Autor: marco-fritz

  • Scarecrows, 1988 – ★★★

    Scarecrows, 1988 – ★★★

    PARATROOPER
    (SCARECROWS, USA, 1988, Regie: William Wesley) 

    Vier Gangster haben 3 Millionen Dollar geklaut, die sie mit einem entführten Flugzeug transportieren. Doch einer der Gangster verliert die Lust am Teilen und springt mit dem Geld aus dem Flugzeug und landet mit dem Fallschirm vor der Grenze Mexikos. Es dauert nicht lange, bis die anderen die Verfolgung aufnehmen. Doch auf dem Landstrich laueren beseelte Vogelscheuchen, die Eindringlinge nicht dulden. 

    William Wesley (ROOT 666, 2001) hat mit PARATROOPER einen ansehnlichen Hybrid aus Horror- und Gangster-Actionfilm gezimmert, der vor allem durch seine düstere Atmosphäre, dem gelungenen Vogelscheuchen-Design und den teils sehr garstigen Gore-Szenen überzeugt. Die Finsternis der Inszenierung kommt vor allem dadurch zu Stande, weil die Story nur in einer Nacht spielt und der Schauplatz von Wäldern und Feldern dominiert wird. Sehr schön sind die Nachtsichtgerät-Aufnahmen. Dazu gibt es einen stimmigen, sehr nach 70er-Jahre klingenden Score, der ordentlich zur Spannung beiträgt.

    Der actionreiche Anfang in einem Flugzeug wird auf dem Land fortgeführt. PARATROOPER ist wie eine Mischung aus PREDATOR (1987) und dem 22 Jahre später entstandenen DOG SOLDIERS, nur mit Vogelscheuchen. Abzüge gibt es auch hier bei den Figuren, die sich mit sämtlichen Klischees schmücken und allesamt unsympathisch sind. Die Darsteller machen zwar durchaus solide Arbeit, aber ihre Figuren nerven einfach irgendwann. 

    PARATROOPER ist ein anständiger 80er-Jahre-Horrorfilm, der von Anfang bis Ende gut aussieht, aber durch die simple Story und die ätzenden Figuren einen bitteren Beigeschmack bekommt.

    (Bjoern Candidus)

  • Blastfighter, 1984 – ★★★½

    Blastfighter, 1984 – ★★★½

    BLASTFIGHTER – DER EXEKUTOR
    (BLASTFIGHTER, Italien, Frankreich, 1984, Regie: Lamberto Bava)

    Jake Sharp, ein Ex-Cop, der ein paar Jahre unschuldig hinter Gittern verbracht hat, verschlägt es in die Natur, um ein ruhiges Leben zu führen. Doch in den Wäldern von Georgia treiben sich Wilderer herum, die nicht nur Tiere töten. Es kommt zum Konflikt, bis schließlich die ersten Unschuldigen getötet werden. 

    Als die Hochphase des italienischen Horrorkinos langsam abflachte, versuchte man sich zunehmend am Action-Kino. Ließen sich die Italiener für ihr endzeitliches Action bei MAD MAX II (1981) inspirieren standen bei BLASTFIGHTER Filme wie RAMBO und DELIVERANCE (1972) Pate, ohne sie inhaltlich zu kopieren. An der Story fuchtelte mal wieder Dardano Sacchetti herum, der die Hauptfigur, Jake ‚Tiger‘ Sharp, in die Wälder Georgias schickt, um auszuspannen. Doch schnell gerät er in einen Konflikt mit Wilderern, der zu einem handfesten Krieg ausartet.

    Visuell hat Lamberto Bava einen schönen Film abgeliefert, der durch die Natur Georgias immer gut aussieht. Die Bilder werden in erster Linie von Wäldern, Flüssen und Felsen geprägt, in denen sich die Gewalt abspielt. Hier wird sich verfolgt, geschossen und heimtückisch getötet. Es gibt einige blutige Einschüsse zu sehen, die handwerklich ordentlich umgesetzt wurden. Weniger erfreut war ich über die Wildtiertötungen, ob echt oder nicht. 

