob Reiners Adaption MISERY (1990) ist auch in DOLORES die wunderbare Kathy Bates die tragende Figur. In beiden Fällen ist sie Gold. Und während man sie in MISERY schnell hassen lernt, leidet man hier mit ihr und kann ihr Handeln nachvollziehen. 

    Regisseur Taylor Hackford (IM AUFTRAG DES TEUFELS, 1997) hat es hervorragend verstanden, gleichzeitig zu einer dichten Story eine ebenso dichte Atmosphäre zu erzeugen, die mich (erneut) gut 130 Minuten gepackt hat. Der Inselschauplatz (gedreht wurde in Nova Scotia, Kanada) liefert viele schöne Impressionen. Der Atlantik prallt auf die Küste und Wolkenspiele zeichnen sich am Himmel ab. Und auch eine Sonnenfinsternis ist ein wichtiges Ereignis im Film. Für King-Fans ist diese Sonnenfinsternis etwas besonderes, da sie die Bücher „Dolores“ und „Das Spiel“ miteinander verbinden. In der Verfilmung wird diese Verbindung natürlich nicht aufgebaut und wurde, im Gegensatz zu der Vorlage, in die 70er-Jahren verlagert. 

    DOLORES springt auf mehreren Zeitebenen hin und her und liefert Häppchenweise immer mehr Wissen über Dolores Vergangenheit, ihren brutalen Ehemann Joe, ihrer vom Leid geprägten Tochter Selena und der drahtbürstigen Vera Donovan, die in ihrem Reichtum immer mehr zum Pflegefall wird. Vera wird von Judy Parfitt gespielt, der zwar verhältnismäßig wenig Spielzeit eingeräumt wird, aber diese hervorragend ausfüllt. Sie hat das perfekte Lächeln eines Miststücks, und deshalb sei sie hier zitiert: „Manchmal muss man als Frau ein Miststück sein, um in dieser Welt zu überleben.“ 

    Ganz wunderbar und mit überzeugender Ekelhaftigkeit spielt David Strathairn Dolores Ehemann Joe, dem man mit Leichtigkeit volle Verachtung entgegenbringen kann und der sein Schicksal mehr als verdient hat. Während die junge Selena von Ellen Muth verkörpert wird, kommt mit der erwachsenen Selena Jennifer Jason Leigh ins Spiel, die ein weiteres Argument für DOLORES ist und gegen Ende richtig hochfährt. Aber noch nicht genug. Mehr am Rande ist John C. Reilly als Constable Frank Stamshaw und Eric Bogosian als Peter zu sehen. Wesentlich mehr Spielzeit bekommt Christopher Plummer als Detective John Mackey, der alles dran setzt, um Dolores verurteilen zu können. Ich liebe die Kälte, die der Mann ausstrahlen kann.

    Inhaltlich bekommt man viele schwere Themen geboten, die bei King nichts Neues sind, sich aber selten ohne phantastische Elemente abspielen. Unterdrückung, Aufopferung, Alkoholismus, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt und Mordverdacht prallen hier aufeinander und werden durch Hackfords Inszenierung zusammengehalten. Die Fotografie von Gabriel Beristain ist zauberhaft, und die kräftigen Farben und Kontraste bewegen sich von warm zu eiskalt. Die packende Atmosphäre, die während der Sonnenfinsternis fast surreale Züge annimmt, wird unterstützt von Danny Elfmans Score. 

    Trotz einer anderen Erzählstruktur und einigen Abweichungen ist DOLORES ein Paradebeispiel für eine Stephen King-Adaption und ein glänzendes Beispiele für einen 90er-Jahre-Film. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Tenant, 1976 – ★★★★★

    The Tenant, 1976 – ★★★★★

    DER MIETER
    (LE LOCATAIRE, Frankreich, 1976, Regie: Roman Polanski)

    Trelkovsky hat das Glück, eine Wohnung in Paris zu beziehen, da sich die Vormieterin aus dem Fenster gestürzt hat. Doch das Glück hält nicht lange an, denn der Vermieter und die anderen Mieter im Haus sind nicht gerade die Mitmenschen, die man sich wünscht. Abweichendes Verhalten, Lärm und andere Störungen werden kritisch beäugt und schnell kommt es zur ersten Diskussionen. Als Trelkovsky die Freundin der Vermieterin kennenlernt, bahnt sich eine Beziehung an. Stella macht Trelkovsky mit ihren Freunden bekannt, doch der fühlt sich zunehmend unwohl in seiner Haut. Der Druck, den der Vermieter und die anderen Mieter im Haus auf ihn ausüben, wird stärker und kratzt an seiner Persönlichkeit, die sich immer mehr zu verändern scheint. 