    Michael Sopkiw, der selbst mit Schnäuzer immer den gleichen Ausdruck im Gesicht hat, spielt Jake ‚Tiger‘ Sharp, allerdings wenig beeindruckend. Mehr Charakter kommt mit George Eastman rein. Er spielt Tom und ist einerseits der Bruder einer der Wilderer andererseits ein Freund von Jake, was natürlich zu einem zusätzlichen Konflikt führt. Auch Michele Soavi ist dabei, der als Freund von Jake nicht lange überleben darf. Valentina Forte darf als Connie den einzig weiblichen Part übernehmen. Für den Score zeichnete sich Fabio Frizzi verantwortlich, der ein Jahr später teilweise in AMAZONAS – GEFANGEN IN DER HÖLLE DES DSCHUNGELS wiederverwendet wurde, in dem Michael Sopkiw ebenfalls die Hauptrolle übernahm. 

    BLASTFIGHTER ist ein grundsolider Actionfilm vor einer tollen Naturkulisse, der inhaltlich alles andere als innovativ ist, aber nie langweilt und in einem guten Rhythmus das genretypische Programm abspielt. Ein untypischer, aber handfester Bava. 

    (Bjoern Candidus)

  • 99. The Child (1972)

    99. The Child (1972)

    THE CHILD

    OT: CHI I’HA VISTA MORIRE

    Italien, 1972

    Regie: Aldo Lado

    Bjoern Candidus und Patrick Müller steuern Venedig an, um über Aldo Lados Giallo THE CHILD zu sprechen, in dem George Lazenby als Künstler den Mörder seiner Tochter sucht.

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

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    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • The Texas Chain Saw Massacre, 1974 – ★★★★★

    The Texas Chain Saw Massacre, 1974 – ★★★★★

    BLUTGERICHT IN TEXAS
    (THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, USA, 1974, Regie: Tobe Hooper)

    Mit meinen damaligen zwölf Jahren, um 1993 herum, hatte ich bereits schon einige Horrorfilme gesehen und aufgrund von Büchern und Magazinen eine große Liste von Filmen erstellt, die ich unbedingt noch sehen wollte. BLUTGERICHT IN TEXAS war einer dieser Filme, die ganz oben standen. Befeuert wurde der Wunsch natürlich durch die Filmliteratur, die ich zu Händen hatte. Überall fand der Film Erwähnung, und mir war klar, dass es nicht einfach werden würde, an diesen zu kommen. Meine Cousin-Film-Connection konnte mit TANZ DER TEUFEL, NIGHTMARE ON ELM STREET oder HELLRAISER dienen, aber nicht mit THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Es blieb mir also keine andere Wahl als zu warten, denn das Internet war ja schließlich noch in weiter Ferne. Noch mehr angefixt wurde ich dann im Jahre 1994 als die Horrorfilm-Dokumentation TERROR IM PARKETT (1984) im Fernsehen lieft. Im Rahmen der Dokumentation werden sehr viele Ausschnitte aus berühmten Horrorfilm gezeigt und so bekam ich endlich bewegtes Material zu dem Film, auf den ich so scharf war. Und als ich das erste Mal sah, wie Gunnar Hansen als Leatherface die Kettensäge startet und Pam auf einem Boden voller Knochen kriecht, angefeuert durch das Gegacker von Hühnern, wurde mein Begehren nur noch größer. Es sollte noch bis zum Jahr 1998 dauern, bis ich endlich Tobe Hoopers Meisterwerk des morbiden Terror zu Gesicht bekam. Damals im Rahmen einer VHS Kassette, die ich mir über Dänemark bestellte.

    Jetzt ist der Film schon 27 Jahre in meinem Herz und Hirn verankert und wurde bisher von mir alle Jubeljahre mit jedem neuen Medium gekauft. Fast schon ritualisiert landet der Film bei Temperaturen um die 36° in meinen Player, um in Tobe Hoopers und Kim Henkels erstickende Welt abzutauchen. Wenn die Luft so heiß ist, dass man kaum noch atmen kann, wird THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE zu einem 4D-Vergnügen. Wenn man noch weitergehen möchte, öffnet man einfach den Deckel seines Mülleimers, während man den Film guckt. Von der ersten Sekunde an wird man in eine Atmosphäre der Bedrohung gestoßen, wenn einem der Lauftext schon das Übel verspricht und man wenig später die Überreste von verwesten Leichen präsentiert bekommt. Gekrönt wird dieser Auftakt von zwei Leichen, die auf einem Grabstein sitzen. 

    Hoopers Film ist zu keiner Sekunde freundlich. Von Anfang an besteht eine gewisse Spannung zwischen den Figuren, die hier aufbrechen, um das Haus von Sallys und Franklins verstorbenen Großeltern zu besuchen. Die Geschwister werden begleitet von Pam, Jerry und Kirk, die allesamt in einem Autobus unterwegs sind. Als sie einen Anhalter mitnehmen, der sich als Geisteskranker herausstellt und den im Rollstuhl sitzenden Franklin mit einem Skalpell verletzt, nimmt das Unheil unaufhaltsam seinen Lauf. Hätten sie mal auf Pams Worte über die negative Kraft des Saturns gehört.

    Hooper schafft es mit jeder neuen Szene im Film eine unangenehme Atmosphäre zu erzeugen. Der Halt an der Tankstelle, die kein Benzin mehr hat, wird dominiert von der Hitze, die den Asphalt zum flimmern bringt, und zeigt, unter welchen Voraussetzungen dieser schmal budgetierte Film entstanden ist. Es geht vorbei an ausgedörrten Feldern und heruntergewirtschafteten Viehbetrieben, bis sie endlich ihr Ziel, das vergammelte Haus der Großeltern, erreichen. Bis dahin haben übellaunige Menschen die Story im Griff, aber ab jetzt regiert der pure Terror, denn es gibt da noch ein weiteres Haus in der Trockenheit von Texas, was von einer kannibalistischen Familie bewohnt wird. Wenn der Koloss mit der Menschenhautmaske seinen Hammer erhebt, um ihn anschließend auf den Kopf von Kirk zu knallen, gibt es kein Zurück mehr. Gerade in Sachen Gewalt funktioniert THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE auf sehr effektive Art, denn in erster Linie wird sie nur angedeutet und erschafft so noch viel schlimmere Bilder im Kopf des Zuschauers zu erzeugen. Mit Blut geht Hooper sparsam um, doch auf brachiale Gewalt verzichtet er dennoch nicht. Statt der grafischen Gewalt legt er mehr Wert auf die Ausstattung seiner Schauplätze. Die morbide, aus Knochen bestehende Inneneinrichtungen im Hause der Sawyers gehört bis heute zu den beeindruckendsten Sets im Horrorkino. Möbel aus Tier- und Menschenknochen, eine mit Gesichtshaut bespannte Lampe und undefinierbare Relikte des Wahnsinns bestimmen das Bild. Die Kühltruhe, das Zerlegen menschlicher Körper und die Grillwürstchen, die in einer anderen Tankstelle vor sich hin brutzeln, verraten auch den Speiseplan der Familie Sawyer, den das Ganze allerdings auch nicht mehr schlimmer macht. Franklins Ermordung im Rollstuhl, Sally (Marilyn Burns), die durch das Geäst gejagt wird und anschließend die übelsten Tischmanieren der Welt beigebracht bekommt und der im Sonnenlicht tanzende Leatherface sind Momente, die man nicht mehr vergisst, es sei denn, man kann dem Film so gar nichts abgewinnen. Auch auf der Soundebene wird hier Schauderhaftes geliefert. Die experimentelle Soundkulisse wurde von Hooper und Wayne Bell geschaffen. Ein Instrumental-Score im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, dafür sonderbare Geräusche, die mit unterschiedlichen Gegenständen erzeugt wurden. Im Hintergrund hört man immer wieder unterschiedliche Nachrichten im Radio, die eine weitere unangenehme Ebene eröffnen.

    THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE tut nicht nur seinen Figuren, sondern auch dem Zuschauer weh, und das die gesamte Laufzeit über. Mir fallen nicht allzu viele Horrorfilme ein, die mit einer derartigen Kraft voranschreiten. Hooper, Henkel und das gesamte Team vor und hinter der Kamera haben einen Film für die Ewigkeit geschaffen, der zurecht von ganz vielen Menschen hoch geschätzt wird. Man muss den Film nicht lieben, aber seinen großen Einfluss kann man ihm nicht absprechen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Massacre in Dinosaur Valley, 1985 – ★★★

    Massacre in Dinosaur Valley, 1985 – ★★★

    AMAZONAS – GEFANGEN IN DER HÖLLE DES DSCHUNGELS
    NUDO EL SELVAGGIO, Brasilien, Italien, 1985, Regie: Michele Massimo Tarantini) 

    Der Paläontologe Kevin Hall ist im brasilianischen Urwald auf der Suche nach dem Tal der Dinosaurier. Er findet schließlich eine Spur und reißt mit einer Gruppe Touristen per Flugzeug in die abgelegene Gegend, in der auch Kannibalen ihr Unwesen treiben sollen. Als es zu einer Notlandung kommt, landen sie mitten im Dschungel und müssen sich sämtlichen Gefahren stellen.