    Als ich DER MIETER das erste Mal sah, hatte ich, wenn ich aus dem Fenster schaute, fast den gleichen Ausblick wie Trelkovsky. Eine runzelige, alte Fassade mit vielen Fenstern und ein dreckiger Innenhof schauten mich an. Der Schauplatz dürfte für die Meisten nachvollziehbar sein, und genau diese Nachvollziehbarkeit ist eine der Stärken in Polanskis Psycho-Thriller. Die Meisten werden das Gefühl kennen, neu in einem Mietshaus zu sein, sich den Gepflogenheiten anzupassen und möglichst nicht für Konflikte zu sorgen oder sich in die der Anderen einzumischen. Die Nachtruhe einzuhalten ist eine weitere Empfehlung, die hier mehr als einmal nachdrücklich ausgesprochen wird. „Die Vormieterin hat ab 22 Uhr Hausschuhe getragen…“, erwähnt der Vermieter fast wie ein Befehl. 

    Auf äußerst eindringliche Art lässt Polanski Trelkovsky, den er selbst verkörpert, in eine Abwärtsspirale gleiten, in der er sich selbst immer mehr verliert und was von seiner Nachbarschaft offensichtlich befeuert wird, zumindest aus seiner Wahrnehmung heraus. Bissige Dialoge, erstklassige Darsteller und eine permanente Atmosphäre der Angst und Bedrohung machen aus DER MIETER einen äußerst spannenden Film, der durchaus Material zur Auseinandersetzung bietet und in einigen Momenten wunderbar unklar bleibt. Polanski ist als Trelkovsky wirklich zauberhaft und sorgt für viele unglaublich starke Szenen, die ihn mal hilflos, irritiert oder zutiefst verstört zeigen. An Polanskis Seite ist die zauberhafte Isabell Adjani, deren Gesicht als Stella fast hinter einer riesigen Brille verloren geht. Im Mietshaus selbst wohnt der Vermieter mit Frau, was immer eine verdammt schlechte Idee ist. Melvyn Douglas verkörpert Monsieur Zy, den sich wohl niemand als Vermieter wünschen würde. Die kratzbürstige Concierge des Hauses, die über alles und jeden glaubt, Bescheid zu wissen, wird von der tollen Shelley Winters gespielt. Sie und viele weitere Schauspieler sorgen in ihren Rollen für Szenen für die Ewigkeit. 

    Trotz der Paranoia und der zunehmenden Wesensveränderung, die Trelkovsky durchmacht und auch beim Zuschauer für immer mehr Unwohlsein und Irritationen sorgt, liefert Polanski auch herrlich schräge, humorvolle Momente, wenn z.B. die von den anderen Mietern gehasste Madame Gaderian (Lila Kedrova) vor ihre Wohnungstüren kackt. „Nur vor Ihre Türe habe ich nichts gelegt“, sagt sie. Danach schmiert sich Trelkovsky selbst ein bisschen Kot von der Madame vor seine Wohnungstür, damit niemand glaubt, er hätte die Haufen gelegt. Doch die Auflockerung hält nicht lange, denn mit fortschreitender Spielzeit verdichtet sich DER MIETER und es kommt zu höchst beängstigenden Alptraumbildern. Es hat einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, wenn die anderen Mieter einfach nur im WC stehen und rüber in Trelkovskys Wohnung starren oder er einfach nur einen Zahn der Vormieterin in einem Loch in der Wand findet. Es sind viele Details, die den Film zusätzlich interessant gestalten, wie z.B. die ägyptische Symbolik.

    Kamera-Legende Sven Nykvist liefert ein Meer an unglaublich atmosphärischen Bildern, die Trelkovskys Abstieg in einem alptraumhaften Paris zeigen. Das meiste spielt sich allerdings im Studio ab, in dem z.B. der komplette Hinterhof mit Hausfassade errichtet wurde. Aber es ist nicht nur die Architektur, die hier meisterlich eingefangen wurde, sondern auch die Darsteller, die einem manchmal förmlich ins Gesicht springen. Wie eine Spinne langsam ihre Beute eingewebt, ist es hier Philippe Sarde, der einen mit seinem Score zusätzlich packt und in die düstere Welt von Trelkovsky begleitet. 

    DER MIETER ist in jeglicher Hinsicht ein Meisterstück und ein ausgesprochen gutes Beispiel für eine Romanadaption. Polanski und sein Drehbuchautor Gérard Brach
    folgen Roland Topors Roman so genau, wie ich es selten erlebt habe. Wenn man sich etwas mit dem Werk von Topor beschäftigt, wird man gerade in seinen bizarren, überspitzen Zeichnungen ein stückweit die düstere Welt von Trelkovsky erkennen. 

    DER MIETER ist ein beängstigender Psycho-Thriller über den Verlust der eigenen Identität, in dem Polanski als Regisseur jedes Rädchen komplett unter Kontrolle zu haben scheint, während er sie als Trelkovsky immer mehr verliert. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme und mein Lieblingsfilm von Roman Polanski. 

    (Bjoern Candidus)