    Die italienisch-brasilianische Co-Produktion ist eine echte Wundertüte des Abenteuer-Kannibalen-Genres. Regisseur Michele Massimo Tarantini liefert bereits von Beginn an Action, die kurz in die Fußstapfen der Spence/Hill-Filme driftet, bevor das Abenteuer der Idioten, mit denen man es hier zu tun bekommt, losgeht. Die Besetzung ist wirklich ulkig. Michael Sopkiw ist der Beautie im Dschungel, der darstellerisch mal wieder nicht viel zu bieten hat. An Widerwärtigkeit kaum zu überbieten ist Milton Rodríguez als Captain John Heinz. Ihn kann man sich als eine Art asozialen Version von Matthias Reim vorstellen, dem wenigstens das Herz rausgerissen wird. Es tauchen noch ein paar dämliche Weiber auf, von denen eins im letzten Drittel von dem Abziehbild-Bösewicht namens China (Carlos Imperial) vergewaltigt wird. Kannibalen gibt es natürlich auch, allerdings tauchen die nur kurz auf und glänzen in erster Linie durch ein Ritual, bei dem ein Priester einen lustigen Holzentenhut trägt, bevor er sich in einen Priester mit einem Dinosaurierschädelhut verwandelt. Das muss man erst mal nachmachen.

    AMAZONAS – GEFANGEN IN DER HÖLLE DES DSCHUNGELS ist sehr abwechslungsreich inszeniert. Tarantini lässt seine Figuren kleine Abenteuer erleben, bei denen man sich nie lange aufhält, damit es erst gar nicht zu Langeweile kommt. Die Fotografie ist nicht unbedingt die sicherste, aber die schöne Natur von Brasilien kann einiges kaschieren, wenn auch nicht die dümmlichen Figuren. Krokodile, Piranha-Attacken Treibsand, viel nackte Haut und einige blutige Szenen sorgen jedenfalls für genug Spaß.

    Auch wenn Lenzi und Deodato immer wieder durchblicken, ist AMAZONAS – GEFANGEN IN DER HÖLLE DES DSCHUNGELS eher dem Abenteuer- als dem Kannibalenkino zuzuordnen. Außerdem muss man lobend erwähnen, dass es hier nicht eine Tiersnuff-Szene gibt. Der zusammengeklaute Score passt hingegen leider gar nicht. Für einen eigenen fehlte offensichtlich das Geld.

    AMAZONAS – GEFANGEN IN DER HÖLLE DES DSCHUNGELS ist ein unterhaltsames Dschungelabenteuer ohne Sinn und Verstand. 

    (Bjoern Candidus)

  • Devil Hunter, 1980 – ★★★

    Devil Hunter, 1980 – ★★★

    JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN
    (EL CANIBAL, spanien, Frankreich, Deutschland, 1980, Regie: Jess Franco) 

    Laura Crawford, eine aufstrebende Schauspielerin, wird von ihrer Managerin und drei Typen entführt und in den Dschungel verschleppt. Aus ihrem Geheimversteck fordern sie ein Lösegeld vom Studioboss, der daraufhin den Vietnam-Veteran Peter Weston engagiert. Dieser bricht mit seinem Freund Jack auf, um Laura zu befreien. Doch auf der tropischen Insel stellen nicht nur die Entführer eine Gefahr dar, sondern auch ein Stamm Indigener, die eine menschenfleischfressende Gottheit anbeten. 

    Jess Franco hat nie geschlafen. Das ist natürlich Quatsch. Doch schaut man sich seine Filmographie an, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Mitten auf der Kannibalenfilm-Welle, die 1980 mit Ruggero Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST ihren Höhepunkt erfahren hat, legte Franco nach und bog mit JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN um die Ecke. 

    Was man sehr schnell an der Flora erkennt, ist, dass man hier nicht auf einer tropischen Insel unterwegs ist, sondern in Spanien und Portugal. Das macht aber gar nichts, da die Kannibalen auch nicht authentischer aussehen als der Schauplatz. Die Besetzung für die Kannibalen ist äußerst abwechslungsreich, denn die scheinen aus sämtlichen Ländern der Welt zu stammen. In erster Linie ist es aber auch ihr Gott, der an Menschenfleisch interessiert ist. Der Kannibalengott präsentiert sich als zwei Meter großen Mann ohne Kleidung, aber dafür mit zwei Pingpongballhälften als Augen. Der guckt entsprechend schlecht gelaunt und taucht in erster Linie vor einem Baum auf, an dem Frauen geopfert werden. Franco hält sich nicht zurück mit Gore und lässt das Blut für seine Verhältnisse ganz schön spritzen. Aber die Kannibalengott-Momente pendeln zwischen unfreiwillig komisch und verstörend hin und her und hinterlassen, wie der Rest der Inszenierung, den Eindruck, Franco hätte wirklich schon lange nicht mehr geschlafen. JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN ist ein derart wild durcheinander gewirbelter Brei, dass man nur staunen kann. Der teils experimentelle Score von Daniel J. White (und Franco) unterstreicht das fiebertraumartige Gefühl, was die Inszenierung mitbringt. In dieser sonderbaren Parallelwelt taucht auch Al Cliver als Peter Weston auf, der sich im Finale auf äußerst lustige Art mit dem Kannibalengott auseinandersetzen darf. Als Antagonist ist mal wieder Werner Pochath als einer der Entführer am Start. Wer auf Lina Romay, Howard Vernon oder anderen vertrauten Franco-Gesichtern hofft, muss enttäuscht werden. Wer nicht enttäuscht wird, sind Freunde von nackter Haut, aber die ist auch nichts Neues im Kino von Jess Franco. 

    Der Mix aus Abenteuer-, Gangster- und Kannibalenfilm ist gut gemeint, doch die Umsetzung läuft so neben der Spur, dass sich die meisten Zuschauer vermutlich schnell abwenden und sich mit ihrem Denken gegenüber Jess Franco bestätigt fühlen. Ich persönlich hatte durchaus Spaß mit JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN, denn in der Reihe seiner Kannibalen-Mitstreiter hat er einen eigenen Charakter, auch wenn der nur bis drei zählen kann. Das Hauptproblem ist für mich die Spielzeit von 102 Minuten, von denen man gut und gerne eine Viertelstunde hätte entfernen können. 

    (Bjoern Candidus)

  • Flavia the Heretic, 1974 – ★★★★½

    Flavia the Heretic, 1974 – ★★★★½

    CASTIGATA, DIE GEZÜCHTIGTE
    (FLAVIA, LA MONACA MUSULMANA, Frankreich, Italien, 1974, Regie: Gianfranco Mingozzi) 

    Italien, 1480. Während einer Schlacht zwischen Italienern und osmanischen Invasoren enthauptet Flavias Vater, der Inquisitor Don Diego, einen jungen Muslimen. Flavia beobachtet die schreckliche Tat ihres Vaters, die sie ihm nie verzeihen wird. Kurze Zeit später bringt sie ihr Vater in ein Kloster, in dem sie zur Nonne erzogen werden soll. Doch Flavia will sich nicht unterdrücken lassen, weder von Frauen noch von Männern und beginnt ihren Kampf gegen ein System, gegen das man nur verlieren kann.  

    Gianfranco Mingozzis Nonnen-Drama geht inhaltlich auf den Angriff auf die Stadt Otranto in Italien durch osmanische Truppen im Jahre 1480 zurück, dem 800 christliche Märtyrer zum Opfer fielen. Dieses Ereignis kombiniert er mit Flavias Leidensweg , die sich von den Fesseln der Norm lösen möchte. 

    In der Reihe der Nunsploitation-Filme sticht CASTIGATA, DIE GEZÜCHTIGTE ganz klar heraus. Die Fotografie von Alfio Contini ist sehr ansprechend. Die Kostüme und die Schauplätze sind authentisch. Es geht in weitläufige Klostergemäuer oder man darf sich an der umliegenden Natur laben. Alles sieht hochwertig aus und wird von dem schönen Score von Nico Piovani veredelt. 

    Aber neben Schönheit, steht vor allem Grausamkeit auf dem Plan von 
    Mingozzis Inszenierung, und in dem Punkt holt er zu ein paar richtig derben Schlägen aus. Vergewaltigung und Folter ist hier angesagt, und wenn eine Frau mit kochendem Öl verbrannt und ihr anschließend eine Brustwarze abgeschnitten wird, darf man zu recht schlucken. Es kommt zu Pfählungen, Kreuzigungen, dem obligatorischen Auspeitschen und zu einer Kastration eines Hengstes. Zudem gibt es ein paar surreale Momente, die noch einen Hauch Mystik mitbringen. Das und noch viel mehr erwartet einen in CASTIGATA, DIE GEZÜCHTIGTE. 

    Doch Mingozzis Film hebt sich nicht nur durch die stark inszenierten Grausamkeiten ab, sondern überzeugt durch eine packende Story und tollen Darstellern, allen voran Florinda Bolkan als Flavia. Vom strengen Vater ins Kloster geschickt, von wahnsinnigen Nonnen gefoltert, wechselt sie zum Islam, der sie wie das Christentum nur unterdrücken will. Bolkan geht immer auf in ihren Rollen, und hier passt sie geradezu perfekt, wenn sie von der unterdrückten Frau immer mehr zu einer Jeanne d’Arc wird. Der einzig ihr wirklich gut gesonnene ist Abraham, der von Claudio Cassinelli verkörpert wird. 

    CASTIGATA, DIE GEZÜCHTIGTE ist ein starkes Nonnen-Drama, was sich in allen Bereichen gegen die meisten ähnlich gelagerten Filme durchsetzen kann und gut und gerne neben Ken Russells DIE TEUFEL (1971) parken darf. 

    (Bjoern Candidus)

  • Caligula: The Untold Story, 1982 – ★★★★

    Caligula: The Untold Story, 1982 – ★★★★

    CALIGULA 2 – THE UNTOLD STORY
    (CALIGOLA: LA STORIA MAI RACCONTATA, Italien, 1982, Regie: Joe D‘Amato)

    Nach dem Tod von Kaiser Tiberius Caesar übernimmt Gaius Caesar Augustus Germanicus, besser bekannt als Caligula (zu Deutsch: Stiefelchen) die Macht des Römischen Reiches. Caligula lebt in Dekadenz und verspürt den ständigen Drang, seine Macht auf drastische Art zu demonstrieren und lässt sogar nach Lust und Laune seine engsten Verbündeten hinrichten. Sex und Ausschweifungen aller Art bringen Freude in seinen Alltag. Als er eines Tages eine Frau vergewaltig und schließlich, samt ihrem Ehemann, tötet, schwört ihre Freundin, Miriam, Rache. Sie kann Caligula mit ihrem Charme verzaubern und gelangt somit in seine Schutzzone. Doch nicht nur Miriam will den sadistischen Herrscher töten, sondern auch die Leute aus seinem engsten Kreis, die sein Verhalten nicht länger dulden wollen. 

    Nachdem Tinto Brass mit seinem CALIGULA (1979) weltweit für Aufsehen und Empörung sorgte, sollte es nicht lange dauern, bis der gute Aristide Massaccesi aka Joe D‘Amato seine Antwort dazu lieferte. 

    Man sollte sich von den Vorstellungen freimachen, einen ähnlich pompösen Film mit phantastischen Kulissen und berauschenden Farben zu bekommen. Stattdessen liefert D‘Amato einen natürlicheren Anstrich mit Studiokulissen, die nicht aussehen wie der Vorhof zur Hölle. Dass hier viel weniger Geld zur Verfügung stand, zeigen diese Kulissen allerdings auch. Doch das tut der Sache kein Abbruch, denn D‘Amato sorgt für ganz andere Schauwerte. Er hat Sex mit ihr, sie mit ihr, er mit ihm, heißt es hier immer wieder. Wer Hardcore-Sex im Römischen Reich sucht, der wird hier fündig, und im Gegensatz zu Brass und Vadim, wurden hier die Sex-Szenen vom Vater des Film selbst gewünscht. Die Story und das Drehbuch stammt von George Eastman, der leider nicht als Darsteller auftritt. Dafür darf Laura Gemser mal wieder zugegen sein. Sie verkörpert Miriam, die Caligula den Kopf verdreht. Caligula selbst wird von David Brandon verkörpert, der aufgrund seines edlen Aussehens eine hervorragende Figur abgibt. Das exzentrische Schauspiel von Malcolm McDowell wird von Brandon gar nicht erst kopiert. An seiner Seite ist Charles Borromel als Petreius, während Gabriele Tinti in die Rolle von Marcellus Agrippa schlüpft. Und dann ist da noch ein junger Michele Soavi als Domitius, dem Caligula die Arm- und Beinmuskel durchtrennen lässt, damit er bewegungsunfähig wird und nur noch als Lustsklave dienen soll. Eine ziemlich üble Idee, und davon gibt es einige. Die Mastrubation eines Pferdepenis durch eine junge Frau, die zum Dank von dem Hengst (im Off) bestiegen wird, wird sicherlich nicht jedem gefallen, was auch auf die Analpenetration von Agrippa mittels Metallstange zutreffen könnte. Sex, Gewalt und gute Laune sind einem in CALIGULA 2 – THE UNTOLD STORY gewiss. 

    Für die Fotografie hat D‘Amato ebenfalls wieder selbst gesorgt und einige richtig schöne Impressionen festgehalten. Die Kostüme und die gesamte Ausstattung ist ordentlich, dazu liefert Carlo Maria Cordio einen schönen Score. 

    In über 2 Stunden liefert CALIGULA 2 – THE UNTOLD STORY den Größenwahn eines Herrschers, der sich selbst für einen Gott hält, ausschweifende Sexpartys feiert und sich sadistischen Morden hingibt oder sie ausführen lässt. Ein starker D‘Amato. 

    (Bjoern Candidus)

  • Mark of the Devil Part II, 1973 – ★★★½

    Mark of the Devil Part II, 1973 – ★★★½

    HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT
    (Deutschland, 1973, Regie: Adrian Hoven) 

    Im Jahre 1780 sorgt in einer deutschen Gegend der Hexenjäger Balthasar von Ross für Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Immer wieder bezichtigt er Frauen und Männer der Hexerei und lässt sie foltern bis sie gestehen, im Bund mit dem Teufel zu sein, um sie dann hinzurichten. Als Graf Salmenau einer jungen Frau helfen will, die als Hexe bezichtigt und ertränkt werden soll, wird er von Natas, einem Hexenjäger, getötet. Seine Frau will Gerechtigkeit, doch ihrer Zeugenaussage will niemand glauben. Als sie nicht locker lässt, sorgt Balthasar von Ross dafür, dass ihr kleiner Sohn Alexander eingesperrt wird, weil er ein kleiner Teufel sei. 

    Wer nach HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT (1970) noch mehr Hexploitation aus Deutschland braucht, dem sei HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT wärmstens ans Herz gelegt. Während Adrian Hoven im Vorgänger für Michael Armstrong als Regisseur einspringen musste, weil der zu unzuverlässig war, übernahm er bei der Fortsetzung direkt selbst die Regie. Von einer Fortsetzung kann hier allerdings nicht die Rede sein, sondern es wird eine eigene Geschichte erzählt, die der vom Vorgänger allerdings sehr ähnelt. Auch der ein oder andere Darsteller taucht wieder in der gleichen Rolle auf. Reggie Nalder ist wieder ein Hexenjäger, heißt hier Natas und ist mindestens so widerlich wie in HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT. Ebenfalls wieder an Bord: Johannes Buzalski als Advokat. Herbert Lom wurde durch Anton Diffring als Balthasar von Ross ersetzt, der mit seinen durchdringenden Augen ganz besonders finster wirkt. Elisabeth von Salmenau wird von Erica Blanc verkörpert, die ihre Schönheit in alle Richtungen verstrahlt. Wieder an Bord ist auch Percy Hoven als der kleine Alexander von Salmenau. Etwas leid getan hat mir Astrid Kilian, der man extra eine Glatze geschnitten hat, statt ihr eine Latexhaube aufzupappen. Das nenn ich konsequent. Sie muss hier als Nonne Clementine einiges ertragen.
    Erst wird sie ausgepeitscht, dann von einem äußerst widerlichen, sabbernden Folterknecht vergewaltig und anschließend… schaut selbst. Von einer Vaginapfählung über eine Streckbank bis hin zum Scheiterhaufen ist hier alles dabei. Auch wenn HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT natürlich mit allem Mitteln und auf Teufel komm raus exploitativ inszeniert wurde, haftet grausame Wahrheit an ihm und man wird Zeuge davon, was unsere Vorfahren im Namen des Gesetzes, basierend auf Lügen und Aberglaube, vollzogen haben. 

    Auch der Schauplatz des Schreckens ist erneut Schloss Moosham und Burg Mauterndorf sowie diesmal noch Burg Finstergrün, die ebenfalls im Lungau (Österreich) zu finden ist. Die umliegenden Wälder, Wiesen, Berge und Täler bieten erneut ein märchenhaftes Ambiente, dem allerdings die wunderschöne Musik von Michael Holm fehlt. 

    HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT erreicht nicht ganz die Qualität des Vorgängers, braucht sich vor diesem aber nicht verstecken. Adrian Hoven liefert fiese Kerle ohne Ende, setzt auf Sex und Gewalt und verwöhnt einen mit prächtigen Burgen und Landschaften. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Night of the Clocks, 2007 – ★★★½

    The Night of the Clocks, 2007 – ★★★½

    DIE NACHT DER UHREN
    (LA NUIT DES HORLOGES, Frankreich, 2007, Regie: Jean Rollin)

    Hätte Jean Rollin nicht 2009 mit LA MASQUE DE LA MÉDUS einen weiteren Film gedreht, hätte DIE NACHT DER UHREN den Kreis seiner Filmografie wunderbar geschlossen. Doch Rollin war getrieben, weitere Geschichten über seine Welt der Lebenden, der Toten und der Untoten zu erzählen, und dieser Film ist ein weiteres Beweisstück der Liebe für das, was er tat.

    Abgesehen von den Vampiren, die sein Werk dominieren, ist es das Meer und die Standuhren, die zu den wiederkehrenden Elementen seiner Welt(en) gehören. DIE NACHT DER UHREN macht da keinen Unterschied und liefert all das und noch viel mehr. Dieser Film ist für seine Fans, für ihn selbst und die Figuren, die er geschaffen hat. 

    Der Film handelt von Ovidie, die das Schloss ihres verstorbenen Cousins, dem Schriftsteller und Regisseur Michael Jean, geerbt hat. Da sie nicht weiß, was mit Michael Jean geschehen ist, untersucht Ovidie die Umgebung und begegnet sinistren Figuren, die alle samt aus der Fantasie ihres Cousins entsprungen sind und über Standuhren in unterschiedliche Welten verschwinden können. Der Film wirft die Frage auf, ob die Lebenden von den Toten träumen oder die Toten von den Lebenden. DIE NACHT DER UHREN ist wie ein Traum, der einen auf eine düster melancholische Reise mitnimmt, bei der man am besten gar keine Fragen stellt, denn dafür ist Ovidie da, die sich durch das Werk ihres Cousins gräbt. Durchzogen wird die Inszenierung von Szenen aus Rollins Schaffen, die natürlich noch mehr ein Indiz dafür sind, dass es sich bei Michael Jean um Jean Rollin selbst handelt. Wie die meisten Filme von Rollin wird auch dieser von den Frauen dominiert, und so ist der Cast auch fast ausschließlich weiblich und wird angeführt von der französischen Schauspielerin und Regisseurin Ovidie als Ovidie. Des Weiteren darf man sich über Françoise Blanchard als Françoise Blanchard (LADY DRACULA, 1982), Dominique als Dominique (SEXUALTERROR DER ENTFESSELTEN VAMPIRE, 1971), Maurice Lemaître als Michael Jean (DAS LAUTSCHLOSS DER GRAUSAMEN VAMPIRE, 1970) und über einige andere Bekannte aus Rollins Werk freuen. 

    Stillgelegte Bahngleise, ein alter Friedhof voller Grüfte und Statuen, 
    ein verbrannter Wald und ein Schloss bestimmen das Bild dieses poetischen Horrorfilms. Eigentlich gefällt mir das Wort Horrorfilm in diesem Zusammenhang gar nicht, aber ich lasse es mal so stehen. 
    Ein paar Längen und etwas zu viele Dialoge dehnen die Inszenierung manchmal unnötig, dennoch sieht sie immer schön aus. Bedenkt man, dass der Film auf Video gedreht wurde, kann er die Optik jener Tage sehr gut kaschieren. Der Film sieht stellenweise nach einer 70er-Jahre- Produktion aus, und die eingefügten Szenen aus seinen alten Filmen unterstützen diese Illusion zusätzlich. Der melancholische Score stammt von Philippe d’Aram, der seit FASCINATION (1979) immer wieder mit Rollin gearbeitet hat.

    DIE NACHT DER UHREN ist ein hypnotischer Trip in die finstere, mysteriöse Wunderwelt des unvergleichbaren Jean Rollin, zu der vermutlich nur der Fan Zugang findet. 

    (Bjoern Candidus)